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Marlene Altenhofer15 Minuten zwischen Wohlstand und Armut

Von | 18.08.2011, 7:00 | Ein Kommentar

Als ich 2008 in London lebte, trennten mich 15 Minuten Gehweg von all jenen, deren Verzweiflung sich in den August-Riots entlud. Schon damals zeigte sich die große Kluft zwischen Armut und Wohlstand.

Wahrscheinlich hat jeder Mensch irgendwo auf der Welt eine Lieblingsstadt – was für die einen New York oder Paris ist, ist für mich seit Jahren London, und das schon bevor ich das erste Mal tatsächlich dort war. Wahrscheinlich bewegen und interessieren mich daher die Randale und Ausschreitungen besonders, die sich gerade in London und weiteren Städten des Vereinigten Königreichs abspielten.

Als die Riots in der Nacht von 6. auf 7. August in London begannen, lief mir beim Anblick der ersten Bilder von brennenden Gebäuden und Autos, zerbrochenen Fenstern und zerstörten Läden ein kalter Schauer über den Rücken. Denn diese Umgebung war mir nicht unbekannt, ganz und gar nicht.

2008 war bisher das Jahr, in dem ich die meiste Zeit in der Hauptstadt der BritInnen war. Ich lebte dort – ganz abseits vom Rummel in der Innenstadt – bei einem Freund im Norden Londons, gleich um die Ecke vom wunderschönen Alexandra Park. Die Fassaden der entzückenden Häuser in dieser Umgebung schienen stets wie frisch geputzt, mit soliden Eingangstüren und schön verschnörkelten Säulen.

Meine Idylle im Norden Londons

In den Einfahrten parkten sauber polierte BMWs oder Mercedes, mit denen Väter ihre kleinen Kinder morgens in den Kindergarten oder in die Schule brachten. Mütter fuhren mit den modernsten Kinderwägen vor, der dunkelhaarige Mann von nebenan holte in seinem Hugo Boss-Anzug pünktlich um acht seine Zeitung aus dem detailliert verzierten Postkasten, bevor er auch in seinen schicken Mercedes stieg und Richtung Stadtzentrum fuhr.

Jeden Morgen, wenn ich mich auf den Weg in die Stadt machte, erlebte ich dieselben Szenen in diesem netten Viertel Londons. Während die BewohnerInnen der Straße hauptsächlich mit ihren großen Autos mobil waren, nahm ich wie Millionen Londoner die öffentlichen Verkehrsmittel. Der Weg zur nächsten U-Bahn-Station war nicht weit; gerade einmal eine Viertelstunde war ich von ihr entfernt – es war Wood Green.

Von den niedlichen Häusern in einem sauberen Viertel führte mich mein Weg an den Ort der ersten Londoner Riots, einen Ort, an dem die Gebäude plötzlich nicht mehr so entzückend aussahen, die Fassaden abbröckelten und die Haustüren gar nicht mehr so solide wirkten.

Keine süßen Läden und Cafés mehr, vor denen liebevoll geschmückte Tische standen. Nach fünfzehn Minuten Fußweg sah ich keine glänzenden Mercedes mehr in den Einfahrten parken, keine Mütter mehr mit Kinderwägen wie frisch aus dem Geschäft, keine Väter, die ihre Kleinen mit ihren prolligen Autos in den Kindergarten brachten. Kein Mann im teuren Anzug mehr, der seine Zeitung aus dem Postkasten holte.

Zwei Welten, die mehr als bloß ein paar Minuten trennen

Lediglich fünfzehn Minuten, und es kam mir vor, als befände ich mich in einer anderen Welt. In nur einer Viertelstunde sah ich zwei Seiten von London – zwei Seiten, die sich wie Tag und Nacht unterscheiden. Doch diese zwei Seiten trennen nicht, wie auf meinem täglichen Weg in das Stadtzentrum, nur wenige Minuten. Die Kluft zwischen Wohlstand und Armut wird immer größer, Perspektiven und Hoffnungslosigkeit driften immer weiter auseinander.

Und jene Seite, auf die anscheinend vergessen wurde, hat jetzt gezeigt, dass sie noch da ist, ihre Wut, ihre Verzweiflung und dass es so nicht weiter gehen kann. Und dass es Zeit ist, dass auch die zweite Seite zeigt, dass eine Veränderung kommen muss und diese zweite Seite muss vor allem eines tun: handeln. Zu lange wurden die Probleme ausgeblendet – obwohl Arm und Reich fast Tür an Tür wohnen. Nur fünfzehn Minuten voneinander entfernt.

Ein Kommentar »

  • Doris Janschitz sagt:

    Interessanter Bericht! Unlängst hat Peter Jedlicka in „Gender Balance“ die Theorie vertreten, dass Wohlstand indirekt viel mit Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern zu tun hat – wäre interessant, wie die Gender Statistiken in UK aussehen?

    LG D.J.

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