Sex für Fortgeschrittene 39. Fessle Mich
… aber erdrossle mich nicht. Japanische Bondage-Technik hat ihre Untiefen. Sagt man in Rom.
Die rosa schimmernden Dinger im Bild links werden im Japanischen „Ebi“ genannt, das sind also Shrimps und bekanntlich kommen sie in der Schale wesentlich gekrümmter daher als auf dem Foto ersichtlich.
Letzterer Hinweis ist hier wichtig, „Ebi“ ist nicht nur eine Meeresfrucht auf Reis, Ebi ist auch eine Befindlichkeit im Rahmen von „Kinbaku“ – einer Technik sexueller Bondage, die sich der „Schönheit des Festbindens“ widmet. „Ebi“ meint einen durch Fesselung erreichten Zustand, der einen bestimmten Körperteil des Objekts (tut leid, keine Subjekte hier) für „angenehmere Spielformen öffnet“, wie es im Handbuch heißt. Der Körperteil ist maximal entblößt, er ist ausgeliefert – und übermannt damit seltsam verblüffend den designierten Manipulateur, der die Fäden in der Hand zu haben glaubt.
Die Regeln im Kinbaku sind strikt, das Seil muss aus Jute sein, die Knoten speziell, der Geist von der „Bonsai“-Ästhetik inspiriert, bekanntlich schränkt der Bonsai-Gärtner die Bewegungsfreiheit seiner Bäumchen auf eine Weise ein, die der natürlichen Entfaltung der Pflanze zuwider läuft. Der Schöpfer ist nicht mehr Gott, das ist nun der Gärtner – und das Bäumchen ganz seinem Willen unterworfen.
Kinbaku ist im sexuellen Untergrund Japans seit dem 19. Jahrhundert populär, Kinbaku ist dort, wo Kunst und Sex einander treffen. Schmerz spielt eine Rolle, Asphyxia (Atemraub) kann Lust erhöhen, aber die Power kommt aus der Interaktion. Den Voyeur in mir beeindruckt das Unterwerfungs-Vokabular der Japanerin, der submissiven Haltung wird auf einem Niveau Ausdruck verliehen, das im Westen kaum andenkbar ist, seit einem Abend mit einer Geisha hab ich riesigen Respekt vor japanischer Sinnlichkeit.
Seit dem Transfer der Sexindustrie auf das Internet ist der Westen verstärkt mit japanischem Sex konfrontiert, in der westlichen BDSM-Szene steht fernöstliche Bondage hoch im Kurs, die Europa-Vernissagen des – auf Bondage spezialisierten – Fotokünstlers Araki (siehe Foto rechts) sind stets überrannt.
Allerdings läuft japanische Bondage im Westen meist unter „shibari“, das heißt lediglich „fesseln“, unterschlägt also die „Schönheit“ des Kinbaku.
Für einschlägig orientierte Japaner ist der Unterschied essenziell, Kinbaku erfordert neben höher entwickelter Ästhetik auch Herz, Fessler und Gefesselte sind einander – jenseits der geteilten Fesselfaszination – emotionell immens zugetan und während eines Akts permanent auf einander konzentriert, es geht um den Prozess, nicht um die finale Starre. Es ist Liebe, wenn auch anders als wir sie kennen.
Shibari ist vergleichsweise kalt, Teilnehmer haben nicht notwendiger Weise Beziehung zu einander, das Fetischhafte dominiert. Und es ist beliebig, sogar Nylonstricke dürfen verwendet werden.
Derlei Stochern in japanischen Details würde natürlich hier nie vorkommen, geschähe in der Westszene nicht hin und wieder ein einschlägiger Unfall. Vor Kurzem musste sich in Rom der 42jährige Ingenieur Soter Mule wegen Mordverdachts gerichtlich verantworten.
Eine 24jährige Studentin namens Paola Caputo war erdrosselt aufgefunden worden, die Ermittlungen ergaben, dass dies anlässlich einer „Shibari“-Session passierte.
Der Ingenieur hatte mit der Studentin und deren Freundin (23) einen alkoholschwangeren Abend verbracht. Sie gelangten an einen verschwiegenen Park, wo Mule die zwei Frauen mit einem Seil fesselte und das Verhängnis seinen Lauf nahm: Die Freundin wurde ohnmächtig, ihr erschlaffender Körper zog das Seil am Hals der Studentin straff – was dem Ingenieur nicht rechtzeitig auffiel, um ihr Leben zu retten.
Vor Gericht leugnete Soter Mule jegliche Tötungsabsicht, „Paola und ihre Freundin machten freiwillig mit, es war ein schrecklicher Unfall“, beteuerte er. Anderslautende Zeugenschaft blieb aus, auch in römischen BDSM-Kreisen wurden keine Zweifel laut, in der Tat habe Mule einen Ruf als Experte, die Szene kennt ihn interessanter Weise unter dem Künstlernamen „Kinbaku“.
Seiu Ito (so heißt der japanische „Vater“ des Kinbaku) würde sich bei letzterer Info vermutlich im Grab umdrehen. Obwohl von der Tragödie nur die gerichtlichen Aussagen an die Öffentlichkeit gelangten, ist daraus vieles ersichtlich, das nicht „kinbaku“ ist. Volltrunkenheit, zum Beispiel, ist nicht kinbaku, der Tiefgang der Interaktion kann bezweifelt werden, seine Wachheit fürs Tun war ganz offenbar im Eimer. Dann ist da noch der Umstand, dass Mule kein Japaner ist, das ist Gaijin, das kann nicht kinbaku sein. Es gibt Gedanken – und Gefühlswelten, die bleiben dem Westen für immer fremd, das wird auch das Schmücken mit einem japanischen Spitznamen nicht ändern. Das macht nur transparent, dass hier einer ist, der gern mit dem Feuer spielt.
Womit wir zum Video „Shibari“ des Regisseurs Caesar Pink umschalten, der eine Fesselkünstlerin bei der Demonstration ihres Könnens filmte. Enjoy!








Übermannt ist ein wunderbar trefflicher Ausdruck! Herr- und Frau Vorragend!
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