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„Banker stahlen unsere Zukunft.“

Von | 02.10.2011, 17:59 | 8 Kommentare

Sie ruinieren die Welt – und kommen ungeschoren davon. Das kann so nicht stimmen, oder?

Karl-Heinz Grasser by Erich Reismann

Gestern Abend wurden in New York 700 Bürger verhaftet, die im Rahmen einer „Occupy Wall Street“-Demo die Brooklyn Bridge besetzt hatten. Occupy Wall Street („Besetzt die Börse“)-Demos finden seit wenigen Wochen statt, nicht nur in New York sondern mittler Weile auch in Los Angeles und Boston. Die Demonstranten tun es, weil „Banker unsere Zukunft gestohlen haben“ und weil „nicht ein einziger der Schuldigen am 2008er Crash verhaftet worden war“. Das dürfe so nicht bleiben. Klingt vernünftig.

Das Dumme an den Wall Street-Demos ist, dass sie relativ geringe öffentliche Unterstützung genießen. In New York demonstrieren nur ein paar tausend Leute, die Demos in den anderen Städten werden in „hunderten“ gemessen. Die große Masse zieht bei der ganzen Anprangerung der Bankenzunft nicht wirklich mit. Und klar, wenn all diese Schlitzohren ungeschoren wegkommen, dann können sie so böse nicht gewesen sein, oder, dann war das riesige Fiasko `08 vermutlich mehr oder weniger Pech und wie wir wissen, wenn du Pech hast, hast du Glück auch keines.

Noch dümmer, dass auch intellektuelle Schwergewichte den Bankern eine Pause gestatten und etwa die Finanzkrise der EU auf eine politische Krise aufblasen. Also meinte Robert Menasse: „Die Idee (der EU, Anm.) war, die Ökonomien so miteinander zu verflechten, dass dies zu gemeinschaftlichem Handeln, Soldarität, nachhaltigem Frieden und gemeinsamen Wohlstand führt.“ Und nun, da es kriselt, ziehe sich jeder innerhalb seiner nationalen Grenzen zurück und überließe die Griechen am liebsten sich selber.

Ich hab kein Problem damit, „den Griechen“ zu helfen. Ich hab ein Problem damit, dass „die Rettung“ von der global akzeptierten Triebfeder der Gesellschaft getragen werden soll – dem Kapitalismus. Politisch gibt es da wenig zu lösen, abgesehen davon, wieder ein Trillionen-Euro-Paket flott zu machen, es den Banken zu geben und zu sagen „spielt euch damit“ – und rettet ein paar Arbeitsplätze, wenn geht.

Das macht die EU-Krise natürlich zu einer finanziellen. In diesem Zusammenhang äußerte der Ire Bob Geldof vor ein paar Tagen eine interessante Meinung: „Niemand sagt die Wahrheit. Die Wahrheit ist: Die Banken sind bankrott. Völlig pleite.“ Laut Geldof herrscht eine „Bankenkrise, die wieder in eine Staatsschuldenkrise mündet, weil die Staaten die Banken stützen müssen, damit keine Staatspleite entsteht.“

Beängstigend, no? Wenn auch nur die halbe Wahrheit. Geldof erwähnte die Banken nicht, die mächtig profitieren. Der globale Riese HSBC etwa, der fürs erste Halbjahr 2011 umgerechnet satte acht Milliarden Euro Profit (!) abrechnete, um 3% mehr Profit als im vergleichbaren Abschnitt des Vorjahrs. Das Malheur dabei ist, dass im nächsten Halbjahr nun noch mehr Profit erwirtschaftet werden müsse (sonst nennen sie das „Stagnation“) – also beschloss die Bank vorbeugend, 30 000 Mitarbeitern den Laufpass zu geben. Soviel zur Rettung von Arbeitsplätzen.

Und dann ist da noch das andere Problem – die individuellen Banker und Aktienhändler hinter den Banken. Aus welchem Holz diese Individuen geschnitzt sind, wurde in jüngerer Vergangenheit vermehrt transparent: Männer wie UBS-Spekulanten Kweku Adoboli, der eineinhalb Milliarden Euro, die nicht sein Geld waren, in den Sand gesetzt hat – ohne Wissen seiner Bank. Oder die nahezu sympathische Enthüllung des Spekulanten Alessio Rastani (hier seine Facebook-Seite, er gibt dort Börsetipps), der einem BBC-Reporter erzählte, was Sache ist: „Die Regierungen beherrschen die Welt nicht. (Banken wie) Goldman Sachs regieren die Welt.“ Im übrigen sei der Euro „Toast“ und der Job eines Börsianers, aus der Krise Geld zu machen: „Rezession ist eine Chance.“

Interessant, dass die Banken oft keine Ahnung haben, wie ihre Mitarbeiter drauf sind. In diesem Zusammenhang hat der Spiegel eine Studie der Uni St Gallen veröffentlicht, die Aktienhändler und Psychopathen (!) verglich, mit diesem Ergebnis: „Natürlich kann man die Händler nicht als geistesgestört bezeichnen, aber sie verhielten sich noch egoistischer und risikobereiter als eine Gruppe von Psychopathen, die den gleichen Test absolvierten.“ Und vor allem „ging es den Händlern darum, mehr zu bekommen als ihr Gegenspieler. Sie brachten viel Energie auf, diesen zu schädigen.“

Das sind also die Art Leute, die nicht nur „unsere Zukunft gestohlen haben“, sondern denen das nächste „Rettungspaket“ anvertraut werden soll, um unsere Zukunft zu retten (!) Das sind die Leute, denen die Wall Street-Demonstranten an den Leib rücken wollen. Es sind verdiente Sündenböcke, die Rechenschaft schuldig sind. Meint Geldof: „Die Banker sind schuld. Und sie kommen damit davon. Und machen das Gleiche noch einmal. Was, verdammt noch mal, erlauben sie sich!“

Eben. Deswegen ist „Besetzt die Börse“ eine brauchbare Idee, die auch bei uns ihren Platz hätte. Wir sind nicht arm an einschlägigen Schlitzohren, und bislang sind sie noch alle davon gekommen. Vergessen sind sie nicht. Über Karl-Heinz Grasser lese ich heute bei Guru K: „ Der amtierende Finanzminister 2006 fährt in die Schweiz und holt dort für seine Schwiegermutter eine große Menge Bargeld in Plastiksäcken ab, die er dann in Wien außerhalb der Öffnungszeiten auf ein Konto eines befreundeten Bankiers einzahlt. Woher das Geld kommt bleibt unklar. In Österreich ist das weder ein Rücktrittsgrund, noch ein Grund für Aufarbeitung. So ist das. Falls wer fragen sollte..“

Ein anderer, Julius Meinl, ist vor zwei Jahren verhaftet worden. Bis heute gibt es weder eine Anklage, noch wurde der Fall zurückgelegt. Nur eines scheint geklärt: „Die Verhaftung Meinls war rechtmäßig.“ Warum läuft er dann frei herum?

Karl Petrikovics by Erich Reismann

Und was wurde eigentlich aus Karl Petrikovics, unter dessen Obhut die börsenotierte Immofinanz 95% ihrer Kapitalisierung „eingebüßt“ hat (wie es sich nennt, wenn sich Zaster – wir reden von einer halben Milliarde Euro – in Nichts auflöst)? Da läuft angeblich ein Strafverfahren. Noch immer. Und so lasch, dass die Immofinanz nun selbst zur Anklage schritt.

Das sind nur ein paar von vielen Schlitzohren. Sie dürfen nicht vergessen werden. Sie müssen vorgeführt werden. Sie dürfen nicht schadlos davonkommen. In meinen Augen hat das Priorität vor jeder Art „Rettungspaket“. Weil derlei Rettungspakete – das Geld des Steuerzahlers – sonst wieder in die Hände von Leuten gerät, die nicht ganz so harmlos sind wie der Psychopath von nebenan.

8 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    Ich glaube immer noch, die stärkste Demonstration wäre immer noch, bei jedem tauschhandel mit Geld zu hinterfragen.
    Stellt euch vor, es ist Ausverkauf und keiner geht hin ;)

  • mare sagt:

    Ach, du lieber Frater, Gladius, Gladius,
    Ach, du lieber Gladius, alles ist hin!
    Geld ist weg, Macht im Eck,
    alles weg, alles Dreck!
    Ach, du lieber Gladius, alles ist weg!

    Ach, du lieber Frater, Gladius, Gladius,
    Ach, du lieber Gladius, alles läuft weg!
    heut machen´s no, was sie wollen
    morg´n scho schaun´s alle blöd,
    Ach, due lieber Frater, wirst es no sehn!

    Ach, du lieber Frater, Gladius, Gladius,
    Ach, du lieber Gladius, bald ist Schluss damit!
    Alles ist gut Frater Gladius, alles wird gut,
    Bald sand die Gscheiten mit Herzen dran,
    dann Frater Gladius sing ma dem Herrn GOTT SEI DANK!

    • Frater Gladius sagt:

      Muss ich mir Sorgen um Ihre Gesundheit machen, mare?

      • mare sagt:

        hahaha! nein lieber frater, mein motto ist schon längst, „nicht ärgern, sondern wundern“ das hilft! billionen scheinchen sind weltweit unterwegs- irre schnell, unkontrolliert. bizarr. nicht wahr!? die die immer dachten alles unter kontrolle zu haben merken, ist nicht, geht nicht… der welt-kapitalmarkt kollapiert upppssssss
        was dann???

        • Saxo Lady sagt:

          großartig!!! der liebe augustin passt hervorragend, gratuliere :)

        • Saxo Lady sagt:

          mein liebster frater,

          ist es nicht langweilig für einen schwertkünstler, sich permanent mit den flackernden schemen an der wand auseinandersetzen zu müssen?

          der euro muss weg, wird untergehen, finanzwelt kollabiert, währungen implodieren, entsetzlich, die welt geht unter.
          sensation, sensation, kaufen sie heute, weil die welt steht bestimmt nimma langlanglanglanglang, d wöt steht bestimmt nimma lang (auch ein passendes lied zum thema)

          aber ehrlich, dieses aufgeregte gezeter lenkt doch immer noch mehr ab von ein paar grundlegenden dingen.
          zb

          1. was ist geld? ein tauschmittel.
          wenn geld also kollabiert, verschwindet, untergeht….warum soll dann auch der ursprüngliche wert, der getauscht werden sollte, verschwinden?

          ach ja, weil ein großer teil unserer kapitalwirtschaft einen handel mit geld aufgezogen hat, der so tut, als würde geld eier legen…ja hm schade, diese wirtschaft könnte tatsächlich untergehen. schade. oder?

          2. was ist wirtschaft? ein lebewesen, dass irgendwo, gottgleich sitzt, von hohenpriestern in dunkeln anzügen behütet und irgendwann umgebracht wurde? (passiert den armen göttern dauernd, dass ausgerechnet die höchsten priester ihre schlächter sind…ts)

          3. wie leben wir? was bedeutet, sein leben meistern? heißt es, davon auszugehen, dass es so sein muss, weil es *immer* so wahr? und wenn sich was ändert…also grundlegend, weil änderungen zu meinen gunsten sind natürlich erwünscht…dann wird mit sicherheit „alles zusammenbrechen“.???

          Wenn die Schatten an der Wand größer werden, heißt das möglicherweise, dass das objekt dem feuer schon sehr nahe ist.
          und hin und wieder schafft man es, sich umzudrehen…und die schatten als schatten zu erkennen. hilft unglaublich für den seelenfrieden.

          amen und herzlichst
          saxo

          • mare sagt:

            liebe saxo, im moment trifft es die, die am meisten zu verlieren haben. nicht wahr?
            die, die immer auf der „sicheren“ seite waren, die mit den „mächtigen“ jeden pakt abgeschlossen haben und dachten, mich/uns erwischt ihr nie! doch die welt ist in bewegung, alles dreht sich, alles bewegt sich und sicherlich nicht in erster linie um die gierigen, machthungrigen und die „betonierer“. es ist eine freude zu sehen, wie hunderttausende auf die strassen gehen und einfach sagen – es r e i c h t, wir wollen v e r ä n d e r u n g, täglich werden es mehr! diese revolution, friedlich und bestimmt, wird stärker, selbst-bewußter und wird siegen!!
            das „globale“ gewissen ist erwacht! überall flackern die „sternschnuppen“ auf, zur freude und zuversicht für alle noch ängstlichen. die richtige idee zur rechten zeit vollbringt wunder…. und wir sind mittendrin! fazit: it´s 4all!;-)

          • Frater Gladius sagt:

            „Langweilig“ ist sicher nicht ein Wort, das mir in diesem Zusammenhang einfiele, saxo, aber zugegeben – manchmal, insbesondere am Samstag, erscheint mir der Sonntag wie ein schwarzes Loch. Da begrüße ich das Flackern, es macht die Schemen wenigstens sichtbar.
            Außerdem: Ich finde nicht, dass es um die persönliche Befindlichkeit und Schlussweisheit meiner Generation geht. Es geht um unsere Kinder. Die Zukunft. Die ihnen von genau jener kaltschnäuzigen Bande bereits mal zugeschissen wurde, denen die EU wieder einen aberwitzigen Betrag in die Hände drücken will. Wie schon Bob Geldof zu dieser Zukunft anmerkte:
            „Du bist 19, ziehst von zu Hause aus, deine Eltern denken, du bist großartig, deine Lehrer sagen dir, du bist großartig, aber die Welt kümmert sich ­einen Scheiß.“ Dein FG

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