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Von Pilz4U zu WTFekter

Von | 18.09.2011, 15:57 | 8 Kommentare

Typisch. Kaum kannst du mal über die Jahrzehntrede eines heimischen Politikers Süßholz raspeln, kommt auch schon eine Kollegin Dumpfbacke daher und stiehlt alle Schlagzeilen.

Finanzrepräsentantin Österreichs im Ausland by World Economic Forum, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Jahrzehntredner by bobschi, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

So mancher Spitzenfußballer kann davon erzählen: Du spielst das Match deines Lebens, schießt einen Hattrick, demontierst den Gegner im Alleingang – aber am nächsten Tag hat irgendein unbedarfter Gegner alle Schlagzeilen, weil er den Schiedsrichter geohrfeigt hat oder was.

Ich erlebte „Die Rede“ natürlich im Nachhinein, ich „zog“ mir den Pilz-Monolog „rein“, weil so viele soziale Netzwerker den Clip davon gepostet haben. Ich hörte dem Grünen zu, überhörte großzügig den Gendering-Schnickschnack („Politiker und –rinnen“, Wähler und –rinnen“ etc) und war … von den Socken. Ich fühlte mich weder verarscht noch unterfordert, ich spürte keinen Gähndrang, es war interessant, ein Hauch von „Staatsmann“ machte sich breit, ich „zog“ mir tatsächlich alle 20 Clipminuten „rein“ und hatte nicht – wie sonst bei Ö-Politikerreden – das Gefühl, dass mir da wer meine Zeit gestohlen hat.

Dazu musste ich nicht mit allen Pilzsagern einverstanden sein. Wenn er wirklich meint, früher wäre „niemand auf die Idee gekommen, der Politik so einen Generalverdacht (korrupte Arschlöcher zu sein, Anm.) zu unterstellen“, ist das wohl ein Fall von mangelnder Fantasie. Ich hatte nie Probleme mit dieser Idee.

Aber mir gefiel der Stil des Monologs. Die Rede durfte atmen, sie war glaubwürdig, sie war im Brustton der Überzeugung vorgetragen, da war nicht die infantil piepsende Kopfstimme am Werk wie beim Gros der heimischen Politiker – es war ein großartiger Monolog, im Kontext also eine Jahrzehntrede, sowas hört man sonst genau nie. Mir fiel beim Pilzhören sogar Bruno Kreisky ein (nicht dass er sich mit dem großen Sozialdemokraten vergleichen könnte), und dafür bin ich jedenfalls dankbar, ich denke gern an Kreisky, wenn der z.B. im Ausland aktiv war, dann wuchs das Ansehen Österreichs automatisch.

Der Pilzmonolog erinnerte daran, dass das Parlament eine würdige Arena für wichtigen Austausch sein könnte und nicht das unfreiwillige Kabarett, das dort passiert. Das kurzzeitige, enthusiastische Feedback in den sozialen Netzwerken zeigte außerdem, dass es für Kongeniales einen Markt gibt. Aber der Enthusiasmus unterstrich natürlich primär die Rarität so eines Ereignisses. Solche Reden passieren nie, sie kommen daher wie eine überirdische Erscheinung. Im Normalfall machen Parlamentsreden dich politikverdrossen, im schlimmeren Fall sind sie peinlich und dumm und auch „skandalös“.

Stichwort Fekter also. Hier gleich das Dümmste daran: Obwohl sich viele Autoren überlegten, „wie ich damit umgehen soll und ob ich diesem Ereignis überhaupt Platz auf meinem Blog einräumen will“, tun sie es dann doch, und der Rest des sozialen Netzwerks beginnt zu zetern, macht sie nieder …

(einer schrieb „Fekter ist wie Hannibal Lecter“ … Das ist eine Unverschämtheit! Lecter war ein interessanter und hochintelligenter Mann. Bring Lecter – die Hopkins-Version – in die ÖVP und ich seh endlich einen verführerisch akzeptablen Grund, diese Partei zu wählen)

… und fordert polemisch, aber auch intelligent (meine online-OpLeads G und K machen das intelligent) den Rücktritt der Dame, Schande für Österreich und so weiter.

Das ist mir erstens zu schnell. Ich hätte mich viel lieber noch über „der Pilz-Monolog und seine Konsequenzen“ schlau gemacht, denn Konsequenzen sollte es geben, zum Beispiel für „die Wähler und -rinnen“, die haben ein demokratisches Recht auf mehr solche „Redner und –rinnen“. Gäb es mehr davon, wären sie auch nicht so politikverdrossen.

Zweitens wäre mir ein Rücktritt Fekters zu schnell, weil die Dame damit zu glimpflich weg käme. Was bedeutet schon Rücktritt in Österreich? Im allgemeinen nur „die nächste Flasche, bitte“.

Nein, die Dame sollte vor einen Ausschuss oder sowas, sie sollte sich außergerichtlich zu verantworten haben, nämlich zur Frage, ob sie „dem Ansehen der Republik Österreich im Ausland geschadet“ hat. Ob sie Rufschädigung betrieben hat. Die Indizien scheinen klar, wie kann ihr dämlicher Sager, den sie auf einem internationalen Wirtschaftsgipfel tätigte, nicht schaden. Von ihren 25+ Finanzministerkollegen und -rinnen heißt es zwar, dass sie lediglich „schieb dir deine Vorschläge dorthin, wo die Sonne nicht scheint“ raunten, nur war das sicher nicht alles. Sie haben sich garantiert auch kaputt gelacht, nicht nur über die dämliche Dame, sondern – kraft ihres offiziellen Amts – über Österreich – das negative Propaganda so braucht wie ein Loch im Schädel (Fritzl, Strasser, Fekter, what next?)

Fekter sollte nicht klanglos entsorgt werden sondern sich verantworten müssen. Weniger wegen ihr, sondern damit die Strukturen transparent werden. Wie konnte sie ins Amt gelangen, gibt es da nicht Auflagen, so, wie fürs Studieren eine Matura Auflage ist? Eine Finanzministerin muss Österreich gelegentlich auch im Ausland repräsentieren, hatte sie dafür die notwendigen Qualitäten? War sie diplomatisch geschult, kannte sie die Grundprinzipien des internationalen Austauschs, hatte sie die Tools, um Österreichs Ansehen nicht zu schaden (Punkt 1: du sollst dich – und damit dein Land – nicht lächerlich machen), beherrschte sie überhaupt die englische Sprache, ganz zu schweigen von anderen?

Solche und ähnliche Fragen sollte sie über sich ergehen lassen (besonders cool wäre eine öffentliche Geschichtsprüfung), ehe sie abserviert wird. Zur Abschreckung für ihre KollegInnen. Damit Parteien lernen, es sich gut zu überlegen, ehe sie die nächste Dumpfbacke engagieren.

So sollte es sein. Aber für uns, die „Wähler und –rinnen“, sollte die Fekter nicht mehr Priorität sein. Die ist Vergangenheit, wir müssen nach vor blicken. Etwa zur nächsten Wahl. Da gibts theoretisch wenig Alternativen, eigentlich böten sich nur die Grünen an, die Partei von Peter Pilz – dem ich jedenfalls den einen Satz „Die Grünen sind nicht käuflich“ gern abnehme, das muss sein, das ist wichtig, wenn das nicht ist, hat alles weitere keinen Sinn. Nur brauche ich mehr, um mir die Politikverdrossenheit abzuschminken.  Ich brauche mehr so Reden wie die von Pilz.

Und hier kommt das Dumme in einem Detail zum Vorschein, das K am besten wiedergab: „Die unfähigste Partei Österreichs (Die Grünen) lässt ihren wichtigsten Redner schon lange nicht mehr Wahlkämpfe führen.“

Einfach schleierhaft. Warum lassen die ihr bestes Pferd im Stall? Was haben die Bobos gegen ihn? Zu wenig kompromissbereit, zu wenig bürgerlich? Brauch ich alles nicht. Ich brauch keine Bürgerlichkeit, ich brauch keine Kompromissbereitschaft, die braucht heute niemand. Ich brauch glaubwürdige Politiker, die interessant sind, denen ich ohne Sehnsucht nach Lobotomie zuhören kann. Der Rest kann mich.

8 Kommentare »

  • sakristan biringer sagt:

    Werter Frater Gladius,

    Maria Fekter hat schon als Innenministerin gezeigt, wie unbestechlich, wie geradlinig und wie herzlos sie zu agieren im Stande ist – und das sind alles Komplimente! Weil Herz hat in der Politik nichts verloren, auch wenn vertrocknete Alt-68er wie Sie das nie und nimmer wahrhaben wollen.

    Und was zum Herrn Pilz zu sagen ist: er hat schon einen Wahlkampf verloren, mit Bomben und Granaten. Das war 99, in jenem (im nachhinein betrachtet) unsäglichen Wahlkampf, der uns die Schwarz-Blaue Selbstbediener-Koalition brachte. Warum sollte man ihn also neu aufstellen?

    So ist also eine Fekter – man mag sie sympathisch finden oder nicht – die ideale Figur um in dem Finanzsaustall hier aufzuräumen. Wer auch immer sich daran stoßen mag wie sie auftritt, was sie spricht oder wie sie aussieht – ihren Job macht sie gut. Und das wird hier ja wiedermal – wie üblich auf diesem Portal – überhaupt nicht thematisiert.

    Ach ja, die Auslandswirkung … na das is ja mal meine Hauptsorge …

    Hochachtungsvoll,
    Biringer.

  • nic_ko sagt:

    wunderbarer text!

  • Gute Nacht-Lektüre: Wort zum Sonntag. Von Pilz4U zu WTFekter » ZiB21.com http://t.co/6BJil5k7

  • Laura sagt:

    fritzl u. strasser etc in einem atemzug zu nennen und fritzls tat auf die negativ-propaganda für österreich runterzubrechen, ist entweder zutiefst ironisch, oder dem hier thematisierten affront nicht unähnlich

    • Frater Gladius sagt:

      Ich beabsichtigte nicht, mit obiger Namensaufzählung etwas auf Negativpropaganda „runterzubrechen“. Ich listete auf, was (in meiner Wahlheimat) in Zusammenhang mit Österreich „hängen“ bleibt, also in die Medien gerät. Das ist erstens herzlich wenig, zweitens immer Abteilung „Bräuche der Naturvölker“. Ihr FG

  • mare sagt:

    tja die fekter ist schon ein besonderes övp „aushängeschild“. sie glänzte schon öfters mit unfassbaren äußerungen, doch was passierte – nichts! in der övp mangelt es so derart an „qualitfizierten“ das sie lassen, was sie nicht besser besetzen können! das ist und bleibt vom motto: övp die politik der klügsten köpfe!!

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