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Darf ich bitte ein Eis?

Von | 13.09.2011, 14:58 | 14 Kommentare

Die Hauptbastion meines sprachlichen Rückzugsgefechtes musste ich leider bereits, wenn auch nicht kampflos aufgeben. Aber umtobt von Anglizi- sowie Teutonismen bleibe ich zumindest weiter wacker und standhaft der letzte Ritter der Modalverben.

Ich bin jetzt schon lange genug auf der Welt, um hierzulande einen subtilen – nun gut, nicht immer sehr – subtilen Sprachwandel zu beobachten. Manche Dinge ringen mir nur ein Schulterzucken ab oder gefallen mir sogar. Wie viele Neologismen, oft mit englischsprachigem, nun, Background. Ebenso finde ich manche jugendsprachlich bedingte Einflüsse eh auch ur super. Skeptischer bin ich bei eins zu eins übersetzten Anglizismen – die machen am Ende des Tages einfach keinen Sinn. Aber wirklich schlimm empfinde ich, und da bin ich und bleib ich nun einmal eingefleischter Österreicher, viele der sich hier ausbreitende Teutonismen. Die kann ich einfach voll nicht ab. (Siehe auch meine Buch: „Die Größten Gefahren Österreichs – und wie man sie übersteht“.)

Wobei, und das ist mir wohl bewusst, die meisten dieser als unangenehm, seltsam oder befremdlich wahrgenommenen Veränderungen vor allem eine Generationenfrage sind. Meine Mutter (Jahrgang 1922) wurde noch streng gerügt, wenn ihr einmal in der Schule ein „unter der Woche“ auskam. (Wer sich jetzt wundert, ja, man kann tatsächlich auch „während der Woche“ sagen.)

Oder: mein um einiges älterer Bruder war noch ein strenger Hardcore-Verfechter von Paradeisern und Erdäpfel. Die ich ja ebenfalls durchaus schätze – wenn ich auch gegen Tomaten und Kartoffeln nicht wirklich etwas einzuwenden habe. (Allerdings würde ich eher jämmerlich an Skorbut eingehen, als jemals eine Apfelsine oder Pampelmuse zu mir zu nehmen.) Als er mich jedoch einmal wegen der Verwendung von Schubkarre schalt, wusste ich nicht recht wieso. Was sicher daran lag, dass er noch recht oft mit einer Scheibtruhe hantiert hat, während ich das Ding neben marginaler Gartenarbeit wohl nur medial vermittelt bekommen habe.

Ich sag Servus, sie sagt Tschüss

Wie gesagt, ich bin in diesen Dingen eh auch teilassimiliert und weitgehend tolerant, aber als erziehender Vater junger Wienerinnen versuche ich doch noch mit einiger Vehemenz ein paar sprachliche Restbastionen zu verteidigen. Wobei ich bei meinem Hauptanliegen eigentlich schon die Waffen strecken musste. „Tschüss“ ist in Österreich (in Wien) angekommen und wird wohl bleiben, seufz.

Nun bin ich zwar niemand, der beim Abschied immer leise Servus sagt, aber ich bevorzuge doch Baba (ausgesprochen mit dem typisch Wienerischen Zwischenlaut, dem harten B) oder auch das schon vor Langem von unseren südlichen Nachbarn eingewanderte Ciao. Aber Tschüss…? Noch 1983 konnten Tauchen/Prokopetz/Humpe/Humpe, also kurz DÖF, diese Verabschiedungsformel als deutlichen Unterschied zwischen uns und unseren germanischen Nachbarn besingen. Herr Tauchen liebt da ein deutsches Mädel, auch wenn es, wie im Refrain unzählige Male wiederholt, unüberbrückbare Unterschiede gibt: er sagt nämlich Servus und sie sagt Tschüss.

Mein Kampf gegen diesen unliebsamen Invasor endete freilich vor der Tür des Kindergartens. Wenn ausnahmslos alle Kinder und auch alle Tanten… äh, Kindergärtnerinnen… nein, KindergartenpädagogInnen (puh) täglich Dutzende Male an der Pforte unbefangen Tschüss rufen, hab ich als Erziehungsberechtiger, nun, ausgegackt. Detto in der Volksschule. Mein einziger Trost – mir ham sichs uns zurechtgebiegt: das zackige Ttschüßßß bleibt dem Norden vorbehalten, bei uns hat sich’s zu einem – fast – schon akzeptablen und – fast – schon sympathischen Dschüühs eigeschliffen. Immerhin.

Der letzte Ritter der Modalverben

Aber bei einer letzten Bastion bleibe ich standhaft. Modalverben kommen mir nicht ohne folgenden Infinitiv ins Haus! „Darf ich bitte ein Eis? [Wasser, Brot, Keks…]“ wird bei mir streng, sowie erbarmungs- wie ausnahmslos und prompt sanktioniert. Nachdem mein Repertoire an ironischen Nachfragen wie „Was? Malen? Suchen? Kochen?“ langsam ihren Biss verlieren, vor allem wenn der Nachwuchs gerade hypnotisiert in den Fernseher starrt, bin ich zu brachialeren Methoden übergewechselt.

Ich unterstütze mein verbal geäußertes „Haben!“ mit einer sanften Kopfnuss. Soweit wag ich mich in Sachen den Kindern etwas einbläuen schon vor. Ist ja auch psychologisch erwiesen, dass man sich Dinge besser merkt, wenn sie durch mehrere sensorische Inputs miteinander verschränkt werden. Hüstel.

Und sollte sich mein Nachwuchs dabei denken: „Oida, was geht mit dem?“, soll mir das auch recht sein.

Foto: Judith Doyle, Lizenz: CC BY-ND 2.0

14 Kommentare »

  • cinja.pelada sagt:

    Ich muss – bei aller Zustimmung – auf einen entscheidenden Unterschied zwischen tschüss/lecker/Tomate und „Kann ich ein … “ hinweisen: Das eine ist die jeweils bundesdeutsche Version eines österreichischen Wortes, das andere grammatikalisch schlicht falsch, und zwar hüben wie drüben.

    • Harald Havas sagt:

      Das ist richtig. In der Einleitung geh ich auch auf diverse Sprachveränderungen ein. Allerdings hab ich tatsächlich nicht klar herausgearbeitet, dass die Modalverbsache kein Teutonismus ist. Ist mir dann auch aufgefallen, dass man das so lesen könnte, da war’s aber schon zu spät. Sorry und danke für den Hinweis!

  • Harald Havas sagt:

    Übrigens die korrekte Übersetzung von „at the end of the day“ lautet „letzten Endes“ oder „schließlich“. Übersetzte Metaphern sind ja nicht prinzipiell falsch, sie klingen nur anfangs/lange/für eine Generation etwas seltsam oder störend. Ich sage nur „der frühe Vogel fängt den Wurm“ ; )
    HH

  • lupopasso sagt:

    ha! und „am ende des tages” und „keinen sinn machen”? is eh scho wurscht, fällt eh kan mehr auf! alle schon gekauft von den piefkinesisierungslobbyisten…

  • Hilde Fonso sagt:

    Na dann: Man sieht sich …… im Leben immer zweimal. Das nächste Mal hoffentlich beim „Österreichisch für Marmeladinger, Angloviele und sonstige Gfrasta-Kurs“ :-))

    • Bine sagt:

      HA…HAHA… ich hab’s ja no ned glesn, des Biachl… oooooba… mi wiagts jo ollaweu beim Zuhörn der diversen ZAHLENsprech… Gewohnheitn: DIE Eins, DIE Zwei… uaareglierejlöaklölljnffffrrrrrrrrrrr..brech… UUUUUND…
      und jetzt für alle: österreichische Zahlen sind eindeutig MÄNNLICH… jawollja.
      UUUUUND… ich forder die Wiedereinführung der österreichischen Synchronisation, weil die lieben Kleinen reden alle wie direkt aus einem Kika-Cartoon (also: Zeichentrickfilm) rauskopiert… jek…
      und wer mich kennt – ned woa – der weiß ja, wie die Frau S. auf den hierorts üblichen Sprech steht… und bitte dafür werden wir in Piefgonien ja auch geliebt, oiso wos soi des… das is wirtschaftsschädigend! Ein Anschlag des deutschen Fernsehens auf unsere heimische Ökonomie! … schon entlarvt!

    • Bine sagt:

      ui… eigentlich wollte ich das jetzt ins allgemeine feed schreiben… bitte ned bös sein!

    • Bine sagt:

      HA…HAHA… ich hab’s ja no ned glesn, des Biachl… oooooba… mi wiagts jo ollaweu beim Zuhörn der diversen ZAHLENsprech… Gewohnheitn: DIE Eins, DIE Zwei… uaareglierejlöaklölljnffffrrrrrrrrrrr..brech… UUUUUND…
      und jetzt für alle: österreichische Zahlen sind eindeutig MÄNNLICH… jawollja.
      UUUUUND… ich forder die Wiedereinführung der österreichischen Synchronisation, weil die lieben Kleinen reden alle wie direkt aus einem Kika-Cartoon (also: Zeichentrickfilm) rauskopiert… jek…
      und wer mich kennt – ned woa – der weiß ja, wie die Frau S. auf den hierorts üblichen Sprech steht… und bitte dafür werden wir in Piefgonien ja auch geliebt, oiso wos soi des… das is wirtschaftsschädigend! Ein Anschlag des deutschen Fernsehens auf unsere heimische Ökonomie! … schon entlarvt!

  • @SingerEva RT @AnChVIE: Jaa! Genau!! … "Kann ich bitte ein Eis" .. auch von mir heftigst bekämpft *gg* http://t.co/vYqhAKu

  • Harald Havas, auch bekannt als letzter Ritter der Modalverben, hat uns einen Text geschenkt. Klicket hin und leset! http://t.co/u8YCp3B

  • Ja!!! Endlich ein Mitstreiter gegen das schuhwerkausziehende „Sinn machen“, den schmerzhaften Gebrauch der „leckeren Vertschüssung“ und die Verkürzung der Wunschäußerungen, die ich auch bei meinem eigenen Nachwuchs seit Jahren (mehr oder weniger erfolgreich) bekämpfe. Immerhin wird damit wenigstens ein Bewusstsein geschaffen, der sich inzwischen schon darin äußert, dass meine Nachkommenschaft ihrerseits wieder Freunde und andere Mitsprecher zu korrigieren beginnen … was ich mit einem zufriedenen Lächeln zur Kenntnis nehme.
    Es lohnt sich also allemal, auf so mancher Österreich-Version zu bestehen :-))

    Ein herzliches Servus
    von der schwertschwingenden Sprachverfechterin
    Gabi

  • Das ging aber rasch! RT @zeitimblog21 Eine neue Kolumne von @derhavas, dem letzten Ritter der Modalverben: http://t.co/Wl5iAry

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