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Oh Gott, die Piraten kommen

Von | 21.09.2011, 12:34 | Ein Kommentar

Brief aus Berlin: Kann der Papst uns von der Piraten-Plage befreien? Warum sollte er das? Die beiden Topthemen der Woche.

Im Moment ist die Frage, was schlimmer ist: Der Papst, der vor dem Bundestag spricht oder die Piraten, die künftig im Berliner Abgeordnetenhaus das Wort an sich ziehen dürfen werden? Die Hauptstadt kennt im Moment nur diese beiden Themen: Darf so was wie der Papst überhaupt vor dem Hohen Haus, dem Parlament sprechen? Und: Wohin geht die Politik in Deutschland, wenn so was wie die Piraten am öffentlichen Gerät alimentiert ihre Ein-Themen-und-Spaß-Partei beatmen lassen können?

Also arbeiten wir uns an diesen beiden Themen ab. Wir? Pluralis modestiae versteht sich, nicht majestatis. Das wird noch einmal entscheidend werden. Also gut: Der Papst. Der SPIEGEL(dessen wöchentliche Kritik eigentlich meinem geschätzten Kollegen Martin Eiermann obliegt) titelt diese Woche „Der Unbelehrbare“ und spannt damit den Bogen zum Unfehlbaren. Der Papst ist nicht als solcher und insoweit unfehlbar als er seine persönlichen Meinungen und Wünsche kundtut („Wir entscheiden: Ab morgen ist das Wasser grün“), sondern in der Weise, wenn er mit der Kirche, in ihrer Tradition und der kollegialen Verbundenheit mit dem höchsten Gremium in der Kirche, dem Konzil, eine Glaubenswahrheit verkündet.

Großes und erhabenes Spaghetti-Monster

Deswegen sagt er dann „wir“, weil es ja nicht um ihn alleine geht. Der Papst ist, übrigens anders als der hierzulande so beklatschte Dalai Lama, keine Emanation des Göttlichen. Der Papst wird bisweilen genannt „Statthalter Christi“ oder „Stellvertreter Gottes“. Beide Bezeichnungen weisen deutlich darauf hin, dass er der Platzhalter, die Erinnerung an Gott in der Welt wach hält und sich nicht selber für Gott oder gar göttlich hält.

Nun kommt Benedikt XVI. auf Einladung in den Deutschen Bundestag. Alltagsgeschäft für den Pontifex. Vor den Vereinten Nationen war er, wie sein Vorgänger auch schon. Dort sind ja nun weiß Gott/Allah/Krischna/Jahwe/Spaghettimonster mehr Religionen vertreten als in unserem Parlament. Von einer ähnlichen Erregung ob der Ansprache des Bischofs von Rom ist nichts überliefert, von einer rhetorischen Aufmunitionierung, dass in New York die Trennung von Kirche und Staat aufgehoben worden wäre, war nichts zu hören. Und das auf dem Boden eines Landes, in dem man sich aus lauter religiöser PC-igkeit nicht „Frohe Weihnachten“, sondern „Frohe Feiertage“ wünscht.

Deutschland annektieren!

Wladimir Putin hat auch vor dem Bundestag gesprochen. Oh my God! Hat er Berlin damit für Russland als Territorium reklamiert. Genau. Hat er nicht. Wird der Papst morgen im Bundestag stehen und rufen „Gehört alles mir hier“? Ähm, nein. Also ihr peinlichen Jungs und Mädels von der SPD, den Grünen und der Linken: Geht doch heim und nervt nicht. Die Behauptung, Benedikt brächte mit seiner Rede die Grundfesten der freiheitlichen Gesellschaft zum Einsturz, ist grotesk. Vielleicht spricht er ja von der Freiheit. Da kann die FDP sicher was lernen im Hinblick auf ihren ehemaligen Markenkern, den Liberalismus. Und die Mauer-und-Diktatur-Gedächtnis-Partei kann etwas erfahren von dem, was echte Freiheit bedeutet. Vielleicht wollen sie ja deswegen nicht zuhören, weil es für sie unangenehm werden kann.

Und die SPD? Träumt von rot-grün, so bald wie möglich, vielleicht noch in diesem Jahr. Diesen Traum wird ihnen nicht der Papst nehmen, sondern die Piratenpartei. Die Spontis sind weiter gewandert, weg von den Grünen und den Sozialdemokraten. Bei den Piraten entsteht, das sehen Wahlforscher so, ein neues Milieu, eine eigene Gruppe mit einem eigenen Lebensgefühl, ein neuer Weg. So hieß das Christentum in seinen Anfängen auch einmal: Neuer Weg. Es geht hierbei nicht darum, dass die Piraten nur das Thema Internet hätten, sondern dass mit dem Internet ein umfassender Wandel des Lebens einer bestimmten Gruppe einhergegangen ist, der so viele eigene Merkmale in sich bindet, dass von einem neuen „wir“ die Rede ist. Zu „wir“ siehe oben.

Zottelig und angeranzt

Also: Diese neue Bewegung hat bei der letzten Bundestagswahl knapp zwei Prozent gemacht. Wenn sie bei der nächsten Wahl drei oder vier Prozent holen, woher kommen die Stimmen dann? Richtig: Von SPD und von den Grünen. Dann war’s das mit der Traum-Koalition, der Neuauflage von 1998 unter der Ägide von Agenda2010-Politikern. Not lehrt beten. Vielleicht gehen die Abgeordneten dieser beiden Fraktionen dann nach der Rede mit dem Heiligen Vater noch mal auf einen Abstecher in die Kapelle des Bundestages, um übernatürlichen Beistand zu erflehen. Von den Linken kommt bestimmt keiner mit, aber ohne die wird es dann nicht gehen, wenn es für Öko-Sozial nicht reicht.

Die Piraten und der Heilige Vater, sie haben doch mehr gemeinsam, als sich beide Seiten auf den ersten Blick zutrauen. Bei beiden wird es laut im Raum, wenn sie sagen „wir“. „Religion privatisieren“ war eine der Forderungen auf den Wahlplakaten der Piraten. Immerhin Ihr Piraten: Der Stifter der Kirche, Jesus Christus, hatte auch lange zottelige Haare. Und ein Sponti soll er bisweilen auch gewesen sein.

Foto: Sergey Gabdurakhmanov, Lizenz: CC BY 2.0

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