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10 Jahre iPod

Von | 23.10.2011, 16:13 | Ein Kommentar

Der iPod – ein „Schlüsselmoment des Jahrhunderts“ – ist zehn Jahre alt . Hab ich was versäumt?

iPod-User by Hellyana, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Du kennst das eventuell: Du flanierst auf einer Straße zwischen lauter Häusern und bist kurz planlos, du wendest dich an den nächsten Passanten, „tschuldigung, wo gehts hier zum …“ – aber der Passant tut so, als hätte er nicht gehört. Du wiederholst die Frage, er hört wieder weg, also tippst du ihm an die Schulter und er schrickt auf.

Er greift sich an den Kopf und schiebt die Haare hinters Ohr, in seiner Hörstelle steckt ein weißer Knopf, dessen Draht diskret im Mantelkragen verschwindet. Er zieht den Stöpsel aus dem Ohr, hüstelt ein wenig zwecks Zeitgewinn zur mentalen Entsorgung des Rappers, der sein Gehirn bevölkert hatte und subsequenter Ankunft seiner Sinne im Hier-und-Jetzt … und keine zwei Minuten später ist er auch schon für dich erreichbar.

Ein iPodist also. Ein paar Daten: Er ist einer von 300 Millionen weltweit. Zwischen Juli 2010 und Juni 2011 wurden 45 Millionen dieser Dinger verkauft, die Hälfte davon an „iPod-Jungfrauen“ – Menschen, die bislang noch keinen hatten. Menschen wie ich. Soweit ich das einschätzen kann, werde ich als Jungfrau sterben.

Der iPod hat Geburtstag. Seinen zehnten. Vor zehn Jahren wurde seine Geburt verlautet. Eine Revolution, du erinnerst dich, der iPod erfüllte die „Sehnsucht“ nach einer technologischen Freiheit, die dir gestattete, deine Umwelt geistig zu verabschieden und nach deinem persönlichen Soundtrack durch dieselbe zu marschieren, jene Umwelt, die dir per iPod so demonstrativ wurscht ist.

Das war schon eine Ankunft an jenem 23. Oktober 2001. Der globale Downer des 9/11-Terrors saß noch allen im Genick, gute Nachrichten waren erwünscht und hey, jetzt kam der wirtschaftlich wiedergeborene iSteve mit dem iPod – einem „Schlüsselmoment in der sozialen Welt des 21. Jahrhunderts“.

Hinter dem Boss stand dessen aktuelle Bitch, der Sänger Seal, und flötete „erinnerst du dich an deinen ersten Walkman?“ in die Mikros, „wow! Ich möchte dieses Ding tragen, wohin ich auch gehe …“

iPod – „Idiots Price Our Devices“

Somit zur Idee hinter diesem „Schlüsselmoment“ des Jahrhunderts: ein tragbarer Musikspieler. Sorry? Haben wir das nicht schon seit 1978? Kannst du nicht vergleichen, konterte iSteve, mit dem iPod kannst du ab sofort 1000 Songs mit dir herumschleppen und demnächst deine ganze Technowelt in deinem Hosensack verstauen, das alles für lächerliche 400 Dollar.

Sager waren das, in meinem Ohr klangen sie wie „ciao, Alter, du bist für immer 20. Jahrhundert“, meine Jungfernschaft zementierte sich praktisch von selbst. Brauchte ich 1000 Songs für so eine durchschnittliche Wegstunde von daheim zum Arbeitsplatz, das reicht doch kaum für 20 Lieder, schafft meine alte Mühle auch. Brauch ich meine Welt im Sack? Na eben.  Aber gut, 300 Millionen User können sich nicht irren. Die Welt im Sack kann offenbar was.

10 Jahre iPod, heute gibt es Anekdoten. Von iSteve, der den ersten iPod-Entwurf in ein Aquarium warf, weil ihm das Ding zu groß war („seht ihr die Luftblasen? Da war also Luft drin, das heißt es geht kleiner“). Von der Lautstärke des iPod, die den anderen MP3-Playern überlegen war, aber nur, weil die Techniker wussten, dass iSteve teilweise taub war und sie nun mal das „okay“ des Apple-Bosses brauchten. Der bekanntlich Bob Dylan zwischen den Ohren brauchte, weil dessen Freundin Joan Baez ihn nicht zwischen den Beinen brauchte.

iPod – „I´d Prefer Owning Discs“

Etwas weiter hinten gereiht die Umwegdaten, die Speisung via iTunes, das 22 Cents für jeden Track-Dollar einheimst, nicht ganz, was die marode Musikindustrie brauchte, die umgekehrt keinen Cent sieht, wenn ein iPod verkauft wird – auf dem noch dazu dieser leutselige „Don´t Steal Music“-Sticker klebt.

Mit dem iPod wurde die Umwandlung von Apple machbar, gestern schwachbrüstig, heute mega und so weiter, der Boss hatte ein paar letzte Jahre Oberwasser. Die er (laut neuer Jobs-Biografie von Walter Isaacson) verwendete, um Leuten wie Barack Obama zu erklären, wo es lang geht. Zum Beispiel, dass dieser weniger menschenfreundlich, dafür mehr businessfreundlich agieren müsse, damit die Konzerne nicht weiterhin „gezwungen sind, in China Fabriken zu bauen“. Ja, der berühmte Zwang …

Aber gut, was ein iPod-User ist, kriegt sowas ohnehin nicht mit. Ein iPodist ist schalldicht, er geht im Takt seines eigenen Soundtracks durch die Welt, er ist Individualist, einer von 300 Millionen Individualisten.

Wahrscheinlich hat das auch seinen Sinn. Wahrscheinlich brauchst du den iPod, um die Welt begehbar zu machen. Man denke an die Scheuklappen der Pferde, die haben so einen Sinn, was nützt ein Gaul, der ständig störrisch ist? Störrisch ginge ich mir selbst auf die Socken, aber gut, ich hab meinen 82er Sony Walkman Pro. Analog, versteht sich. Das sind noch Basstöne, Leute!

 

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