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Zehn Jahre 9/11: Der Umbruch

Von | 07.09.2011, 8:29 | Ein Kommentar

Der 11. September ist das einschneidende Ereignis unserer Zeit. Er hat Leben verändert, Politik, Gesellschaften, Wertesysteme. Zehn Jahre danach wird uns die epochale Bedeutung bewusst.

Der 11. September 2001 war auch in Mainz ein sonniger Tag. Ich hatte Dienst in der „heute“-Redaktion. Videotext. Die Schicht begann um 13 Uhr. Um kurz nach 15 Uhr unserer Zeit liefen die ersten Ticker-Meldungen: Sportflugzeug trifft World Trade Center. Wenig später die Bilder aufCNN. Wir zählten die Stockwerke: Sieben, acht, neun, zehn. Kein Sportflugzeug ist so groß, keines hat die Kraft, die Fassade des Wolkenkratzers so zu durchschlagen und sich in das Innere seiner Stahlkonstruktion zu fräsen.

Skepsis. Wenig später: Ein zweites Flugzeug nähert sich dem Nordturm der Twin Towers. In diesem Moment war klar: Das ist ein Anschlag. Das hat es noch nie gegeben. Bumm! Ein Feuerball! CNN ist live dabei und mit dem Sender die ganze Welt. Kurze Zeit darauf: Das Pentagon wird getroffen. Dann: Das Weiße Haus wird evakuiert. Auf den Straßen von New York laufen die Menschen durcheinander. Weinen. Chaos.

Alles ist anders

Allen war klar, dass hier etwas geschieht, was am Beginn dieses Nachrichtentages niemand auch nur ansatzweise für möglich gehalten hätte. Das Programm wurde unterbrochen. Steffen Seibert, heute Regierungssprecher, moderierte ein „ZDF spezial“ bis um 17:00 Uhr.

Am Nachmittag war das Internet down, zu viele Zugriffe weltweit. Es gab neben der Live-Sendung mit Seibert nur noch den Videotext. Und ich hatte diese Schicht. „Das ist eine Kriegserklärung an die USA. Einen ,guten Abend‘ mag man sich da kaum wünschen“, so begann Klaus-Peter Siegloch schließlich die Moderation der 19:00-Uhr-„heute“-Nachrichten.

Ich habe bis zum nächsten Morgen um 3:30 Uhr meinen Arbeitsplatz nicht verlassen. Die letzte Meldung, die ich verfasst habe, war die zur Ansprache von Präsident George W. Bush an die gedemütigte Nation und die geschockte Weltöffentlichkeit. „Und ob ich auch wandere in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn Du bist bei mir.“ Der Präsident zitiert darin den 23. Psalm.

Was ist in den zehn Jahren von diesem Schreckenstag geblieben? Die Kommentatoren waren sich schnell einig, dass dies das einschneidendste Ereignis für die Weltgemeinschaft nach dem Fall der Berliner Mauer gewesen sei. Der Westen hatte einen neuen Feind: den radikalen Islam. Die Thesen des Politologen Samuel Huntington, seine Prophezeiung vom Kampf der Kulturen, schienen auf die schrecklichste vorstellbare Art Wirklichkeit geworden zu sein. Dann begann der Krieg, erst in Afghanistan, später im Irak. Die westliche Hemisphäre ist an dem Kreuzfahrer-Abenteuer im Zweistromland fast zerbrochen. Joschka Fischers „I am not convinced“ vor den Vereinten Nationen gehört zu den Sätzen der bundesrepublikanischen Geschichte, die jeder Oberstufenschüler kennen muss.

Das Ende des Hedonismus?

Und den Schnöseln meiner apolitischen Generation musste nun mit einem Schlag bewusst werden, dass das launige immerwährende Party-Machen, das unsere Generation in den 90er-Jahren geprägt hat, vorbei war. Die blockfreie Zeit, die Phase zwischen dem Zusammenbruch der UdSSR und dem 11. September, war in Wirklichkeit keine blockfreie.

Wir im Westen haben den heraufziehenden Konflikt nicht wahrgenommen. Wir wollten unbeschwert sein nach den zermürbenden Jahren des Kalten Krieges. Der Film „The Day After Tomorrow“ gehört zusammen mit dem Ende von „Planet der Affen“ zu den Filmen, die sich in meiner späten Kindheit und führen Adoleszenz in meinem Gedächtnis festgesetzt haben: die Freiheitsstatue als Rest unserer Zivilisation ragt mit Kopf und Fackel aus dem Sand, das zerstörte Kansas City. Das allgegenwärtige Szenario eines doppelten Nuklearschlages und unsere Großväter erzählten von der Front. Wer hatte sich da vorstellen können, dass ein paar Beduinen zur Bedrohung der westlichen Welt werden sollten? Wir hatten uns unser Party-Jahrzehnt verdient.

Ich habe mir heute seit Langem wieder die Fernsehbilder vom 11. September angeschaut. Sie wirken pixelig, sehr alt. Es ist viel im Bereich der Filmtechnik in den vergangenen zehn Jahren geschehen. Die bewegten Bilder von damals muten mit dem Blick der heutigen so an, wie die alten Zeugnisse in Schwarz-Weiß vom Mauerbau beim Fall des Eisernen Vorhangs. Am Beispiel der Berliner Mauer, an deren Bau vor 50 Jahren im August gedacht wurde, zeigt sich, dass epochemachender Schrecken nicht so leicht verschwindet. Der Horror der deutschen Teilung ist auch zwanzig Jahre nach der Einheit nicht vergessen. Auch wenn man sich das wünscht.

Freiheit verteidigen, nicht abschaffen

Die Berliner haben nicht umsonst so schnell es ging alle Erinnerung an diese schreckliche Mauer aus dem Stadtbild getilgt. Auch die New Yorker sind so schnell als möglich zum Alltag zurückgekehrt. Hier streiten wir über den Umgang mit dem DDR-Erbe. Es geht um nicht weniger als die Lebensleistung zweier Generationen. In Amerika bewegt der Wiederaufbau des World Trade Centers die Öffentlichkeit. Der Plan einer Moschee in der Nähe von Ground Zero bringt die amerikanische Gesellschaft in ihren Grundfesten zum Beben.

Die Angst davor, die Freiheit genommen zu bekommen, führt dazu, dass man die eigene Freiheit einschränkt. Dabei hatte George W. Bush in der Nacht auf den 12. September 2001 gesagt: „Yet we go forward to defend freedom.“ – „Doch wir werden voranschreiten, die Freiheit zu verteidigen.“ Verteidigen, nicht abschaffen.

Am Morgen des 12. September war ich um 8:00 Uhr wieder in der Redaktion. Auf dem Weg nach oben stieg der Intendant in den Aufzug zu. Er käme, um den Kolleginnen und Kollegen in der „heute“-Redaktion für die Berichterstattung zu danken. Gott sei Dank mussten wir seit zehn Jahren nicht mehr an einem weiteren 9/11 Dienst tun.

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