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9.4.2003: Bagdad fällt. Und Salam Pax bloggt.

Von | 09.04.2009, 7:00 | Kein Kommentar

Heute vor zehn Jahren fiel Bagdad, wurde Saddams Statue am Firdaw-Platz geschliffen. Angst regierte die Stadt und „Bagdad Blogger“ Salam Pax hämmerte in die Tasten. Der Text.

 

Saddam fällt

10. April 2003, drei Uhr Nachmittag. Nachdem unser Haus eine Zeitlang gesteckt voll war, fühlt es sich nun ziemlich leer an. Die meisten Familien haben beschlossen, zu ihren Wohnungen zurück zu kehren. Ein paar erstaunliche Tage sind hinter uns. Am 4. April waren die Amerikaner beim Flughafen, drei Tage später marschierten sie in Bagdad ein, gestern erreichten sie den Firdaw-Platz (Firdaw bedeutet „Himmel“). Das irakische Militär ist aus den Straßen verschwunden. Sie sind einfach verschwunden, wie in Luft aufgelöst. Auf den Straßen werden Armee-Schuhe und Uniformen herum geschmissen, verlassene Militärvehikel stehen herum. Ein Akt des Allmächtigen hat jedes Militärmitglied verschwinden lassen, wie im Märchen … „und die goldene Kutsche verwandelte sich um Punkt 12 in einen Kürbis“.

Gegen sechs Uhr schalteten wir den Stromgenerator an, um die Nachrichten zu erhaschen. Heilige Kuh im Himmel, was ist da los? Iraker versuchen, die Saddam-Statue am Firdaw-Platz zu schleifen. Dass die Amerikaner bereits mitten in der Stadt waren, war weniger überraschend als der Anblick dieses Häufleins von Leuten, die das Ding runter bringen wollten. Freunde haben bereits erzählt, dass die Amerikaner überall waren, aber die Nachrichten verrieten nicht alles. Sie erwähnten die „Saddam-Brücke“, aber sie verschwiegen, dass die Brücke gleich neben der Universität Bagdad stand, nur einen Steinwurf von den Präsidenten-Gebäuden entfernt.
Gestern sahen wir die ersten TV-Bilder von Plündereien. Der iranische Nachrichtenkanal Al-Alam zeigte die Bilder, und weil der Kanal mit jeder normalen Antenne empfangen werden kann, kam die Nachricht von der gesetzlosen Phase dieses Angriffs auch zu uns. Farhud hat in Bagdad begonnen. Farhud. Pogrom. Gewaltsame Enteignung. Sowas passierte erstmals den Juden von Bagdad, als sie aus ihren Häusern gejagt wurden, fragt mich nicht, wann das war. Ich habe lange nicht gewusst, dass dieses Wort – Farhud al yahood – verwendet wurde, um das Plündern der jüdischen Häuser zu beschreiben. Dann gab es auch noch eine sehr systematische und staatlich organisierte Farhud in Kuwait. Und heute erzähle ich euch, dass sich Geschichte nicht nur  wiederholt, beim dritten Mal fährt sie dir sogar mitten ins Auge. Zuzuschauen, wie deine Stadt vor deinen Augen zerstört wird, ist nicht eine Pein, die du in Worte fassen kannst. Sowas macht dich sauer, oder hieß das bitter. Irgendwas in dir rastet aus und jede Hoffnung, die du vielleicht hattest, verpufft im Nichts. Versperrt die Türen, schließt eure Augen. Und lasset uns hoffen, dass die schwarzen Wolken dieser Hässlichkeit an uns vorüber ziehen.
Momentan plündern und zerstören sie nur das, was man den „Wohlstand der Regierung“ nennen kann, also tatsächliches öffentliches Eigentum. Sie zerstören, was eigentlich ihnen gehört, aber wie soll man ihnen das erklären? Bislang gab es noch kaum Übergriffe auf privates Eigentum. Geplündert werden Regierungsdepots, die randvoll mit importierten Autos sind – „Geschenke“ Saddams -, und die Autos werden auf die Straßen gerollt und ganz einfach in Besitz genommen. Leider ohne Schlüssel. Ein Problem, für das ihr wohl eure eigenen Lösungen finden müsst.
Ein simpler amerikanischer Fingerzeig hätte genügt, um das alles zu stoppen, dessen bin ich mir sicher. Das Innenministerium ist zum Beispiel verschont geblieben, weil dort zwei amerikanische Armeevehikel standen. Die Türen blieben verschlossen und niemand schaffte es hinein. Jetzt, in diesem Moment, wünschte ich wirklich, dass an jeder Straßenecke ein amerikanischer Panzer steht.

Hier ist die Geschichte von jemandem, in dessen Straße ein US-Panzer steht: M lebt nahe eines der Higheways im Westen Bagdads. Dort haben die Amis einen Kontrollpunkt etabliert. Das war am 7., also vor drei Tagen. Einige der Soldaten verbrachten die Nacht am Dach von Ms Haus, er selbst blieb in Parterre und dort saß er, regungslos und voll Angst. Am Morgen hörte er sie die Fenster einschlagen und ins Haus steigen. Er rannte raus und machte dabei genug Lärm, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er sprach Englisch und bat sie, sein Haus zu verschonen. Sie meinten, sie hätten angeklopft, aber weil sich niemand meldete, dachten sie eben, das Haus sei verlassen. Und weil sie eine Nacht zuvor angegriffen worden seien, haben sie eben beschlossen, am Hausdach Position zu nehmen.
Nachdem dann wieder irgendwer von hinter einem Auto auf sie schoss, zerbombten die Panzer am Ende der Straße jedes einzelne Auto im Umkreis und töteten dabei auch ein paar „Fedajin“-Typen, die sich in den Gärten der Häuser versteckt hatten.
M erklärte, dass die 20 oder so Häuser leer seien und die Insassen geflohen, als die Nachricht vom Vormarsch des Westens einlangte. Er hatte Glück, nicht erschossen zu werden, als er aus dem Haus rannte. Jedenfalls beschlossen die Amerikaner, von Ms Hausdach auf ein anderes Dach zu wechseln. Heute kam M mich besuchen, von der Antenne seines Autos flatterte ein weißes Taschentuch. Es wäre töricht, ohne so einen weißen Fetzen auf die Straße zu gehen. M kam also herüber und erzählte mir über die Bilder, die er von den Marines und ihren Panzern gemacht hatte. Die Amis hatten alles getan, um extra höflich zu erscheinen, nachdem sie unsere Nachbarschaft in Grund und Boden gerammt hatten. So höflich, dass einige Nachbarn die Soldaten sogar zum Mittagessen eingeladen haben. Nett, nicht wahr?

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