Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Denkzeit » Der Baum der Kunst
Share

Der Baum der Kunst

Von | 19.09.2011, 8:35 | 2 Kommentare

Es gibt Filme, und es gibt Filme. Ana Tajder über den gewissen Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung.

Tree of Life by zak mc, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Es war ironisch, ich sah Terrence Malick´s „The Tree of Life“ einen Tag nachdem mir das Konzept für ein Drehbuch über Frauen aus meiner Insel Zlarin einfiel. Ich schrieb es für den Drehbuch-Kurs der UCLA (Uni Kalifornien, Los Angeles). Leicht war es nicht, anfangs wollte ich einen richtigen „Foreign Language Movie“ machen, so nennen sie das hier. Aber es ging in diesem Kurs um das Schreiben eines Hollywood-Films.

Ich erhielt meine erste Watsche (oder zwei oder drei) während der ersten fünf Minuten in der Klasse. Ich hörte Dinge wie „wozu etwas für 400 Leute machen, wenn du etwas machen kannst, das vier Millionen Menschen sehen können“ ; „warum Filme machen, die bestenfalls beim Sundance-Festival gesehen werden?“; „ich mach das wegen der Kohle“. Das Defizit an Anerkennung dafür, dass Kunst und Unterhaltung unterschiedliche Motive haben, stieß mich ab. Die Motive beider sind komplett unterschied, verdienen aber gleichen Respekt.

Ja, Autoren studieren hier offiziell das Rezept für Hollywood-Filme, die funktionieren. Die Regeln sind sehr streng. Du lernst  die Drei-Akte-Struktur kennen, sowie Handlungswechsel, Rhythmus, Höhepunkte, rote Fäden, Charaktere, seine oder ihre Ziele, Hindernisse, Nemesis, Punnkte ohne Wiederkehr, prägende Ereignisse und Klimax … du lernst, die eine universelle Geschichte von der Reise des Helden, die laut Hollywood perfekt funktioniert, immer wieder neu zu erfinden. Und plötzlich ist dir kein Rätsel mehr, warum sich alle Filme so gleich anfühlen. Sie sind eben immer ein – und derselbe Film, nur Charaktere und Kulissen werden geändert.

Da saß ich also, im Sessel eines leeren Kinos. Ich wusste, ich werde etwas Ungewöhnliches sehen und war überzeugt, dass es, wie viele Freunde meinten, schrecklich sein werde. „Es war wie einen Screensaver anstarren“, sagte einer. Aber ich war auch bereit, meine schwere Überdosis an Hollywood-Filmen (und das Leben, das sie umgibt) heraus zu fordern. Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich den Film deswegen genoss, weil er mir genau gab, was ich in dem Moment brauchte. Vielleicht hätte ich ihn gehasst, wär er mir in anderen Umständen widerfahren. Aber …

Der Film nahm mich in seine Arme und sang mir ein Wiegenlied ins Ohr. Und dann hüllte er mich in einen Trip. Einen Trip, den ich brauchte. Er verlangsamte mich, half mir bei der Konzentration, ließ mich atmen und erinnerte mich an die Magie … des Seins. Obwohl es nur die Geschichte einer durchschnittlichen amerikanischen Kleinstadt-Familie in den 50er Jahren war, aus irgendwo im Süden. Eigentlich ist es nicht einmal eine Geschichte – es ist eine Collage aus magischen Bildern, begleitet von einem schönen Soundtrack, Melodien von Couperin, Brahms und Berlioz unter anderen. Keine Ziele, keine Drei-Akte-Struktur, keine Punkte ohne Wiederkehr. Keine Höhepunkte.

Diese fantastische Collage zeigt (anstatt zu „erzählen“), wie es ist, ein Kind, ein Sohn, ein Bruder zu sein. Wie es sich anfühlt. Menschlich. Zu sein. Ohne Erzählung. Es zeigt die Vielfältigkeit und Schönheit der Liebe innerhalb einer Familie. Von Schöpfung und Verlust. Leben. Manifestiert in Strahlen von Sonnenlicht, die durch den Vorhang dringen, um an der Wand zu landen. Oder ein Spiel im Garten. Zen.

Nein, ich halte den Film nicht für ein Meisterwerk. Er hat Mängel. Er macht keinen Sinn. Er ist nicht unterhaltsam. Die Dinosaurier sind unnötig. Die Schöpfungs-Geschichte hätte kürzer sein können. Und ich hab meine Zweifel bei den Voice-overs und beim Leben nach dem Tod … Aber der Film schaffte, was Kunst schaffen sollte – er berührte mich, bewegte mich und veränderte mich. Er erinnerte mich an den Respekt, den ich unentwegt fürs Leben haben sollte.

Um das zu schaffen, braucht Kunst keine Regeln. Ein Drei-Akt-strukturierter Film unterhält und engagiert. Hat aber nie so eine fundamentale Wirkung. Und das ist der Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung. Kunst hat die Macht uns zu berühren und zu bewegen, uns auf einen Trip zu bringen. Uns mit dem Universum kurz zu schließen. Das schafft sie ganz ohne Konzept. Unterhaltung muss unterhalten. Und ja, dafür gibt es eine Formel.

Am Tag, nachdem ich den Film gesehen hatte, landete ein Amazon-Paket in meiner Post – „Save the Cat“, angeblich das ultimative Buch über Drehbuchschreiben. Ich akzeptierte es mit vollkommen neuer Haltung. Ich beschloss, die Regeln gerne zu lernen, um sie später, sollte ich sowas machen, (umso lieber) zu brechen. Haltet mir die Daumen dafür.

Diesen Blog gibt es auf Ana Tajders Website in englischer Originalfassung zu lesen.

Aus dem Archiv »

Keine weiteren Posts zum Thema gefunden. Der Zufallsgenerator empfiehlt:
Musik am iPad: Jetzt auch für Bildungsbürger von Aktueller Dienst

2 Kommentare »

Schreiben Sie einen Kommentar / Leave a comment

Sie können diese HTML-Tags benutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Dieser Weblog unterstützt Gravatar.

 

ZiB21 sind: unsere Blogger