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Being Engländer. Der erste Gaudinazi

Von | 13.09.2011, 17:23 | 2 Kommentare

Warum ist englischer Humor ein Weltbegriff und „deutscher Humor“ ein Oxymoron? Reine Gewohnheit.

Wachshitler by Hy’Shqa, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Sie kommt so sicher wie der Altweibersommer, als jahreszeitliche Fixnachricht hat sie Nessie abgelöst und heuer gab sie mehr ab als üblich: die Madame Tussaud-Beschwerde.

Man kann Verständnis für sie haben, muss aber nicht: Ein Paar aus Israel fährt nach London, besucht Tussauds Wachsmuseum, sieht den wächsernen Hitler und nicht nur diesen, daneben stehen auch zwei Kurzweiler, die ihren Spaß mit der Figur haben, der eine per Hitlergruß, die andere mit Finger unter der Nase.

Die Israelis fotografierten die Evidenz und legten also Beschwerde ein – „entsetzt über die Präsenz einer Hitlerfigur … unglaubliche Demonstration von Antisemitismus …“, gezeichnet: „Enkelkinder von Holocaust-Survivern“.

Verständlich die Betroffenheit der israelischen Touristen angesichts der Hitlerfigur. Der Rest weniger. In jeder Tussaud-Filiale dieser Welt – sogar in Berlin – steht ein Hitler, das weiß jeder, damit rechnet jeder, wer ihn nicht sehen will, soll nicht hingehn. Und die „Antisemitismus“-Ansage ist dumm. Antisemiten halten sich nicht den Finger unter die Nase. Das tun nur Leute, denen John Cleese (Video: Don´t Mention the War) mal Lachtränen entlockte. (Zum Text nach unten scrollen)

Selbstverständlich war auch protestiert worden, als der Wachshitler in Berlin aufgestellt wurde. „Geschmacklos“, hieß es in Haaretz, „ein Wachsmuseum sollte unterhalten und amüsieren.“ Das tut der „Berliner Hitler“ in der Tat nicht, der ist dem tobenden Bunkerhitler von Bruno Ganz nachempfunden, einer Figur, die dem Original allzu viel Ehre antat. Würde man in England sagen.

Das dachte man offenbar auch bei Tussaud, die Beschwerde wurde selbstverständlich abgewiesen, man pochte auf das Recht der Museumsbesucher, mit den Wachsfiguren zu interagieren, überhaupt wird in England weniger enthusiastisch verboten als anderswo. Dennoch mauserte sich die Beschwerde zur Kontroverse, denn nun verlieh auch Lord Jenner, Vorstand des Holocaust Educational Trust, seiner „Abscheu“ Ausdruck. Tussauds, meinte er, müsse dafür sorgen, dass sich seine „Besucher verantwortlich und respektvoll benehmen.“

Hm. „Respektvoll“ ist ein Wort, das mir im Zusammenhang mit Tussaud noch nie zwischen die Ohren geriet. Madame Tussauds ist ein Hort des schlechten Geschmacks und Gräuels, dort wird Obama und Gaddafi an die Hoden gegriffen, Margaret Thatcher befummelt und jedem Supermodel unters Höschen geflasht, in der Chamber of Horrors werden Hexen verbrannt und Huren erstochen. Das macht Tussauds zum Touristenmagnet. Was hat das mit Respekt zu tun?

Respekt ist außerdem etwas, das Engländern nie vorgeworfen werden konnte, wenn es um Hitler ging. Es ist nicht mangelnder Respekt vor Holocaust und der jüdischen Gemeinschaft, wenn du Hitler verarscht. Auf der Insel war Hitler immer eine Witzfigur, von Anfang an, der erste Wachshitler wurde bereits 1933 aufgestellt. Und er wurde von Anfang an verlacht. Verständlich. Bei Hitler brauchtest du keine Karikatur, um ihn zu verarschen, du brauchtest lediglich ein Foto. Er war der erste Gaudinazi.

Das ist die große Kluft, zwischen der Haltung auf der Insel und jener am Kontinent, und vielleicht hat das mit der existenten Distanz zu tun oder der mangelnden Obrigkeitshörigkeit, aber jedenfalls ist das Vorteil Insel. Die Engländer wissen, was eine Witzfigur ist, wenn sie eine Witzfigur sehen. Meinte auch der Komiker David Mitchell im Observer: „Es ist unglaublich und lachhaft, dass ein ganzes Land so total von so einem aufgeblasenen Wicht wie Hitler fasziniert war. Dort steht er und schwingt seine Reden, schwielig und schwitzend und grantig – und tausende Menschen jubeln ihm zu, als wäre er Elvis. Wenn das nicht zum Lachen ist …“  (Zum Text nach unten scrollen)

Es hat den Engländern nie geschadet, Hitler und sein Pack (Video oben: Gestapo Dance, TV-Serie `allo `allo) lustig zu finden, Legionen von Komikern lebten davon, Nazis zur Lachnummer zu machen. Es war für Deutschland und Österreich tragisch, den Kauz aus Braunau ernst zu nehmen, mit den Nazis zu packeln, den Sinn für ihre Lächerlichkeit zu verlieren. Warum hat man ihn nicht von Anfang an verlacht, und fällt es tatsächlich noch immer schwer? Wohl möglich. Wer Jahre lang das Komische leugnet, verliert wohl den Sinn dafür. Vielleicht ist das sogar mit ein Grund, warum „deutscher Humor“ ein Oxymoron ist.

Wenn sich ein John Cleese über die Deutschen lustig macht, treffe das laut Meinung meines Kollegen Ebe Lauth heute zwar die Falschen, weil „die ihre Geschichte kennen und sich ihr täglich stellen“, die wahren „Gaudinazis“ dagegen in „Österreich fröhliche Julfeste feiern“. Stimmt eh, ich hab derzeit angenehm viel mit Deutschen zu tun, sie sind nett und intelligent und nüchtern und philosophisch und gutmenschlich. Aber es fehlt was. Wer das Lächerliche nicht sehen kann, dem fehlt was.

Mag sein auch, dass Österreich noch immer keine Probleme mit Witzfiguren in der Regierung hat. Nur kann ich das nicht (mehr) mitvollziehen, ich bin vor über zwei Jahrzehnten nach England ausgewandert.

Mitunter werde ich gefragt, warum ich das machte, warum bin ich auf die Insel gezogen? Die Antwort ist einfach: weil sich die Gelegenheit bot. Die Entscheidung war also ein No-brainer.

Sie sahen, (oben), zwei gute Video-Beispiele für englischen Humor. Und (unten) folgt ein humoristischer Geniestreich aus dem Jahr 1940, in dem Charles Chaplin Gestik und tonalen Rhythmus des ersten Gaudinazis wenig mehr als nur exzellent akzentuiert, dessen Text entstellt und das unfreiwillig witzige Talent des Protagonisten damit radikal entblößt. Zu schade, dass es damals den Kontinent nicht erreichte. Sie waren komische Rohdiamanten, aber so blöd, die Ausstrahlung des Kunstwerks zu gestatten, waren die Nazis nicht.

YouTube: Charlie Chaplin – The Dictator Speech (1940)

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