Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Kolumne über eigentlich eh alles » Cäsar im mitteldeutschen Fahrstuhl
Share

Cäsar im mitteldeutschen Fahrstuhl

Von | 03.08.2011, 12:47 | Kein Kommentar

Ich war zu meiner Zeit als Jungjournalist zugleich auch Jungschauspieler. Und kann auch davon so manches erzählen. Dann ist aber vorerst Schluss ist mit den biographischen Anekdoten. Versprochen.

Eigentlich wollte ich ja als erste oder zweite Kolumne so eine Art Mission Statement abgeben. Also, was ich hier tue, tun will, tun werde, warum und überhaupt. Aber weil meine liebste Medienanekdote letztens so gut angekommen ist, schieß ich jetzt noch gleich meine liebste Theateranekdote nach. Wobei, so viel sei schon vorweggenommen, diese Kolumne eigentlich kein Anekdoten-Sammelsurium werden soll. Aber eine hab ich eben noch. Eine hab ich noch. Read it or leave it.

Theateranekdoten sind ja eigentlich im besten Fallen altbacken, in den meisten Fällen sogar eher öde. Keine Details, welches Stück? Sie wissen schon. Aber manche haben halt doch was. Vor allem, wenn man sie selbst erlebt hat. Ich war nämlich etwa zur gleichen Zeit, in der ich Jungreporter war, auch Jungschauspieler. Ein Karrierepfad, den ich aber bald danach verlassen habe.

Deutschlands schönste Autobahnabfahrten

Als Jungschauspieler nimmt man jedenfalls jedes Angebot an, und so tingelte ich Mitte der 80er Jahre zwei Monate mit einer Tourneeproduktion durch die deutschen Lande, von Kiel bis Bozen. Die „Schauspieltruppe Zürich“ gab „Cäsar und Kleopatra“ von Georges Bernard Shaw. Ich war Kleopatras jüngerer Bruder Ptolemäus sowie ein Teppichträger  und durch erratisches Nord-Süd-Ost-West-Fahren quer durch die Bundesrepublik lernte ich nicht nur die schönsten Autobahnabfahrten Deutschlands kennen, sondern auch zweierlei Geosoziales beziehungsweise -politisches.

Zum einen nämlich, dass das Publikum umso lebhafter reagiert, je südlicher es wohnt, während man es in Norddeutschland offenbar als schlechten Stil empfindet bei einer Komödie zu lachen. Auch wenn man nachher sagt, wie lustig man das Stück fand. Und zum anderen, dass auch eine mild gesellschaftskritische, politisch angehauchte Satire mit fast 100 Jahren auf dem Buckel unverhofft brisant werden kann. Etwa, wenn in Südtirol das ganze Publikum im Schock den Atem anhält, wenn im Stück ein Satz darüber klagt, dass sich die Römer alles unter den Nagel reißen.

Jedenfalls ist Cäsar in dem Stück ein milder und gemächlicher Oldtimer, der von der jungen Kleopatra auch immer wieder mit seinem Alter aufgezogen wird. Dargestellt wurde er von Robert Freitag, einem in der Zwischenkriegszeit in die Schweiz emigrierten Wiener Schauspieler, zu dieser Zeit Co-Prinzipal der Truppe und zugleich Co-Regisseur des Stückes. Ebenfalls schon in die Jahre gekommen und wie in seinem Beruf so üblich nicht ganz uneitel. Was im Laufe der Zeit dazu führte, dass er die eher leichtfüßig angelegte Figur des Shaw’schen Cäsars langsam aber sicher in eine erhabene shakespeareske Figur verwandelte. Inklusive pathetischem Nuscheln. Für alle anderen Darsteller war das beizeiten unangenehm. Nur sagte ihm das keiner. Schließlich war er ja der Boss.

Von der Provinzkritik eingeholt

Das Tourneeleben bringt auch mit sich, dass man meistens bereits aus der Stadt ist, wenn in den Lokalzeitungen die Kritiken erscheinen. Aber als wir dann einmal doch zwei Tage in derselben Stadt verweilten, musste Herr Freitag zu seinem Schrecken im Lokalblatt lesen, dass er „schwer verständlich“ gewesen sei.

Diese harschen Worte beschäftigten ihn natürlich sehr und brachten ihn zu stundenlangem Sinnieren. Bis er sich schließlich am Abfahrtstag einem älteren Kollegen und langjährigen Freund (von dem ich übrigens gelernt habe, wie man gleichzeitig summt und pfeift, aber darüber vielleicht ein andermal) im Aufzug der Pension irgendwo in Deutschland anvertraute. Zufällig stand ich auch dabei, wurde aber glücklicherweise nicht weiter beachtet. Mit vom Grübeln tief gefurchter Stirn meinte der Prinzipal in tiefem und heiligem Ernst sowie sonoren Bass zu seinem Kollegen: „Du, ich habe darüber nachgedacht … Ich glaube, man versteht mich deswegen so schlecht – weil ihr alle so bunte Kostüme anhabt.“

Der Freund (und Arbeitnehmer) nickte nachdenklich zustimmend mit nur unmerklich zuckenden Mundwinkeln. Ich stand dahinter, sog die Weisheit des Prinzipals auf und stoße seitdem immer wieder einmal auf Menschen mit ähnlich ausgeprägten Fähigkeiten der logischen Deduktion und Rechtfertigungsstrategien. Nicht zuletzt des Öfteren in der heimischen Innenpolitik.

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger