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Der evangelische Papst

Von | 28.09.2011, 12:01 | Ein Kommentar

Benedikt XVI. hat sich klar gegen eine weltliche Macht seiner Kirche ausgesprochen. Für ihn gilt: Allein durch den Glauben wird der Christ gerecht und steht die Kirche gut vor Gott da.

Kommentatoren haben es erwartet, die evangelische Kirchenführung hat es erwartet. Doch es schien nicht zu kommen: das Zeichen an die Kirche der Reformation, ein Gastgeschenk der Ökumene. Dabei war es doch deutlich sichtbar: Der Papst selber ist das Geschenk gewesen. Als Theologe, der aus dem Land des Wittenberger Reformators kommt, ist auch Joseph Ratzinger nicht immun gegen den Einfluss des Theologieprofessoren-Kollegen aus dem 16. Jahrhundert.

Daher greift er bei den Gottesdiensten und bei der Rede im Freiburger Konzerthaus wie selbstverständlich auf Gedanken des Kirchenspalters zurück. Aus Glauben allein, so sagt Luther, wird der Mensch vor Gott gerecht. Die Werke, die der Glaubende tut, treten in den Hintergrund. So sieht es auch Benedikt: Der Kirche nutzen ihre Gremien nichts, ihre karitative Arbeit, ihre Reflexionen zu Welt und Mensch, wenn sie nicht Jesus Christus in den Mittelpunkt ihres Tuns nimmt.

Der Papst kritisiert die deutsche Kirchensteuer

„Was Christum treibet“, was Jesus antreibt, wollte Luther wissen und in das Zentrum der kirchlichen Lebensvollzüge rücken. Das will auch Benedikt. Die Kirche soll in der Welt auf ihre Privilegien verzichten – das ist nicht das erste Mal, dass die römische Kurie das deutsche Kirchensteuersystem kritisiert, das nahelegt, dass die Mitgliedschaft zur Kirche Jesu Christi ausschließlich an eine monatliche Geldleistung gekoppelt ist – sie soll sich entweltlichen. Die Kirche wird sich in der Konsequenz, so der Papst, auf ihre Aufgaben konzentrieren, weil sie dann nicht von Macht korrumpiert werden kann.

In diesem Aspekt ist Benedikt XVI. wie der heilige Franz von Assisi. Dieser Bettelmönch hat übrigens mit seiner Reform die mittelalterliche Kirche gerettet, und damit ein Papsttum, das seinerzeit mit Prasserei, Huren und Giftmischen beschäftigt war. Franz war in seiner Reform der Kirche besser als Luther. Denn Franz hat die Einheit mit Rom gehalten, Luther nicht.

Entschieden gegen „Wir sind Kirche“

Die Einheit ist das Wichtigste in der Kirche, um so mehr, weil sie verloren gegangen ist. Der Aufruf der Gruppierung „Wir sind Kirche“ zum Ungehorsam gegenüber und damit dem Bruch mit Rom ist ungeheuerlich und muss von jedem Katholiken auf das entschiedendste zurück gewiesen werden. Die Kirche ist weltumspannend; ihre Gemeinschaft entsteht durch die Bischöfe, die mit allen Getauften in den von ihnen geleiteten Gemeinden das Volk Gottes bilden. Der Papst ist der Erste von ihnen. In der Gemeinschaft mit den Bischöfen leitet er die gesamte Kirche.

Benedikt XVI. möchte die Kirche nicht nur entweltlichen, er möchte auch die Politik aus seiner Kirche raushalten. Hier unterscheidet er sich stark von seinem Vorgänger, dem politische Papst Johannes Paul II. Politik und Religion, Staat und Kirche, sind für diesen Papst getrennt. Nicht umsonst hebt er prominent in seiner Rede im Deutschen Bundestag hervor, dass die Trennung von Staat und Kirche zu den herausragenden Errungenschaften der europäischen Geschichte gehören.

Die Kirche musste schon immer gerettet werden

Mein Freund, der Publizist Alan Posener, schreibt, dass dieser Papst die Demokratie abschaffen will. Alan wurde einmal mehr belehrt, dass die Grundlagen seiner Argumentation nichts als falsch sind. Ich habe ihm das hier in unserer Streitkolumne auf The European immer wieder versucht klar zu machen. Aber auch mein Freund Matthias Matussek, der ein ausgewiesener Benedikt-Verehrer ist, bekommt Denkstoff: Unsere Kirche, lieber Matthias, ist nicht semper triumphansmit viel Weihrauch und Pomp, sie ist semper reformanda, und als solche auch den Reformatoren und Reformbewegungen in ihr verpflichtet. Unsere Kirche, lieber Matthias, muss häufiger gerettet werden, als dass sie gut da steht, mit besten Grüßen von Franz von Assisi.

Ob die Kirche sich von den Liberalen oder den Konservativen reformieren lassen muss, thematisiert der Papst nicht. Die Zeit wird es bringen, sagt er, das Hören auf Gott und sein Wort. Das hörende Herz, dass der Pontifex den Gesetzgebern im Parlament gewünscht hat, ist das, was auch für die Ökumene gilt. In diesem Aspekt kommen sich Ökumene und Politik dann doch einmal nahe. Ansonsten hat der Papst zu recht darauf hingewiesen, dass die Einheit im Glauben nicht so hergestellt wird wie die Einheit zwischen Koalitionspartnern. Ein Verweis auf die aktuelle Regierungskoalition kann zu dem Gebet verleiten, dass dies auch immer so bleiben möge.

Mit Luther für die Vernunft

Der Bischof von Rom hat seine Kirche gegen Zumutungen des Bundespräsidenten, des Bundestagspräsidenten und der Ministerpräsidentin von Thüringen verteidigt. Weder die Verfassungsorgane, noch amtierende Politiker können in die Interna der Kirche eingreifen. Darauf hat er im Erfurter Augustinerkloster hingewiesen – denn die Trennung von Kirche und Staat verläuft nach beiden Seiten. Hier hat der Papst auch für die evangelischen Christen mitgesprochen, denn auch sie sollten sich gegen die Vereinnahmungen durch die Politik wehren.

Der Papst war an einer für die lutherische Reformation historischen Stelle. Es gab einen theologischen Austausch zwischen den Vertretern beider Kirchen, bei dem der Papst die Lutheraner auf eine Ebene mit seiner Kirche stellt, wenn es darum geht, den evangelikalen christlichen Gemeinden mit ihren einfachen und verkürzten Botschaften entgegen zu treten. Hier stehen der Professor aus Bonn und der Professor aus Wittenberg Seite an Seite. Glaube, so sagen sie, ist auch eine Sache der Vernunft. „Allein durch Glauben“ – sola fide – hat nicht die Vernunft als Gegenpol, sondern das geschäftige und weltliche Treiben einer Kirche, die denkt, dass viel, viel hilft. Das „viel hilft viel“ bringt die katholische Kirche nicht weiter, so Benedikt. Auch hier ist dieser Papst im besten Sinne evangelisch.

Foto: Landesregierung Baden-Württemberg, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

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