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Jugendsünden (2)

Von | 26.09.2011, 8:22 | 5 Kommentare

Wer als Jungjournalist und ausgewiesener Star Trek-Fan Mr. Spock persönlich interviewen darf, kann daraus auch Jahre später noch Endorphine gewinnen. Auch wenn die Sache damals dann doch nicht ganz so gut ausging.

Da ich seit einiger Zeit mit Freude Leonard „Mr. Spock“ Nimoy auf Twitter folge, wo er ab und zu wirklich witzige Statements von sich gibt, nehm ich das zum Anlass noch mal im Anekdotenkistchen meiner frühen Journalistenjahre (siehe „Jungendsünden (1)“) zu kramen. Wir befinden und Mitte der 80er Jahre und ich bin Jung-Filmredakteur – Praktikant würde man heute wohl sagen – beim RennbahnExpress, dem damaligen Flaggschiff des im Entstehen begriffenen Fellner-Imperiums.

Als ich den Job antrat, übergab mir meine unmittelbare Chefin Uschi K, spätere F., einen Stapel mit Einladungen zu Filmvorführungen für Journalisten. In dem Irrglauben, es sei mein Job, sich tatsächlich alle auch anzusehen, begann ich mein Werk frischauf an einem Montag früh morgens in einer kleinen Filmfirma im siebenten Bezirk. Der Titel des Filmes „Wiener Melange“ verriet nicht viel. Ich wurde freudigst von den Mitarbeitern der Firma empfangen und man kredenzte mir eine titelgebende Melange samt Kipferl. Etwas irritiert war ich dann doch, als ich merkte, dass ich offenbar der einzige anwesende Journalist war. Dennoch setzte ich mich ins kleine Vorführkammerl und der freundlichen Vorführer (alles prä-digital) begann sein Werk.

Ein paar Minuten später wusste ich, wieso ich allein war: der Film war ein Softsex-Filmchen. Niemand würde je darüber schreiben, und meine Chance den Film professionell für eine Jugendzeitschrift zu verwerten war auch nicht gerade hoch. Dennoch blieb ich bis zum Schluss. Aus Höflichkeit natürlich. Und konnte dabei wenigstens eine meiner Ex-Schauspielkolleginnen (über diesen Aspekt meiner Vergangenheit siehe „Cäsar im mitteldeutschen Fahrstuhl“) in Ausübung ihrer mehr oder weniger schauspielerischen Tätigkeit besehen. (Später konnte ich genau dieses Vergnügen in einem anderen Film noch wesentlich expliziter wiederholen. Und zwar in einem Mainstream-Film von Niki List namens „Sternberg – Shooting Star“, über den man getreu des Mottos de mortui nil nisi bene am besten so wenig wie möglich sagt.)

Im Auftrag ihrer Majestät der Chefin

Ich besuchte danach noch eine kurze Weile brav alle Filmvorführungen,  bis mir endlich in Abstufungen die volle Absurdität meines Tuns dämmerte: a) der RE berichtete sowieso nur über Blockbuster, alle Kulturfilme konnte ich also getrost spritzen;  und b) der RE war ein Monatsmagazin und die Filmvorführungen fanden meist erst ein paar Tage vor Filmstart statt. Das heißt, zu diesem Zeitpunkt musste der Artikel bereits geschrieben, wenn nicht gar gedruckt sein. Mit anderen Worten, ich musste alle meine Berichte mit spärlichem Pressematerial blind schreiben. Was, soweit ich weiß, auch heute noch viele meiner (Ex-)Kollegen grundsätzlich und mit Verve tun.

Wie man das in Bestform wirklich macht, führte mir meine Chefin einmal höchstpersönlich vor. Ich hatte gerade einen Zweiseiter über den damals neuen James Bond, wie ich fand, gar nicht so schlecht aus der Vorausinfo herausgezuzelt, als ihn Frau K. komplett kübelte. Da die Anfangs-Ski-Sequenz in Österreich gedreht wurde, forschte sie einen an den Dreharbeiten beteiligten Österreicher aus, quetschte am Telefon die wenigen vorhanden Fakten aus ihm heraus und generierte aus diesen sodann eine fulminante Doppelseite, bei der man den Eindruck gewinnen konnte, 007 würden praktisch den ganzen Film auf Skiern verbringe, statt nur ein paar Minuten der pre-title sequence. Mein ehrlich empfundener Respekt auch im Nachhinein für diese Leistung.

Dass meine Zeit beim RE eindeutig ein Ablaufdatum hatte, merkte ich bald. Zum einen konnte ich mich mit den zwei Maximen der Redaktion – „Hinter jedem Satz müsste ein Rufzeichen stehen können, aber es wird nie eins geschrieben“ und „Das Layout muss so aussehen wie die unaufgeräumten Schreibtische unserer Leser“ – nie so recht anfreunden. Und zum anderen war da die Sache mit Mr. Spock.

Mr. Scott, Zielkoordinaten Linz, Oberösterreich, Erde – Energie!

Leonard Nimoy ist der Regisseur des dritten Star-Trek-Kinofilms „Auf der Suche nach Mr. Spock“ und war in dieser Funktion Gast der von Joachim Fuchsberger moderierten Samstagabend TV-Show „Auf los geht’s los“. Und die wurde an jenem 20. Oktober 1984 aus Linz gesendet – danke, Wikipedia. Also scheute der RE keine Kosten und Mühen und schickte mich ins ferne Oberösterreich. (Nicht meine erste journalistische Dienstreise – die erste ging für eine Jugendbeilage des Kurier immerhin nach Wiesen, darüber vielleicht ein andermal.)

Um die Sache nicht ausufern zu lassen, ich kam in der VOEST-Stadt an, bekam sofort Halsweh, durfte während der Sendung in den Backstagebereich und traf Herrn Nimoy dort – nicht. Allerdings nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und betrat die Garderobe der Herren Bud Spencer und Terence Hill (auch Show-Gäste) und fragte schüchtern nach einem Interview, was Herr Spencer freundlich aber deutlich ablehnte. Naheliegenderweise zog ich es vor nicht darauf zu bestehen. Die nebenan gelegene Garderobe von Falco (auch Show-Gast) wagte ich erst gar nicht zu betreten, da er – er war allein drinnen – in unregelmäßigen Abständen markerschütternd laut „Schuuuultz!!“ brüllte. Vermutlich hatte er kurz zuvor Mel Brooks‘ „Sein oder Nichtsein“ gesehen.

Am nächsten Morgen jedoch hatte ich dann mein exklusives Interview mit dem ehemaligen Wissenschaftsoffizier der Enterprise NCC-1701, no bloody A, B, C or D, was mich als eingefleischten Trekker  zum glücklichsten Tribble der Galaxis machte. Irritierend fand ich nur, dass Mr. Spock für einen Vulkanier einen eher hippiesken Eindruck machten, unendlich viele Ketterln um den Hals trug und dauernd lachte. Aber wurscht. Das Interview lief gut, wurde beiderseitig sachkundig geführt und war, wie ich fand, sehr interessant.

Die Spitze des Hörorgans

Ich schwebte zurück nach Wien, tippte daraus einen Artikel, brachte ihn Frau K., die ihn erst gar nicht einmal las sondern mich umgehend fragte „Und? Wie viel paar Ohren hat er in seiner Karriere verbraucht?“ Äh. Damit konnte ich leider nicht dienen. Frau K. klemmte sich daher sogleich ans Telefon, rief Pontius und Pilatus an und kam am Ende mit einer eher fragwürdigen Zahl zurück, die dann der Aufhänger des Artikels wurde. Auch sonst blieb nicht viel von meinem Interview übrig.

Im Geist war ich da schon aus der Tür. Aber ich blieb dann noch eine Weile. Und schrieb kurz darauf einen anderen mir nicht mehr erinnerlichen Artikel. Nach der Lektüre desselben baute sich Frau K. stolz strahlend vor mir auf und verkündete: „Das ist der erste Artikel von dir, an dem ich nichts ändern muss! Den nehmen wir, wie er ist!“ Ich dankte, lächelte freundlich zurück, verließ das Haus in der Krongasse und kehrte nie wieder zurück.

PS: Wer einen aktuellen, großartigen und sehr selbstironischen Leonard Nimoy erleben will, sei auf das offizielle alternative Video zum Bruno Mars-Hit „The Lazy Song“ verwiesen.

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