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„Wo-warst-du“-Momente

Von | 11.09.2011, 17:43 | 12 Kommentare

Sie sind historisch, aber mögen muss man sie nicht. „Wo-warst-du-als“-Momente machen einen Prozess transparent, häufig den einer Illusion, die ins Illusionslose kippte.

Twin Towers - „Zwei-Finger-Salut der kapitalistischen Welt“. By Guillaume Cattiaux, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Keine Sorge. Ich werde jetzt nicht auch noch meine Memories auspacken. Ich werde nicht erzählen, wie mein Kollege, der damalige Redakteur und heutige Politiker, fast beiläufig „Leute, ein Flugzeug ist ins World Trade Center geknallt“ in die Redaktionsräume rief und ich „Lass mich in Ruhe mit den blöden Scherzen“ erwiderte, weil grad Deadline war.

Schon gar nicht kann ich im Nachhinein einen auf betroffen machen wegen all der Opfer. Friede ihrer Asche, aber im Moment des Geschehens ist die Betroffenheit so weit weg wie das Ereignis. Im Moment des Geschehens regiert zunächst mal persönlicher Ärger, weil da etwas deine Kreise stört, ohne dich zu fragen, ob dir das auch recht ist.

Allmählich stellt sich dann ein Bewusstsein für die Größe des Moments ein, nur ist Bewusstsein eine gewachsene Sache. Die Twin Towers hatten sich wie der höhnische Zwei-Finger-Salut der kapitalistischen Welt an den Rest der Welt in die Skyline gesteckt, du musstest kein muslimischer Fundi sein, um bei ihrem Kollaps auch Genugtuung zu empfinden, es reichte, das Herz am linken Fleck zu haben. So ist das mit solchen Momenten. Betroffenheit kann warten.

Aber gut, ich will 9/11 links liegen lassen und bei den Wo-warst-du-Momenten bleiben. Wo-warst-du-Momente, die du erinnern kannst, haben Magie. Ich mag sie nicht. Sie halten eine Situation lebendig, die ich gelebt habe. Sie machen einen Prozess transparent, häufig den einer Illusion, die ins Illusionslose kippt, einer Welt, die kaputter wird.

Wo-warst-du-Momente sind immer tragisch, also die öffentlichen, die wir teilen. Die großen persönlichen Momente sind ja was Diskretes. Und kaum aufschlussreich. Wo warst du, als du das erste Mal Sex hattest, ist nicht sonderlich informativ. Ich war im Bett. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei Dir ähnlich war, ist ziemlich hoch.

Apollo 11, First Step. Foto: NASA, Lizenz: Public Domain

Wo-warst-du-Momente sind tragisch, obwohl, der erste Moment meiner Erinnerung war was Großes und die Tragik dabei nur, dass ähnlich Großes nie mehr passieren sollte. Die Mondlandung. Ich erlebte sie bei einem Verwandten, der ein TV-Gerät hatte, sie war ein Ereignis, das dem Buben in mir die Illusion gab, die ganze Menschheit ziehe an einem Strang und der Himmel sei die Grenze. Der Verwandte bestärkte die Illusion, er machte ganz feierlich „ein Flascherl“ auf, um den Anlass zu würdigen. Er, der Ösi, würdigte den Triumph der Amis, deren „großen Schritt für die Menschheit“.

Allein, derselbe Ösi war wenige Jahre später am Boden zerstört, 1972, als das Olympische Committee Karl Schranz die Goldmedaille wegnahm, „unserem“ Karl, der in Österreich wieder die Opfermentalität hochkommen ließ und den Heldenplatz füllte, mein Verwandter nahm das sehr persönlich, er war am Boden zerstört und seither überzeugt, es nie zu was zu bringen, wozu bemühen, „die Welt“ wird es nicht zulassen. Selbsterfüllende Prophezeiung nennt sich das.

Jochen Rindt by Dirk Herbert, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wo-warst-du-Momente sind außerdem unangenehm. Für mich sind sie unangenehm, sie erinnern mich an einen Menschen, mit dem ich nicht immer kann, sie erinnern mich an mich. Mein erster waschechter Wo-warst-du-Moment war im September 1970, als der deutsche Rennfahrer Jochen Rindt starb (den Heinz Prüller in einen Österreicher verwandelt hatte).

Das erwähne ich nur, weil heute in Monza im Kreis gefahren wurde. Und weil dieser Moment so präzise in meiner Erinnerung überlebte – Welser Messe, ein Kassetter spielte „If 6 Was 9“, zweckentfremdet geschnüffelter Superkleber machte die Runde, plötzlich die Durchsage via Lautsprecher. Unauslöschlich.

Das Unangenehme bleibt. Die 70er Jahre. Die Erinnerung an Menschen, die in der Uni auf „Weltverbesserer“ machten. Möglich, dass die 70er Jahre keine „wirklichen“ Wo-warst-du-Momente hatten. Wahrscheinlicher, dass Ideologie die Realität entstellt. Ich erinnere drei Morde. Siegfried Buback, Jürgen Ponto, Hanns-Martin Schleyer, ihres Zeichens Vorzeigekapitalisten für die Schlechtigkeit der Welt, waren von der Bader-Meinhof-Crew (alias: Idole) um die Ecke gebracht worden („Shooting is like fucking.“) und einer der Morde, keine Ahnung welcher, wurde in der Uni bekannt und in der Mensa alsogleich euphorisch gefeiert. Weil Kapitalismus böse war und die Welt mit jedem Kapitalisten weniger um eine kleine Spur besser. Wusste jeder Weltverbesserer.

Das noch Unangenehmere ist, dass ausgerechnet jene Weltverbesserer dann beim „Gier-ist-gut“-Wahnsinn der Yuppies ihre Zungen willig in den Anus eben dieser Meute steckten. Mea culpa. Eigentlich unglaublich, wie biegsam ein Rückgrat sein kann. Es ließ sich nicht verhindern, dass die Wo-warst-du-Momente darunter litten. Der Fall der Berliner Mauer? Bedaure, keine Erinnerung. Ich war zu, wie ein Wertheim-Safe. Permanent. Es braucht Sedativa, um ein Arschloch zu sein.

Alter ändert vieles, es bringt auch eine willkommene Distanz zur eigenen Geschichte. Die unmittelbare Unwirtlichkeit eines Wo-warst-du-Moments ändert es nicht, er ist immer anders, als er später reflektiert wird. Die Durchsage vom Unfall von Lady Diana? Spontaner Ärger, weil Fußballspiele abgesagt wurden („Warum ist das TV-Gerät abgeschaltet?“ – „Lady Di hatte einen Unfall.“ – „Soll das ein Witz sein?“). Der Tod von Falco? Postmodern-ironische Durchsage bei den Brit Awards in London mit anschließender Lachsalve.

Das ist die Tragik mit Wo-warst-du-Momenten. Ich glaube nicht, dass sie nur meine Tragik ist. Ich finde, die ganze Babyboomer-Generation steht in der Bilanz nicht sonderlich gut da. Ohne detaillierte Schuldzuweisung. Das moderne Sein hat simply eine – in Reflexion unerträgliche – Leichtigkeit.

Bliebe 9/11. Der bislang letzte Wo-warst-du-Moment. Tut mir leid, mir hängt das seit Wochen anhaltende Memory-Getue zum Halse raus. Mir liegen andere Dinge mehr am Herz, das Erdbeben in Haiti, die Tsunami in Japan, nur machen die weniger Wind, sie bauen wieder auf, was sonst sollen sie tun.

Die US-Politiker melken. Sie melken 9/11, was das Zeug hält. Um sich für all den Wahnsinn zu rechtfertigen, den sie im Namen von 9/11 verbrochen haben – das Umackern von Irak und Afghanistan, das zufällige Töten und Mutilieren abertausender Zivilisten im Namen von Freiheit und Gerechtigkeit, das gleichzeitige Plündern von deren Bodenschätzen.

9/11 zeigt nur auf, dass alles schlimmer wurde, das ist das schlimmste an solchen Momenten. Als die Towers fielen, hatten der Westen und Amerika im Allgemeinen und die Finanzwelt im Besonderen die Gelegenheit zur Besinnung, zu einem Umdenken. Aber heute ist alles noch beschissener, die Reichen reicher, die Armen zahlreicher denn je, der Golf von Mexiko verseucht, die US-Armee immer und überall. Wo waren wir?

12 Kommentare »

  • mare sagt:

    ich saß zu diesem zeitpunkt in der top-secret-redaktion und dachte nur, gott, was heißt das jetzt für uns?
    eher panisch erwartete ich den großen neuen seitenspiegel- alles weg und alles neu. dazu kam es nicht.
    heute wissen wir alle, das die persönliche freiheit ein w u n s c h d e n k e n ist und sicherlich bleiben wird.
    im namen der „sicherheit“, verloren wir unser höchstes gut, genau dieses, wofür generationen vor uns für uns gekämpft haben……

    • Frater Gladius sagt:

      Die Kriegsgenerationen?

      • mare sagt:

        ja auch diese und viele davor! heute sind wir selbstgefällig, überheblich und kalt. macht, gier und grenzenlose selbstüberschätzung regieren…. fragt sich nur mehr wie lange!?

  • Joachim Luetke sagt:

    9/11: nach den ersten Bildern im Netz hab ich nur gedacht: Wo ist Bruce Willis? Realität und Fiktion – Hollywood-konditioniert.

    • Frater Gladius sagt:

      … und plötzlich entstieg Nicolas Cage den Trümmern.

  • saxo lady sagt:

    wo waren wir?
    wo sind wir?
    und wo gehen wir hin?

    im grunde ist doch nur die 2. dieser fragen irgendwie von bedeutung.

    • Frater Gladius sagt:

      Willkommen, saxo. Ich versteh Dich, „wo sind wir?“ hat Priorität, weil es zunächst mal ums Überleben geht. „wo sind wir“ ist Gegenwart, und in der Gegenwart wird gelebt, das Leben ist nun mal was, das weitergeht. Nur ist mir das nicht genug. Ehe ich ins Gras beiße, will ich auch verstehen. Und verstanden wird im Rückblick. Das ist für mich der „Sinn“ der „Wo-warst-du-als“-Momente, sie erlauben ein Verstehen. Was nicht bedeutet, dass „verstehen“ eine angenehme Sache ist, im Gegenteil. Dein FG

      • saxo lady sagt:

        stimme dir uneingeschränkt zu. (auch wenn das quasi als alterserscheinung genommen werden muss). dennoch: würden wir zu jeder zeit das „woSINDwir“ beantworten können, würde jede andere frage nach dem lauf der dinge ihre bedeutung zumindest relativieren. aber wie oft wissen wir, wo wir grad sind, wie wir grad sind. und wie oft lassen wir uns vom strudel des lebens, diesen unsäglichen verstrickungen in schicksale, diese verteufelt engstirnige wahrnehmung von liebe zu den unseren, genannt gewissen, mitreißen und richten im namen der LIEBE dinge an, in denen noch immer das alte testament und sein augumaug wirkt. wären wir aber bewusst im jetzt….wäre es dann wirklich so schwer, die hand zum gruß statt zum schlag zu heben?
        jetzt fang ich schon an zu predigen…ach lieber frater, ich werd alt..

        • Frater Gladius sagt:

          „alt“ ist nur ein anderes Wort für den Verlust der rosa Brille, das allmähliche Dämmern, wie wenig „menschlich“ und „human“ mit einander zu tun haben. Alt ist auch die Bereitschaft, sich dadurch die Lebenslust versauen zu lassen. Nicht sehr saxo lady-like, oder?

          • saxo lady sagt:

            pft…höchstens minutenweise. es kommt immer drauf an, wo man grad hinschauen kann. die sonne scheint, das leben sprudelt, es groovt…aber ja, die rosa brille, die graue zynikerbrille, die schwarzsehbrille, die sollte man alle hin und wieder weglegen.

            und im grunde wünsch ich mir noch immer, alt zu werden
            herzlichst

  • zit. „9/11 zeigt nur auf, dass alles schlimmer wurde. Als die Towers fielen, hatte die Welt im allgemeinen und… http://t.co/wcdqnLc

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