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We Are The World, We Are Mistelbach

Von | 16.10.2011, 19:06 | 9 Kommentare

Warum will man ausgerechnet in Mistelbach ein Denkmal für Michael Jackson errichten? Gegenfrage: Wo sonst?

Michael Jacksons History-Statue by noudl, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Vor Kurzem heiratete bekanntlich der englische Musiker Paul McCartney (95) seine nunmehr dritte Gattin. Es war ein relativ diskretes Ereignis, die Zeitungen berichteten weniger von der Hochzeit, mehr von der Party in der Nacht davor.

McCartney hatte in sein Anwesen im noblen St Johns Wood geladen und war offenbar großartig drauf, nach Mitternacht gab er einen spontanen Gig, er sang „Ticket to Ride“ und „Let It Be“. Das war es allerdings auch schon, denn wenig später klopfte die Polizei an die Tür. Der Grund: eine Klage von McCartney´s Nachbarn. Wegen Ruhestörung.

Faszinierend. Da gibt der bekannt knausrige Ex-Beatle ausnahmsweise mal ein Gratiskonzert – und Mister und Missus St Johns Wood verdeutlichen ihm, wo er sich das hinstecken kann. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, dachte ich.

Die Episode fiel mir gestern wieder ein, als ich von der niederösterreichischen Stadt Mistelbach las. Die Weinviertler Metropole hat einen besonderen Platz in meinem Gemüt, ich steige dort relativ häufig am Bahnhof aus einem oder in einen Zug.

Der Bahnhof verströmt einen Hauch von „Spiel Mir Das Lied Vom Tod“, wenn ein Zug hält, steigt im Schnitt nicht ganz eine Person aus und du kannst raten, welchem Waggon das wohl widerfahren wird. Ich hab mich am Bahnhof Mistelbach immer wohl gefühlt, aber gut, ich bin nicht repräsentativ, ich fühl mich auch allein in einer Zelle wohl.

Unweit des Bahnhofs gibt es auch einen „Landesbahnpark“ – und bezüglich dreier Quadratmeter davon beschloss der Gemeinderat nun mit überwältigender Mehrheit (31 pro, 5 kontra), dass dort ein Denkmal für Michael Jackson errichtet werden dürfe.

Die großzügige stadtpolitische Geste rief selbstverständlich sofort mediale Lächler wach („Ha, Mistelbach war immer schon schwarz“), aber schon bei der Frage „verfügt die Heimat großer Söhne (und nun auch Töchter) nicht über genug Eigenbau-HeldInnen?“ wird klar, dass es Probleme gibt. Wenn die HeldInnen auch noch unter jungen Leuten populär sein sollen, ist die Auswahl hier zu Lande dürftig: Es muss ein Popstar sein, und er (oder sie) darf nimmer sein.

Was Mistelbach anbelangt, ist praktisch keine Auswahl vorhanden. Die eine logische Kandidatin, die geborene Mistelbacherin und Liedermacherin Claudia Mitscha-Eibl (Tophit: das „Mirjam-Lied“ über die „befreiende Kraft Gottes“) ist  zum Glück noch am Leben, kommt also nicht in Frage. Etwaige sinnvolle Alternativen sind schon von etwas weiter hergeholt. Die EAV-Truppe, zum Beispiel, hat Mistelbach einmal in einem Lied verewigt („Am Schotterteich von Mistelbach wird vielleicht noch die Christl schwach“), allerdings weiß kein Mistelbacher was von einem Schotterteich. Zweitens leben auch die EAV noch, und das südlich der Donau, also praktisch im Ausland.

Bliebe Georg Danzer. Der erfüllt nahezu alle Kriterien. Er ist nicht mehr unter uns, sein unvergesslicher „Nackerter im Hawelka“ hat mehr oder weniger Mistelbach-Bezug (der nun 100jährige Leopold Hawelka ist geborener Mistelbacher), außerdem starb der Liedermacher in Niederösterreich. Dummer Weise in Asperhofen. Das ist nicht mehr Weinviertel, es ist Mostviertel. Es ist Konkurrenz.

Die andere Konkurrenz – das Waldviertel – hat sich bekanntlich unlängst den verblichenen Rapper Falco sozusagen unter den Nagel gerissen. In Gars am Kamp, per schlichter Statue.

Mit einer gewissen Berechtigung, muss man zugeben, dem Vernehmen nach war der Hölzel-Hans dort wiederholt bei Herrn Dungl zum Service. Anzunehmen, dass man sich das nun auch von so manchem Falco-Statuenpilger erwartet („eine Falco-Massage, bitte.“)

Das ist der Punkt: Ein aufgestellter Toter kann so manches triste Örtchen beleben. Und wenn Falco die Infrastruktur von Gars erfrischen kann, was könnte dann einer wie der Jackson-Michael für Mistelbach leisten?  Meint Alfred Pohl, Bürgermeister von Mistelbach: „Er bringt Besucher, die dann mehr als nur das eine Angebot nutzen.“ Die Sandstein-Madonna auf dem Kirchenberg, zum Beispiel. Oder die Dreifaltigkeitssäule. Oder das Wetterhäuschen im Stadtpark. Oder …

Oder vielleicht ist das Jackson-Denkmal nur der Anfang des Einzugs einer radikalen Pop-Moderne. Ein „Walk of Fame“ mit Beatles und Elvis? „Warum nicht, ich bin ein großer Beatles-Fan“, meinte Pohl.

Tatsache ist: Der Traum von Mistelbach als Pilgerstätte für Jackson-Fans lebt, die Erreichbarkeit kein Problem mehr, die Autobahn A5 ist ja nun eröffnet, von der Ausfahrt Mistelbach sind es nur noch acht Kilometer ins Jackson-Mekka von morgen. Wär ohnehin Zeit, dass jemand die A5 auch benützt. Und höchste Zeit wär es für ein wenig Bevölkerungswachstum in der Stadt. Die einschlägige Statistik ist tatsächlich etwas ominös.

Hier ein paar Zahlen: 1971 hatte Mistelbach gezählte 10 235 Einwohner. Zwanzig Jahre später waren es – 10 234 (!). Cool, no? Erst 2007 erreichte die Einwohnerzahl die 11000er-Marke und als Gründe für die seltsame Stagnation gibt es einen kolportierten (ein Insider: „Die Gemeinde limitiert das absichtlich, weil sie ab 12 000 Einwohnern eine eventuell beantragte Lizenz für einen Puff absegnen müsste.“) und einen obligaten, der für jeden kleinen Ort in Österreich-Land gilt: die Jugend (du wirst in Nirgendwo am Fluss geboren, du wächst heran, du beginnst zu denken – und denkst: nichts wie weg).

Wer in Mistelbach „Jugend“ sagt, der sagt außerdem nur zwei Worte, nämlich „Touch Me“, so heißt die eine funktionierende Disco des Ortes. Es gibt oder gab noch andere, sie hießen „Point“ bzw heißen „Shakes Beer“ und zählen nicht, ich erwähn sie auch nur, um auf den Mistelbach-typisch spielerischen Umgang mit dem Angloamerikanischen hinzuweisen, der Geist dahinter lechzte in Wahrheit immer schon nach der Präsenz von so wem wie Michael.

Das Touch Me ist die eine wahre Location für die Abteilung „Teenage Dreams“ und als solche ein hart umkämpftes Pflaster, dort trifft sich nicht nur das junge Mistelbach, dort gehen zwecks Aufriss auch die Charmeure der Nachbarorte hin, Leute wie mein Freund, der Kruter – man stelle sich hier eine Mischung aus 50% Winnetou und 50% Bruce Lee vor, wohnhaft in tolerantem Elternhaus („meine Mutter hat immer applaudiert, wenn ich eine frische Mistelbacherin nach Hause brachte.“)

Das „Touch Me“ ist denn auch der eine Ort, wo der Schulterschluss von Mistelbach mit Jackson-Michael wahrhaftig wurde, praktisch jede(r) MistelbacherIn im relevanten Alter wuchs mit „Billy Jean“ und „Beat It“ und Soweiter heran.

Einer jungen Frau namens Martina Kainz (39) ging es nicht anders („Michael ist immer mit mir“). Sie war es auch, die den nun abgesegneten Antrag einbrachte, und die via Website denkmal4michael die Finanzierung anstrebt. (Preis einer Gussbüste: EUR 4500.-, Bronzestatue EUR 10 000.-).

Martina Kainz, Screenshot

Wer Frau Kainz „warum Mistelbach4Michael?“ fragt, bekommt nicht nur die Antwort „weil es (ähnliche Ambitionen, Anm.) in München und Köln nicht geklappt hat“, der bekommt auch eine Referenz, die direkt zu Jackson-Michael führt: die HIStory-Tour. Die bekanntlich 1996 in Prag startete. Wo unter anderen die tschechische Künstlerin Daniela Kartakova im Publikum saß. Die 2010 eine Jackson-Büste aus einem Block Eis anfertigte. Und das Problem mit Eis ist nun mal, dass es insbesondere in der warmen Jahreszeit nicht sonderlich haltbar ist. Wenn es nach Frau Kainz geht, soll Miss Kartakova die Jackson-Büste für Mistelbach anfertigen und Miss Kartakova hat nichts dagegen, warum auch, ist ja nur ein Katzensprung auf der A5.

Man sieht also die Müßigkeit der Frage „warum Mistelbach4Michael“. Die Antwort kann nur „ja, wo denn sonst?“ sein. Mit Michael ist Mistelbachs Zukunft außerdem bevölkerungsexplosiv. Meinte auch ein befragter Mistelbacher: „I gfrei mi, dann steht Mistelbach endlich amoi im Zentrum der Welt.“

Pilger, kommst du nach Mistelbach – du entsteigst dem Waggon, dein Fuß betritt den Bahnsteig, ein kleiner Schritt für dich, ein mächtiger für die Zivilisation. Vor deinen Augen rechts der vertraute Silo, darauf groß die Aufschrift „Willkommen im Mekka des Pop“.

Wir sind die Welt. Wir sind Mistelbach.

9 Kommentare »

  • Der anscheinend einzige Gscheite sagt:

    Schön, dass wieder massig Geld für ein absolut unverzichtbares Denkmal ausgegeben wird, damit ein Politiker mehr Anerkennung erhält. Hat doch beim Resch grandios geklappt. Jetzt sitzt er zwar nicht im Landesrat und ist nicht einmal mehr Bürgermeister, aber dafür dürfen sich die Mistelbacher über einen Betonblock freuen, wo mit Blut und anderen Substanzen beschüttete Leinwände händen und uns die feinen Klänge von atonaler und unharmonischer „Musik“ die Ohren streichelt. Alles in allem: der Michael wird sowieso nicht lange in Mistelbach verweilen, da könnt ihr euch sicher sein.

  • Eva sagt:

    Gefällt mir. Und als Mistelbacherin war ich bei allen Medienberichten zu dem Thema jedes Mal peinlich berührt. An die „Erfolgsstory“ des Nitsch-Museums kann der Jackson Wahlfahrtsort nahtlos anschließen. … Wenn Kommunalpolitiker zum Nabel der Welt gehören wollen …..

  • Michael sagt:

    Es ist eine wenig bekannte Tatsache, dass Michael Jackson viele seiner berühmtesten Hits (u.a. Thriller und Man in the Mirror) beim Lustwandeln am Ufer jenes Baches schrieb, der für die Namensgebung des Ortes verantwortlich ist. Er befand sich nämlich in den Jahren 1982, 83 und auch 1987 auf Sommerfrische in Mistelbach (deswegen weil das Landesklinikum Weinviertel wegen einer gigantischen Förderung des damaligen Landeshauptmanns Ludwig das Zentrum der modernen Schönheitschirurgie war). Schon jetzt erinnert die Michael-Hofer-Gasse in Mistelbach an das Pseudonym unter dem Herr Jackson in Mistelbach zu Gast war – ein Offizielles Denkmal ist daher der nachvollziehbare weil logische nächste Schritt.

    • MJ Fan sagt:

      @Michael: Ach ja?! Schade nur, dass weder Thriller noch Man in the Mirror von Michael Jackson selbst geschrieben wurden!

      Ich finde es super, dass es so ein Denkmal in Mistelbach gibt!

  • Karin sagt:

    jaja, früher Polizistelbach – jetzt Mistelbeach, der Nabel der Welt :-))))

  • mare sagt:

    für mich war diese news sehr outstanding, doch mit dieser begründung ist´s fast schon „ein-leuchtend“;-)

  • Wir schalten jetzt nach Mistelbach. http://t.co/uFXH8x66 #fb

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