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Print ist tot. Nur in Österreich nicht. Warum eigentlich?

Von | 07.04.2009, 14:26 | 14 Kommentare

Überall verschwinden Zeitungen und Zeitschriften. Nur in Österreich nicht. Das ist einzigartig in der westlichen Welt. Und es hat keinen Grund. Wie ist es, für ein Printmedium über das Siechtum der Printmedien zu schreiben? „Scheiße“, sagt mir hinter vorgehaltener Hand ein bekannter Medienberichterstatter, „ich versuche bei der Netzausgabe meiner Zeitung Anker zu werfen und gehe […]

Death by Tim MöllerÜberall verschwinden Zeitungen und Zeitschriften. Nur in Österreich nicht. Das ist einzigartig in der westlichen Welt. Und es hat keinen Grund.

Wie ist es, für ein Printmedium über das Siechtum der Printmedien zu schreiben? „Scheiße“, sagt mir hinter vorgehaltener Hand ein bekannter Medienberichterstatter, „ich versuche bei der Netzausgabe meiner Zeitung Anker zu werfen und gehe mit dem Online-Chefredakteur öfter mal Mittagessen. Denn eventuell überlebt nur das.“
Nichts bleibt wie es war.
Der Mann arbeitet selbstredend in Deutschland. In Österreich, dem seligen Land der gemütlichen Erstarrung, sehen Zeitungsjournalisten mehrheitlich keine Gefahr für ihren Job. Nach wie vor erscheinen alle Zeitungen, auch längst totgesagte, wie das Tag- und Tatblatt „Österreich“, von dem man nicht weiß, warum. Wer zahlt die Defizite? Wer verbirgt sich hinter dem neuen Partner? Etwa Fellner selbst? Aus der Unicredito hört man von einem Befehl, weitere Kredite der Bank Austria zu unterbinden. Bleibt nur noch Raiffeisen. Warum versenken die ein paar tausend Euro täglich? Was ist die Strategie? Gibt es eine?
Nicht, dass man in das allgemeine „Österreich“-Bashing einstimmen will. So ungustiös, wie die Marktschreier des Andre-Hellerismus tönen, so widerlich ist „Österreich“ nicht. Denn nichts ist widerlicher als die „Kronen-Zeitung“, deren offene Regentschaft auch ihr letztes Kapitel darstellt, die Ejakulation einer Vergewaltigung von Land und Leute: Faymann, Kanzler der Krone; die Krone, Vertrauensblatt des Volkes. So hoch über dem Horizont ist es auch egal, wenn Dichands Hofdichter dem Führer des untergegangenen tausendjährigen Reiches an seinem Geburtstag eine Lobrede schreibt. Er hat sein Anliegen wenigstens ein bisschen verschleiert, sonst hätte der Staatsanwalt tätig werden müssen. Das war zwar vor Jahren. Aber man sollte es nicht vergessen.
„Internet“, soll Dichand erst neulich wieder gesagt haben, „ist nicht so wichtig“. Stimmt! Für ihn, inzwischen fast 90, sicher nicht.

Für seine Leser – laut Analysen an Sonntagen fast halb Österreich – aber schon, denn die Marke Krone verliert vor allem bei den Jungen an Wert. Wenn die 15- 25 jährigen überhaupt noch zu Print greifen, dann zu den Gratisblättern. Wie auch die einfache Schicht. Wer morgens um sechs in der U-Bahn fährt, sieht selten die Krone. Sieht überhaupt selten eine Zeitung. Dafür viele Ohrenstöpsel. Und Netbooks, inzwischen erstaunlich viele Netbooks. Doch wer daraus schon eine Zeitenwende ableitet, hat sich erst recht geirrt. So wird das Ende der Zeitung nur als Farce aussehen.
Nun muss man sich um die Krone noch lange keine Sorgen machen. Aber vielleicht heute schon um „Format“. Oder den „Trend“. Oder auch um den „Standard“. Oder?
Nein, sagen die Verantwortlichen: Hausaufgaben gemacht, Gewinne im Kasten, eine kleine Krise vielleicht, aber auch die geht vorbei. Wahrscheinlich schon im Juli, im Herbst wird alles wieder besser.
Im Inneren der Verlagshäuser geht hingegen die Angst um, Inserate sind Mangelware. Obwohl das jeder weiß, soll es niemand wissen.
Die Widersprüche zwischen Wunsch und Wirklichkeit hört man, wenn man mit den Kontaktern großer oder bedeutender Werbeagenturen spricht, die allesamt von dramatischen Kürzungen bei Printbuchungen sprechen. Kommen diese harten Etatschnitte, die brüsken Rückzüge, die eiligen Stornos bei den Printmedien nicht an? Zwischen 35 und 45 Prozent, schätzt der Geschäftsführer einer großen Agentur, sollen die Inserate im März zurückgegangen sein. Verglichen mit dem Jahr 2008. Von maximal 15 Prozent sprechen hingegen die CEOs der Verlagshäuser, als hätte man diese Summe als Statement vereinbart.

In Deutschland machen sich Menschen seit Jahren die Mühe, Inserate mitzuzählen. Was dabei neuerdings rauskommt? Etwa 40 Prozent weniger Seiten als vor zwölf Monaten. In Österreich zählt keiner mit, denn es ist besser, nicht zu viel zu wissen. Um so mehr kann man behaupten und vermuten. Das macht die Stimmung besser.
Wir wollen ja auch loben, nicht nur bashen. Es ist doch toll, dass alle Zeitungen und Zeitschriften weiterhin erscheinen, dass mit der „Presse am Sonntag“ und „Für mich“ sogar gegen jeden Trend zwei neue Publikationen mit hoher Auflage hinzugekommen sind. Österreichs Medienhäuser verhalten sich wie eine (derart nicht existente) Musikindustrie, die verbissen auf den Verkauf von Platten und Compact Discs setzt. Freilich (und leider) fast alle mit Volksmusik bespielt.
Über den Zustand des Printjournalismus sagen die vielen, unbeeindruckt erscheinenden Medien nichts aus, denn der Zustand ist in Österreich seit etwa zehn Jahren traditionell schlecht. Doch muss man auch anmerken, dass die „Presse“, vor allem jene am Sonntag, eine immer bessere Tageszeitung wird und das „profil“ wieder beginnt, seine Kernkompetenz wahrzunehmen. „Datum“ und „Fleisch“ stellen ihnen vorzüglich gemachte Varianten der Schweizer „Weltwoche“ und der Berlin-Nischenpublizistik zur Seite. Leider gewinnen in der Media Analyse die anderen bedeutender an Reichweite.
So entzieht sich der österreichische Printzeitungsmarkt auch weiterhin jeder Prognose. Seit Jahren sinken die Auflagen der beliebigen, oder beliebig gewordenen Blätter, die Medienanalyse aber spricht zuletzt wieder von Leserzuwächsen. Inserenten und Agenturen scheinen alle Zahlen inzwischen völlig kaltzulassen, auch seine Reichweitenzugewinne, so ein Verkäufer der „News“-Gruppe, brächten ihm keine zusätzlich verkaufte Seite ein. Man weiß schlicht nicht, wie der morgige Tag aussieht
Derart verunsichert und unter Druck tendieren die Verlagsmanager zur Umwandlung ihrer Printhäuser in Gemischtwarenläden, die auch Reisen und Hundefutter anbieten. Über das Web. Das soll den Zeitungen und Zeitschriften das Überleben garantieren. Immerhin ist das schon eine Strategie, wenn auch keine neue.

Ein Blick in die Welt, vor allem in das deutschsprachige Nachbarland, zeigt, dass nur jene Printmedien Auflage gewinnen, die Thema, These und Temprament forcieren, die also auf den klassischen Wert des Journalismus setzen, auf die hochwertige und sorgfältig recherchierte Information und die Weitergabe eines Weltbilds. „Neon“, „Brand Eins“, „Spex“ und vor allem und über allen „Die Zeit“, verlieren wenig Auflage und kaum Leser („Die Zeit“gewinnt sogar Leser hinzu), geben moderat Inserate ab und können sich leisten, die lässlichen Verluste über eine Erhöhung des Heftpreises wettzumachen. Denn der Leser zieht mit, will für seine Zeitschrift, die ihm Freund geworden ist, mehr Geld ausgeben, wenn dies notwendig wird.
Eine solche Zeitung und den ihr verpflichteten Leser gibt es in Österreich nicht (vielleicht mit Ausnahme des „Falter“). Wenn hierzulande große Printtitel eingestellt würden, käme von allen Seiten bloß etwas Betroffenheitsgetue. Danach würde man schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Denn Österreichs Printmedien haben keine Bedeutung mehr, sie haben ihre Wichtigkeit verspielt, ihr Selbst geopfert. Gerade die Gleichgültigkeit der Konsumenten erhält noch ihren Bestand. Doch wenn die Krise härter wird, überleben nur die, die von der Härte hart berichten. Ohne zu heucheln. Und das wird eine Handvoll sein. Mehr nicht.

14 Kommentare »

  • exösterreicherin sagt:

    ich mochte ihre postings schon im etat gut leiden, daher freue ich mich jetzt auf ausführliche kommentare hier!

  • Status Krah sagt:

    Hey Lennox, ich werde Dich beobachten.

  • afrayspeed sagt:

    in österreich zählt sehr wohl jemand die seiten mit, nämlich focus media research. von jänner bis februar 2009 haben tageszeitungen demzufolge 4,1% an anzeigenvolumen gegenüber dem vorjahr verloren und „illustrierte/magazine“ 12,5%. natürlich zu listenpreisen bewertet, aber wie soll man sonst rechnen….

  • jayhawk sagt:

    nichts riecht soooooo gut wie zeitungspapier!

  • […] Im Blog von Terrence Lennox habe ich einen interessanten Artikel zum Thema “Zeitungssterben” gefunden. Der Autor meint, dass zwar überall die Zeitungen […]

  • anh sagt:

    Es stellt sich die Frage, ob das Sterben der Printmedien wirklich schneller voranschreitet, wenn das Jammern häufiger wird. Menschen, macht die Augen auf: Was verändert sich denn großartig? Ein Titel sperrt in Deutschland zu. UND? Die Jungen lesen weniger als die Alten. UND? Die Anzeigen brechen (in Krisenzeiten) ein. UND UND? Fragen zum Thema:
    – Es werden derzeit auch weniger Autos verkauft. Deutet das darauf hin, dass künftig das Auto ausstirbt?
    – „Wer morgens um sechs in der U-Bahn fährt, sieht selten die Krone. Sieht überhaupt selten eine Zeitung.“ Sind Sie in junger Vergangenheit so zeitig U-Bahn gefahren? Ich schon. Und ich erwische immer den Wagen mit bis zu 70 Prozent Lesern. Zugegeben: Mehr als die Hälfte davon schaut sich Heute an.
    – Verliert die BILD in Deutschland denn Leser?
    – Tritt der Tod des Patienten schneller ein, wenn alle Umstehenden umso lauter jammern.

    Man kann das alles nicht mehr hören.

    • Terence Lennox sagt:

      Ich bin eben heute um 5h45 U-Bahn gefaren und sah drei Zeitungen: zwei Heute, ein Österreich. Und: Ja, die Bild-Zeitung verliert signifikant Leser. Seit etwa vier Jahren schon. Nur steigert sie dabei den Gewinn. Das kann man in Österreich nicht nachmachen..

      • flitscherl sagt:

        da sind aber nur zwei fahrgäste mitgefahren, oder?
        ich war die mit österreich und Heute.;=)

      • weissmueller sagt:

        Bild.de bringt mittlerweile 20% des Umsatzes der Bild. Axel Springer macht ziemlich konsequent und auch ziemlich gut vor wie es geht und wie es weiter geht. „wie sind ja keine originären papierdrucker“ meinte kai diekmann erst unlängst, unsere rezipienten verändern sich, wir verändern uns mit, meinte selbiger weiter. mit einem selbstverständins der medien print, online und mobile das sich in österreich niemand, wirklich niemand der lustigen medien auch nur annähernd traut.

        • Terence Lennox sagt:

          vorsicht, das ist ein kommentar mit inhalt und anregung. das ist in österreich nicht gewünscht. viel mehr muss es herabwürdigend und persönlich untergriffig sein. mit dem thema an sich sollten kommentare in österreich nichts zu tun haben, denn dann müsste eine feststellung des sachverhalts folgen. und die ist schon gar nicht gewünscht.

  • flitscherl sagt:

    Print ist tot. Nur in Österreich nicht. Warum eigentlich?

    ASTERIX???

  • satriales sagt:

    jetz wird er langsam redundant, der lennox … terence, fällt ihnen nicht mal was neues ein?

    • Profichiller sagt:

      @satriales: du kannst es ja nur nimmer hören, weil dus nicht hören willst. heute kaffee nach der sitzung?

      @lennox: wärs nicht an der zeit, in der liste der vermutlich überlebenden conde nast durch costenlos zu ersetzen?

      • Terence Lennox sagt:

        ich weiß nicht, ob costenlos in zeiten der werbekrise ein geschäftsmodell darstellt. mal sehen..

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