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Alle für alle

Von | 06.09.2011, 6:56 | 5 Kommentare

Der egoistische Homo Oeconomicus prägt noch immer die gängige Wirtschaftstheorie. Doch Fortschritt und Erfolg basieren auf der Fähigkeit des Einzelnen zur Kooperation. Das hat uns schon weit gebracht.

Ameisen auf einem Blatt

Auch der Erfolg der Ameisen beruht auf Kooperation.

Nicht jeder ist so klug wie Albert Einstein. Nicht jeder verarbeitet Informationen so schnell und verlässlich wie IBMs Supercomputer Deep Blue. Und nicht jeder ist so willensstark wie Mahatma Gandhi. Klingt nachvollziehbar, oder? Trotzdem halten große Teile der Wirtschaftswissenschaft bis heute an einem Menschenbild fest, das genau vom Gegenteil ausgeht. Vom Homo oeconomicus, der nur an sich denkt, immer rational handelt und dabei unbeirrbar seinen persönlichen Nutzen maximiert. Von einem Prototypen, der zu gleichen Teilen aus Einstein, Deep Blue und Gandhi besteht.

Dieser Übermensch ist die Grundlage unserer Wirtschaftspolitik. Sie glaubt an den Egoismus des Individuums und daran, dass das Kollektiv am meisten davon profitiert, wenn sich dieser Egoismus so frei wie möglich entfalten kann.

Ein Übermensch als Grundlage unserer Wirtschaft

So weit die Theorie. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass der Mensch alles andere ist als ein Homo oeconomicus. Im Gegenteil: Wir machen ständig Fehler, treffen unsere Entscheidungen anhand nicht nachvollziehbarer Kriterien, werden von Verlustängsten geprägt und lieben daher nichts mehr als den Status Quo.

Doch nicht nur das: Der Egoismus liegt gar nicht so in unserer Natur, wie es die im Zuge von Weltwirtschaftskrisen reflexartig als gierig gescholtenen Banker und Manager nahe legen. Im Gegenteil, wir legen großen Wert auf Fairness und Kooperation. Und wir sind von Natur aus auch sozial und mit einem sicheren Instinkt fürs Gute ausgestattet.

Was auf den ersten Blick vielleicht wie das Weltbild eines naiven Träumers klingt, basiert auf unzähligen Laborexperimenten und Feldstudien von Verhaltensökonomen auf der ganzen Welt. Sie haben gezeigt, dass nicht nur unser Zusammenleben, sondern auch unser Wirtschaften von sozialen Präferenzen geprägt ist – also der Motivation etwas für andere zu tun, das weit über den materiellen Eigennutzen hinaus geht. Diese Erkenntnisse können nicht nur Unternehmen zu einem nachhaltigen Wirtschaften verhelfen oder das Leadership im Management verbessern, sondern erklären auch die Errungenschaften unserer Zivilisation.

Von der Kooperation zur Demokratie

Zum Beispiel die Demokratie. Um diese Regierungsform herbei zu führen, bedurfte es in der Geschichte immer Menschen, die für die Weiterentwicklung der Gemeinschaft hohe Risiken eingingen, die in keinem Verhältnis zu ihrem persönlichen Vorteilen standen. Das war 1989 bei den monatelangen Protesten der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking so, die in einem Massaker des Regimes endeten. Das war auf dem Tahrir-Platz in Kairo so. Und auch die Sympathisanten der syrischen Opposition, die sich gegen Baschir al-Assads Regime auflehnen, bringen sich mit ihrem Altruismus in Lebensgefahr.

Es handelt sich hier allesamt um Vorgänge gesellschaftlicher Kooperation, die sich mit dem Modell des Homo oeconomicus nicht erklären lassen. Trotzdem lautet die Frage weniger, ob er dieser Tage noch Bestand hat. Vielmehr geht es darum, wie wir die Kenntnis um das irrationale Wesen des Menschen und seine sozialen Präferenzen in der Praxis anwenden. Wie wir Strukturen schaffen, die unsere Kooperationsbereitschaft unterstützen und dabei dafür Sorge tragen, dass sie nicht von Menschen verwässert wird, die stärker eigennützig vorgehen. Welche wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen wir daraus ableiten. Und wie wir daraus zeitgemäße gesellschaftliche Institutionen entwickeln, die diesem Menschenbild gerecht werden.

Verhaltensökonomie in der Praxis

Ein globaler Klimaschutz etwa kann erst dann funktionieren, wenn Nationalstaaten und deren politischen Vertreter verstehen, dass nicht die Verteidigung ihrer nationalstaatlichen Interessen der einzige Lösungsweg ist, sondern eine geschickte Kooperationsstruktur. Anstatt diplomatischer Runden – auch Klimagipfel genannt – unbefriedigende Nicht-Resultate ersinnen zu lassen, empfiehlt es sich, hier endlich Experten an den Tisch zu holen, die Kooperations- und Anreizstrukturen für einen funktionierenden Klimaschutz entwerfen.

Oder der Kampf gegen die Nikotinsucht: Seit Jahr und Tag wird öffentliches Geld für teure Plakatkampagnen vergeudet, die Menschen dazu anregen sollen, endlich mit dem Rauchen aufzuhören – ohne Erfolg. Viel effizienter wäre es doch, darüber nachzudenken, mit welchen Maßnahmen man jene Kooperationsräume schaffen kann, die in Rauchern den Wunsch wecken, dass sie ihre Mitmenschen nicht mehr stören wollen.

Sicher, kein Mensch ist bereit, unendlich zu kooperieren. Es gibt natürlich Momente, in denen es sinnvoll ist, zuerst auf sich schauen. Gerade darum ist es wichtig, dass Kooperation und Altruismus so angereizt werden, dass so wenige Menschen wie möglich in Versuchung geraten, egoistisch zu handeln. Die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie können dabei helfen, genau diese besseren und nachhaltigeren Lösungen zu finden. Allerdings nur, wenn wir endlich anerkennen, wie Menschen wirklich sind – und nicht daran festhalten, wie sie sein sollten, damit sie in das normative Bild des Homo oeconomicus passen.

Dieser Artikel erschien in gekürzter Version auch auf The European.

Foto: Andy Ogden, Lizenz: CC BY 2.0 

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