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Blog aus Bagdad 02. Die Furcht.

Von | 06.04.2009, 11:56 | Kein Kommentar

Ich saß am Ufer des Tigris und las die Zeitung. An einem schönen Bagdad-Tag wie heute ist dieser Dock mein Lieblingsplatz, aber die Schlagzeile ärgerte mich gewaltig. Ich legte das Blatt ein paar Minuten weg, nahm es dann noch einmal in die Hand und las: „Es ist Furcht, die den Frieden in Bagdad erhält.“ Ärgerlich. […]

Mein Lieblingsplatz am TigrisHallo Wien

Ich saß am Ufer des Tigris und las die Zeitung. An einem schönen Bagdad-Tag wie heute ist dieser Dock mein Lieblingsplatz, aber die Schlagzeile ärgerte mich gewaltig. Ich legte das Blatt ein paar Minuten weg, nahm es dann noch einmal in die Hand und las: „Es ist Furcht, die den Frieden in Bagdad erhält.“ Ärgerlich. Ich weiß nicht genau, warum mich das so ärgert, aber der Artikel gibt mir eine Ohrfeige, noch ehe ich zu lesen beginne.

„Die Straßen sind ruhiger. Die Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten sind im wesentlichen erloschen. Aber das ist kein Zeichen von Normalität in der Hauptstadt. Es ist Furcht, die den Frieden erhält.“

Ich wollte sofort darüber schreiben, wollte sagen, wie falsch das ist und auch ein wenig blutrünstig, aber wir hatten keine Elektrizität, also musste ich warten. Und je mehr ich darüber nachdachte, umso eher war ich geneigt, diese Zeilen zu akzeptieren. Vielleicht war ich so wütend, weil die Story den Anschein erweckte, als würden sich die Sunniten weigern zurück zu kehren und an den politischen und sozialen Affären teil zu nehmen.
Andererseits, seht uns an. Meine Onkel und Tanten – das sind vier Schia-Familien – und auch wir selbst haben es noch nicht gewagt, in unsere Häuser in West-Bagdad zurück zu kehren, weil der Westen zum Sunnitenland erklärt wurde. Vergangenen Monat sah ich mal kurz vorbei und es war deprimierend. Nur noch wenige der alten Nachbarn leben dort und es ist weit weniger los als im Zentrum der Stadt. Aber dennoch, irgendwas an diesem Zeitungsartikel machte mich unrund.

„Es herrscht Ruhe in Bagdad, weil die Stadt ethnisch geteilt ist.“

Tatsächlich? Ihr erzählt mir da nicht wirklich was Neues. Das war aber die Politik von Regierung und US-Armee. Wer hat denn die Mauern zwischen den Sunni-Bezirken und dem Rest der Stadt errichtet? Und heute, zwei Jahre nach Errichten der Mauern ist die ethnische Teilung halt Realität. Die Leute haben dort ihre Häuser verkauft, wo sie nicht mehr leben konnten und versucht, sich dort einzukaufen, wo sie sicher waren. Das wichtige Wort hier ist „versucht“. Denn das Mischen der demographischen Karten hat ja die Grundstückspreise vollkommen verzerrt. Viele mussten billig verkaufen, insbesondere wenn sie in Sunniten-Gebieten gewohnt hatten. Jenen, die nicht verkauften, blieb nichts. Wenn du dich wo anmieten willst, verlangen die Hausbesitzer eine Jahresmiete im Voraus. Wer will schon einem Mieter nachlaufen, der dir jederzeit einen Kracher in den Arsch schieben kann? Aber ich komme jetzt vom Thema ab …
Ja, es ist ein Durcheinander. Vielleicht ärgert mich der Artikel deswegen, weil er wahr ist. Die ganze Sache ist zu zerbrechlich. Der Artikel wiederholt ständig, dass die Sunniten keinen guten Deal erwischt haben. Während der Wiederaufbau in den Schia-Bezirken gut voran geht, wirken die Sunniten-Gegenden wie Geisterstädte, ist da zu lesen. Auch richtig. Vielleicht hasse ich den Artikel, weil er die Realität so ungeschmückt verbrät.
Ja. Wenn ich die Bezirke zähle, in denen wir wirklich eine Rückkehr zu dem erleben, was wir Normalität nennen – was natürlich nicht stimmt, aber es gibt eben kein passenderes Wort, um die Sache zu beschreiben – wenn ich also an die Bezirke denke, die sich okay anfühlen, dann sind das großteils Schia-Bezirke. Mit Ausnahme von `al-Mansour´, wo langsam wieder der Groove als Bagdads bester Platz für schöne Dinge und coole Teenagerposen erwacht.
Aber der Rest ist Schia oder christlich-Schia. Karada, wo man bis 10 Uhr nachts aushängen kann, ist Schia. Al-Kadhimya, wo du bis neun Uhr abends frisches Brot kriegen kannst, ist Schia. Die Gegend um den Al-Wathiq-Platz mit seinen vielen Restaurants ist christlich-Schia.

„Erstaunlicher Weise bleibt die ethnische Trennung erhalten, obwohl das irakische und das amerikanische Militär die schiitische Miliz und die Todestruppen von den Straßen gescheucht haben.“

Ich ärgere mich schon wieder. Ist dieser Journalist bewusst naiv? Ich bin mir sicher, dass er es besser weiß. Die Miliz mag verschwunden sein, aber die Schia-Bezirke sind nur deswegen sicherer als andere, weil den politischen Schia-Parteien erlaubt wurde, ihre eigenen Sicherheitskräfte zu organisieren. Niemand konnte das Recht des Obersten Islamischen Konzils des Irak in Frage stellen, seinen eigenen militärischen Arm zu unterhalten. Und die Dawa-Partei unter Ministerpräsident al-Maliki startete daher ihre eigene Sicherheits-Brigade, unter dem Mantel einer „Antiterrorismus-Brigade“.
Die Sunniten dagegen wurden sich selbst überlassen. Und als „Puffer“ zwischen den Mahdi-Milizen mit ihrem ominösen Slogan „Unser normales Programm wird nach dieser kurzen Pause fortgesetzt“ und dem Rest der Schia-Sicherheit waren die „Erwachet-Gruppen“ halt doch ein bisschen sehr wenig und das sehr spät. Der Schaden war geschehen.
Ja, es ist Furcht, die den Frieden in Bagdad erhält, aber es ist eine Furcht, die wir immer schon kannten. Die Furcht vor übermächtigen Sicherheitskräften und Offizieren des Geheimdiestes. Aber wer die Hölle gesehen hat, die Hölle in Form von Männern, welche Busladungen von Menschen für 100 Dollar pro Kopf niedermetzelten – ja, buchstäblich pro KOPF – der gewöhnt sich auch an die rüden Methoden der Sicherheit von heute. Und während diese Methoden der Schia-Bevölkerung akzeptabel erscheinen, geht die Exekutive mit den Sunniten weniger zimperlich um.
Im übrigen ist aber die Zustimmung für al-Maliki binnen zwölf Monaten auch bei Sunniten von 8% auf 31% gestiegen. Aber vier von zehn Irakern glauben immer noch, dass al-Maliki zu viel Macht in seinem Amt vereint. Und das glauben sowohl Schiiten als auch Sunniten.
Meiner Meinung nach ist das die Furcht, die den Frieden in Bagdad erhält.

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