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Ist Facebook das neue mp3?

Von | 24.10.2011, 9:20 | 2 Kommentare

Wir sind Gewohnheitstiere und wollen Beständigkeit. Was zur Frage führt: Bilden sich auch in der digitalen Welt Standards – oder ist nur der schnelle Wandel gewiss?

Facebook (Quelle: flickr - Dimitris Kalogeropoylos; CC BY-SA 2.0)

Facebook (Quelle: flickr - Dimitris Kalogeropoylos; CC BY-SA 2.0)

Die analoge Welt war einfach. Manche Dinge ändern sich dort nie. So ist das Kupplungs-Pedal im Auto immer links zu finden, der Orangensaft ist immer gleich gefärbt und Weihnachten fällt alljährlich auf den 25. Dezember. Ähnlich ist es bei ganz alltäglichen Produkten. Wir haben uns an bestimmte Konstanten gewöhnt, ohne sie wäre vieles komplizierter.
Egal ob Getränkekartons, die exakt in die Fächer des Kühlschranks passen, den 3,5mm Klinke-Anschluss bei Kopfhörern oder schlicht der Kleiderbügel. Viele Produkte sind standardisiert und auf einen Nenner gebracht. So kennen wir es, so mögen wir es.

Die digitale Welt tickt etwas anders. Produkte sind immer seltener abgeschlossene Einheiten. Der Kunde hat sich an Versionsnummern gewöhnt. Feste Konstanten werden seltener, wir kaufen mehr und mehr Versprechungen von Herstellern, Produkte stetig zu verbessern oder anzupassen – ja sogar halbfertige Produkte sind kaum jemandem fremd.

Bosch, der sprechende Kühlschrank

Dabei verschwimmt die Trennung von digitaler und analoger Produktwelt zunehmend. Es ist längst keine Zukunftsmusik mehr ungefragt das neueste Update der Software des Fahrzeug-Bordcomputers während der regelmäßigen Inspektion aufgespielt zu bekommen.

„Damit verbrauchen Sie noch weniger und haben auch die neueste Version der Navigation!“, so oder ähnlich kennen es viele Besitzer von Mittel- oder Oberklassefahrzeugen. Immer öfter ist auch die eigentlich Hardware bei verschiedenen Produktreihen gleich, nur die Software macht den Unterschied.

Während klassisch analoge Produkte zunehmend auch digitale Komponenten erhalten – hier sei nur der Kühlschrank „der Zukunft“ erwähnt – gibt es mittlerweile eine ganze Reihe an rein digitalen Produkten, die wir uns kaum mehr aus dem Alltag wegdenken können. Software bestimmt mehr unseren Alltag als wir uns manchmal bewusst sind. Egal ob mp3-Musik, PDF-Dateien oder jpeg-Bilder. All diese Formate und letztendlich ihre Anwendung sind für viele Menschen normal geworden. Sie sind alltäglicher Standard. Mp3, obwohl technisch mittlerweile veraltet, wird uns wohl auch noch in der nächsten Zeit erhalten bleiben. Zumindest solange die Akkus moderner Smartphones nur ein paar Stunden Streaming überleben.

Woran liegt das? Es gibt zwei vermutlich gleich wichtige Erklärungsansätze. Zum einen ist es die Industrie. Eine nicht zu überschauende Anzahl von technischen Geräten und Services ist auf das mp3-Format abgestimmt. Vom Autoradio bis zum mobilen mp3-Spieler. Es ist schlicht kaum möglich das ganze Ökosystem um das Dateiformat mp3 herum zu ändern. Es würde Jahre dauern bis sich eine neue Technologie durchsetzt und bis die Masse umgestiegen wäre. Man denke nur an HDTV.

Der zweite Grund mag zunächst etwas unscheinbar daherkommen. Es ist die Gewohnheit. Wir Menschen sind oftmals faul und träge. Wir lieben das Gewohnte, die Dinge, auf die wir uns verlassen können. Nun mag dies bei dem einen mehr und dem anderen weniger ausgeprägt sein, grundsätzlich aber sind wir die sprichwörtlichen Gewohnheitstiere.

Wird Facebook das neue mp3?

Womit wir bei der Frage reiner online-Anwendungen wären. Jedes Kind kennt mittlerweile Facebook und hat vermutlich – ab einem gewissen Alter – auch einen Account dort. Wird also Facebook das neue mp3? Einige Hinweise gibt es dafür. So hat Facebook mittlerweile eine kritische Masse erreicht, wo selbst das Wachstum in globalem Maßstab schwieriger wird. Was aber noch viel wichtiger ist: Facebook hat nahezu alle Gesellschaftsschichten erreicht. Mitglied sind längst sind nicht mehr nur die coolen Early Adopters, die sowieso immer am Puls der Zeit leben möchten. Der 50-jährige Familienvater ist es ebenso wie die 41-jährige Geschäftsfrau. Alle sind bei Facebook.

Doch es ist nicht nur die eigene Gewohnheit, die es der Konkurrenz so schwer machen wird. Es ist ebenso das soziale Umfeld, die Kontakte. Über Jahre sammelte man eifrig und mühsam Kontakte und Freunde. Was ist, wenn diese nicht mit zu Google Plus übersiedeln, ja vielleicht noch nie vom neuen Stern am sozialen Himmel gehört haben?

Nimmt man nun noch die ganze Welt der Unternehmen, Institutionen und Kampagnen hinzu, wird klar: Facebook wird nicht untergehen. Es könnte wirklich der Standard werden, ja noch mehr als es ohnehin schon ist. Alle haben sich auf Facebook eingerichtet, es sich gemütlich gemacht. Die Welt um Facebook herum macht es so stark.

Facebook kann sich nur selber zerstören. Innovationen sind wichtig, aber um jeden Preis? Vor ein paar Wochen war es wieder soweit. Facebook wurde „revolutioniert“. Ein Tagebuch, nein eigentlich eher ein Logbuch will es nun sein. Wollen die Menschen es denn auch so? Möchten sie nicht vielleicht lieber etwas Beständiges mit vernünftiger Usability und klaren Strukturen?

Das wird sich nun zeigen. Eines wird aber immer deutlicher. Wir sind Gewohnheitstiere und wollen nicht ständig Freunde verwalten, Einstellungen ändern oder uns umgewöhnen. Wir wollen eigentlich nur eines: dass es funktioniert und bleibt.

2 Kommentare »

  • Havanna sagt:

    Dem letzten Absatz widerspricht aber meine Erfahrung:
    Um die Jahrtausendwende benutzten alle (meiner Freunde) ICQ als Kommunikationsplattform, paar Jahre darauf sind sämtliche ICQ Kontakte zu MSN gewechselt, dann zu StudiVZ, letztlich zu Facebook und nebenbei Skype als Audio-/Videokommunikationsmittel.
    Sämtliche Plattformen waren zu ihrer Zeit technisch gesehen ziemlich gut (und sind es heute noch), aber niemand hat bspw. Jabber verwendet, was schon vor gefühlten 20 Jahren wie Skype verwendet werden konnte.

    Eigentlich geht es auch weniger darum was technisch das „beste“ ist oder wo die meisten Kontakte sind, sondern eher was gerade „in“ ist bzw. gehyped wird, um nicht zu sagen welche Sau die Medien als nächstes durchs Dorf treiben.
    Wer erinnert sich denn heute noch genau an Myspace?
    Ahja… die gab es ja auch noch!
    Bei MySpace waren sie doch schon wieder „alle“, bauten dort ihre sozialen Strukturen auf und verließen die Plattform auch genauso plötzlich wieder.
    Obwohl es auch eine gewisse Menge an Benutzern überschritt, von einer kritischen Masse brauchen wir nicht zu reden, ansonsten wäre es immer noch ein Selbstläufer.
    Irgendwann fand Myspace auch keine Erwähnung mehr in den Medien und was jetzt aus Myspace wurde weiß eigentlich niemand mehr so genau.

    Google scheint genau hier etwas falsch gemacht zu haben: der wirkliche, beständige Hype hat gefehlt.
    Klar kurzzeitig gab es ihn, aber die Selbstinszenierung wie bei Facebook/Apple hat gefehlt, der Hype um die Marke an sich.
    Google+ wurde halt viel zu unspektakulär eingeführt bzw. die Konsumenten haben die künstliche Verknappung der Ressourcen gecheckt.

  • Jens Noll fragt: Ist Facebook das neue mp3? » Focus, Netzzeit » http://t.co/0rZzUmJJ http://t.co/cFLUwbBF

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