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Gier

Von | 04.09.2011, 21:04 | 2 Kommentare

Über das Wort des Jahres – dem öden Streben nach Haben, das uns das Sein vermiest; über Blutsauger und andere Gfraster.

Mosquito picando by trebol-a, Lizenz: Lizenz: CC BY-NC 2.0

Zunächst: willkommen. Willkommen beim Sonntagswort, nach zwei Monaten Pause, eine lange Spanne, aber ich hab sie gebraucht, ich war unrund. Ich musste mal trockenlegen.

Ich fuhr daher in ein heißes Land, solide durchdacht war das nicht, das Problem mit heißen Orten ist, dass sie sich gern entladen. Jedem zweiten Hitzetag folgte ein satter Wolkenbruch, ideale Umstände für ein gewisses Geziefer.

Moskitos

Wie es ihre Art ist, setzten sich die gierigen Blutsauger auf alles, was Blut und Herzschlag hatte, selbst die Einheimischen litten darunter, jeder wehrte sich, mit Cremes und Moscito-coils und Rauch und soweiter, wenn auch vergeblich. Alle ließen Blut. Nur ich nicht. Obwohl ich nichts gegen die Viecher unternahm. Ich blieb unangetastet, trotz Manboobs in open air, über mir schwirrten ganze Horden , aber keine wollte an mich ran. Es war fast schon beleidigend.

Ich weiß. Du musst nicht studiert haben, um daraus zu schließen, dass mit deinem Blutes wahrscheinlich was faul ist. Wenn nicht mal Moskitos von dir trinken, dann ist damit was faul. Das hätte ich mir denken sollen, nur bin ich etwas simpel gestrickt, mir fiel nur ein, was mir auch einfällt, wenn der Steuerbeamte in seiner Gier sogar an meine Haustür klopft: Bei mir gibt es eben nichts zu holen, so ist das nun mal, so war es immer. Soviel zu meinem Sommer, nun aber zur Sache.

Gier also. Es ist das Wort zur Zeit, die massenmediale Szene ist verseucht damit, kaum blätterst du im Tagblatt, glotzt dich die Gier an. Läppische 500 Konzerne saugen 53% der Weltkohle ab, heißt es da, es ist hässlich, so schlimm in der Tat, dass es sogar den Superreichen peinlich ist und sie Appelle an die Regierung richten, man möge sie doch bitte etwas härter besteuern.

Selbstverständlich ist nur von einer bestimmten Gier die Rede, es geht nie um Neugier, das wär ja fast nobel, nein, die Rede ist immer von Habgier, jener seltsam öden Geisteshaltung, die sich im Streben nach materiellen Besitz erschöpft, verbunden mit sturem Unwillen, denselben zu teilen.

Diese Habgier kommt in allen Dimensionen und Schichten daher, sogar einer wie ich wird damit konfrontiert, wenn auch nur passiv, vor wenigen Tagen stieß ich bei einem Gartenfest auf einen Banker, seines Zeichens ein kleines Tier bei einem globalen Konzern, welcher unlängst fürs erste Halbjahr 2011 knapp acht Milliarden Euro Profit bilanzieren konnte – und gleichzeitig bekannt gab, dass 30 000 Mitarbeiter entlassen werden. Eine notwendige Sache, erklärte mir der Banker, die Latte hinge nun hoch, denn im nächsten Halbjahr müssen nun jedenfalls mehr als acht Milliarden Euro Profit her, sonst nennen sie das Rezession. Aber wie gesagt, ich bin etwas simpel gestrickt, ich nenne das Gier, jene notorische alt80er „Gier-ist-gut“-Gier, die eigentlich so tot wie der Yuppie sein sollte.

Stattdessen ist sie quicklebendig, etwa im Fußballer, dem zwecks Vertragsverlängerung die Verdoppelung des Wochenlohns auf 100 000 Euro angeboten wird, der dennoch einen auf Linda Evangelista macht („Für so einen Spottlohn steig ich nicht mal aus dem Bett“), weil ihm ein anderer Verein, hinter dem ein gelangweilter Scheich steht, das Doppelte bietet.

Klar auch, dass das Thema unter Freunden im Sozialen Netzwerk auf und ab debattiert wird, vor einem knappen Monat war jeder in Harnisch, die Rede war von blanker und hirnloser und rücksichtsloser und gewalttätiger und vertrottelter Gier, es war alles recht emotionell.

Allerdings ging es da weder um korrupte Banker noch um rückgratlose Politiker. Thema waren die Riots in den englischen Großstädten und ich kam da nicht mit. Was hatten jene Krawalle – auch wenn geplündert wurde – mit Gier zu tun?

Kannst du jemandem, der weder Arbeit noch Ausbildung noch Zukunftsvisionen hat, der sich seine Selbstbestätigung, wenn überhaupt, dann aus der Xbox holt,  der im Getto wohnt, weil es „die Gesellschaft“ als solche nicht gibt (Thatcher!), noch existiert ein entsprechendes Netz – kannst du so jemandem Gier vorwerfen?

Du kannst den jungen Leuten in Vorstädten wie Brixton einiges attestieren – Gangmentalität statt sozialem Bewusstsein, Ruchlosigkeit statt Rücksicht und Hilf-dir-selbst-sonst-hilft-dir-niemand-Mentalität sowieso, aber Gier ist das nicht. Kann sie nicht sein, die Leute haben ja nichts zu verlieren!

Gier ist ein Privileg der Besitzenden. Per Definition. Der Banker, welche die Börse wie ein Casino behandeln. Der Habenden, die nicht teilen wollen. Der Superreichen, die sich lieber ein überzahltes Fußballteam als Hobby leisten, als ihre Millionen in was Nützliches zu stecken.

Gier ist genau das, was zu den Krawallen führte und nicht das, was die Krawallmacher exerzierten. Die „spielten lediglich Grand Theft Auto im Freien“, wie der clevere Sänger Jarvis Cocker (Pulp) vor wenigen Tagen anmerkte.

So sehe ich das auch. Ich halte die große netzgewerkte Gier-Empörung bei den großen Halunken für weit besser aufgehoben, bei den Profiteuren, die uns den Teppich unter den Füßen wegziehen, bei den Ausbeutern, die den Planeten ruinieren und den alten Marx gerade zum Propheten erhöhen, Sie wissen schon, von wegen Zivilisation, die „in die Barbarei  versinkt“. Aber gut, was weiß schon einer, bei dem sogar Moskitos ihre angeborene Gier verlieren?

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