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Das RIP-Syndrom

Von | 09.10.2011, 17:51 | 5 Kommentare

RIP ist im Netzwerk wie ein Wennsatz. Es hat was Würdeloses. Über das Dissen nach dem Tod.

Steve Jobs for Fortune by tsevis, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Mein Freund, der Pianist, war schon mal besser drauf. „Das Leben ist beschissen“, meinte er gestern, und er meinte es sehr persönlich. Vor vier Tagen starb Steve Jobs, vor drei Tagen begann er „die Chemo“.

Materiell gesehen hatte mein Freund mit Mister Apple nie was am Hut, er hat immer einen PC verwendet, aber organisch ist er mit dem Verblichenen vernetzt wie niemand es braucht – mein Freund hat Pankreas-Krebs. Und so drängt sich der Abgang des großen Amerikaners maximal unsympathisch in sein Gemüt, wenn der Jobs mit seinen Milliarden keine Heilung fand, wie groß sind da seine Chancen?

Mein Freund ist nicht wiki-notiert, aber in meinem Dorf ist er ein Jemand, er war mal Anheizer für Sting-Konzerte, das waren Zeiten – die er in jüngerer Vergangenheit häufig wiederbelebt, es ist alles sehr bewegend. Und gelegentlich ambivalent. Nicht für ihn, er will derzeit nichts anderes tun als im Jetzt-und-hier leben. Aber wir, seine Freunde, driften gelegentlich auch in die Zeit danach ab.

Ich war schon lange nicht bei einem Begräbnis und hab auch Nullbock darauf, der Tod hat was hundsgemein Absolutes, nichts geht dann mehr mit dem Verblichenen. Alles was dir bleibt ist die Nachrede und letztere ist in meinem Lebensraum von Tradition geprägt. Da ist erst die Einkehr (solange die Leiche noch warm ist), dann das Begräbnis, wo du – im Kreis der Trauergäste, das ist wichtig – eventuell was los werden willst. Monate später gibt es noch eine „Erweckung“, wo an der Legende des Toten gebastelt wird, ausschließlich gespeist aus persönlichen Erfahrungen.

Schwer zu sagen, warum das so ist. Sicher aber hat es mit Respekt vor dem Phänomen des Todes zu tun. Allein die Zurückhaltung, sich – und dem Toten –  vor der Nachrede ein paar Tage der Einkehr zu gönnen, ist praktizierter Respekt.

Wie dieser Respekt gelagert ist, illustriert jene bekannte jüdische Anekdote von einem Begräbnis in Irland, wo sich die Trauergäste mehr von Pflichtgefühl als von Trauer motiviert eingefunden hatten, der Rabbi das allgemeine Unbehagen spürte und daher fragte: „Möchte irgendwer etwas über den Verblichenen sagen?“ – Niemand schien etwas sagen zu wollen, also wiederholte der Rabbi die Frage solange, bis ein Zeitgenosse des Verblichenen schließlich hervortrat und den Mund öffnete: „Sein Bruder war schlimmer.“

Bekanntlich hat der Geist hinter diesen vier Worten eine Jahrtausende alte Wurzel, die auch nach Jobs´ Tod häufig zitiert wurde: „De mortuis nil nisi bonum“, also „über Verstorbene nichts (sagen), es sei denn gut (gemeint)“. Man soll über den Toten in einer Weise sprechen, die berücksichtigt, dass der Tote sich nicht mehr wehren kann.

Ich kann damit generell recht gut, insbesondere bei Leuten, die in der Öffentlichkeit stehen oder standen, gibt oder gab es zu deren Lebzeiten ausreichend Gelegenheit, entsprechende Kritik loszuwerden.

Wahr ist aber auch: „ Wie immer in Todesfällen wird erst dann das gesagt, was eigentlich zu Lebzeiten opportun gewesen wäre, die Menschen sich aber nicht trauen.“ (ein FM4-Ideologe)

Letzteres passiert besonders gern im Alltag des Sozialen Netzwerks. Es passiert Atem beraubend schnell, die Hemmschwellen sind außerdem geringer, du musst dir die Nachrede ja nicht in Anwesenheit der trauernden Verwandten und Freunde aus dem Rachen pressen sondern kannst locker in die Tasten hämmern.

Extrem gewöhnungsbedürftig die Geschwindigkeit: Momente nach Todesfall das erste „RIP“, Absender nicht selten ein(e) vom Stolz, der/die erste gewesen zu sein, getragene(r) Digital Native. Dann die RIP-Flut der mehr oder weniger Betroffenen, die dir gleich einmal die eigene Sicht auf den Toten verpflastern, also wirst du vorübergehend Facebook-abstinent. Schließlich – und gar nicht spät – die Grabspucker.

Der Tod konnte mal die Hinterbliebenen vereinen, und sei es auch nur für den Anlass des Begräbnisses, am Sozialen Netzwerk scheidet er die Geister. In jedem Freundeskreis. Das war bei Hans Dichand so und bei Peter Alexander nicht anders. Bei Steve Jobs hatte es extreme Bandbreite, von „iGod“ war ebenso die Rede wie von „iHitler“. Besonders verblüffend der „Kursverfall“. Ich bin sicher nicht der Einzige, der von Mister Jobs gerade – vier Tage nach Ableben – die Nase voll hat. Makaber, no?

Der Tod hat am Sozialen Netzwerk unter anderem was Würdeloses.

Aber gut das Leben geht weiter. Zum Beispiel für Grünpolitiker Klaus Werner-Lobo, wenn auch schwer zu sagen, wie, er würde am liebsten weder Apple-Computer noch PC benützen, eher nicht ein Smartphone besitzen, von Adidas- oder Nike-Schuhen ganz zu schweigen. Alles Dinge mit Geruch, die Sachen werden meist dort gefertigt, wo Arbeitskräfte ganz besonders ausgebeutet werden. Alles Dinge jenseits Politischer Korrektheit. Alles im Zweifel nichts für den – von mir immens geschätzten – Saubermann (siehe auch Der Dash-Grüne). Theoretisch halt.

Dennoch schaffte er es, online einen Nachruf zu platzieren, nämlich „RIP – ein Nachruf auf die Opfer von Apple“. Gemeint waren ArbeiterInnen der chinesischen Firma Foxconn, wo Apple-Produkte gefertigt werden – und wo auch Selbstmorde vorkommen (laut einem Lobo-Troll 17 Suizide pro 1 Million MitarbeiterInnen in 5 Jahren, Vergleich Österreich: 15 Suizide pro 100 000 Einwohner)

Man muss nicht Kapitalist oder Kapitalismuskritiker sein, um ein Vokabular für die entsprechenden Umstände zu haben, aber es hilft. Sie nennen es so wunderbar neutral „Wettbewerbsfähigkeit“. Man lässt in Asien – und dort bei den billigsten Arbeitskräften – produzieren, um am Markt „wettbewerbsfähig“ zu sein. Jeder globale Player macht das. Es ist einer der vielen Missstände im allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Betriebssystem und natürlich ist das eine Scheiße, aber wie wärs denn, diesbezüglich mal das System aufs Korn zu nehmen, anstatt der kaum erkalteten Leiche eines seiner Symptome spontan ans Bein zu pinkeln? Angenehme Tage, liebe Leute.

5 Kommentare »

  • Wort zum Sonntag. rip RIP! http://t.co/4Gc4ubxG über das Dissen nach dem Tod (RT @zeitimblog21)

  • Robert sagt:

    Nein, seh ich überhaupt nicht so. Ich hab selber eine RIP-Zeile für die Opfer des Arbeitsdrucks bei Foxconn geschrieben, und ich versteh auch Lobos weitergehende Meldung: Weil die Götzenverehrung für Jobs absurd ist und weil sie verbunden war mit dem ständigen Hinweis, welche Geräte „er“ für „uns“ gemacht hat. Da ist es durchaus okay, nein sogar höchst angebracht, auf die Leute hinzuweisen, die diese tatsächlich machen. Und die alte Kritik am Konsumkritiker, der selber nichts konsumieren darf, bevor er kritisiert, ist sich noch nie ausgegangen. Da du nicht außerhalb des Systems leben kannst, musst du es von innen her kritisieren können.

    • Frater Gladius sagt:

      Danke, Robert. Ich habe kein Problem mit der Kritik von innen. Nur, die Kritik meinte nicht das System, sie meinte einen, der das System seinerseits von innen lebte und den systemimmanenten Regeln folgte. Einen, der wie alle „Mitspieler“ den vom Rechenstift gezogenen Schluss zog: Ich machs, weil es alle machen und mach ich es nicht, bin ich der Blöde. Die Wettbewerbsfähigkeit, wie oben erwähnt. Gerade diesen einen gerade im Moment, da er sich nicht mehr wehren kann, stellvertretend fürs System in die Auslage zu stellen, belässt mich unterwältigt.
      Das System selbst bleibt seltsam unangetastet …

      • Robert sagt:

        Ich verstehe. Ungefähr. Das Interessante ist ja, wie der von Christian Lehner verlinkte Village Voice-Artikel leider nur halb ausformuliert die Gleichzeitigkeit von antikapitalistischer Empörung und Verehrung für ein Unternehmergenie, diese pathologische angelsächsische Hofierung aller, die es zu was gebracht haben. Das muss zumindest ausdiskutiert werden. Eine Debatte über Nachrufe ist allerdings – da gebe ich dir völlig recht – ein denkbar ungeeigneter Spielplatz dafür, weil eben gar kein geeigneter Spielplatz full stop.

        http://blogs.villagevoice.com/runninscared/2011/10/steve_jobs_foxconn.php

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