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Digitale Demenz – was ist der Mensch ohne das Netz?

Von | 28.07.2011, 7:11 | 7 Kommentare

Wir brauchen das Internet schon viel mehr als uns bewusst ist. Unser Wissen liegt im Netz, wir vergessen vermeintlich Unwichtiges. Digitale Demenz breitet sich aus.

Das Gehirn als Ort des Gedächtnisses. Foto: flickr | dierk schaefer (CC-Lizenz)

Das Gehirn als Ort des Gedächtnisses. Foto: flickr | dierk schaefer (CC-Lizenz)

Vor einigen Tagen wäre der Medientheoretiker Marshall McLuhan 100 Jahre alt geworden. Der oftmals als wissenschaftlicher Popstar gefeierte McLuhan gilt für viele als ein Vordenker des Internets wie wir es heute kennen.

In einem seiner Hauptwerke beschreibt er einen Wandel von Sozialstrukturen durch elektronische Medien. Er spricht von einem durch elektronische Verbindungen entstehenden globalen Dorf. Ein die Welt umspannendes Netzwerk wie das Internet kannte McLuhan dabei noch nicht.

Im Zeitalter von Echtzeitkommunikation via Twitter, Facebook und nun auch Google Plus ist die Welt tatsächlich eng zusammengerückt. Informationen lassen sich weltweit innerhalb von Sekunden verbreiten und Menschen treten schnell und einfach über Sprach- Kultur- und Staatsgrenzen hinweg miteinander in Verbindung. Wahrlich ein globales Dorf.

Auch wenn McLuhans Beschreibung eher auf andere Aspekte abzielte, steht doch fest, dass sich die Welt im vergangenen Jahrzehnt gewaltig verändert hat. Unser Denken und Handeln ist globaler, schneller und vielleicht auch einfacher geworden. Wir sind dem Rausch der Technologie verfallen.

Digitale Demenz?!

Schon ein Abend in einer Bar im europäischen Ausland macht dies eindrucksvoll deutlich: das Gespräch über den letzten gesehenen Kinofilm gerät durch unverschämt hohe Preise für Datenverbindungen am Smartphone ins Stocken. Wie hieß denn noch die attraktive Schauspielerin? Normalerweise kein Problem. Innerhalb von Sekunden ist das Ergebnis recherchiert. Jede Frage meist durch den guten Freund Google beantwortet.

Doch in diesem Moment wird klar: Ich werde vergesslich. Mein Gedächtnis hat diese Information nicht parat. Nicht etwa das Alter spielt mir einen Streich, nein, es ist die Gewohnheit. Wir sind es nicht mehr gewohnt, alles im Gedächtnis zu behalten. Das Wissen um mögliche Informationsquellen reicht doch aus, oder?

Ein noch simpleres Beispiel sind Telefonnummern. Noch vor zehn Jahren war ich stolz, alle wichtigen Nummern auswendig zu können. Fällt heute mein Telefon in die Badewanne, weiß ich nicht mal mehr wie die Oma zu erreichen ist.

Zugegeben, nicht alle Schauspielerinnen oder Telefonnummern muss man sich merken. Doch im Kern steckt eine wichtige Erkenntnis. Was passiert hier eigentlich mit uns? Verlagern wir mehr und mehr unser Wissen, wie möglicherweise auch unsere Entscheidungen, in das Netz?

Zu dieser Erkenntnis zumindest kommt eine Studie der Columbia University, die kürzlich im renommierten Science-Magazin veröffentlicht wurde. Die Autoren beschreiben in ihrer Veröffentlichung die digitale Demenz – das Vergessen von Dingen, die einfach online gefunden werden können.

Internet und Dummheit?

Der Ansatz klingt plausibel, sagt doch bereits eine Volksweisheit, dass die Klugen nicht alles wissen, sondern wissen, wo die Information zu finden ist. Das Internet wird zum Gedächtnis des modernen Menschen.

Wo liegt das Problem? Ganz einfach: Es entstehen Abhängigkeiten. Der Zugang zum Netz wird der Zugang zum (eigenen) Wissen. Das Internet mit seinen vielfältigen Services, Quellen und Möglichkeiten verschmilzt weiter mit dem alltäglichen Leben, ja selbst mit dem Gedächtnis. Wird der Mensch der Zukunft also ohne das Netz dumm sein?

Womit man wieder bei Marshall McLuhan wäre. Sein sehr weiter Medienbegriff umfasst buchstäblich alles, was die Sinne des Menschen erweiterte – von der Eisenbahn bis zum Telefon. Und ein paar Jahrzehnte später schon ist der Mensch mehr mit der Technologie verschmolzen, als es sich McLuhan je hätte träumen lassen.

7 Kommentare »

  • Johannes sagt:

    Ich halte das für eine vollkommene und grandiose Themenverfehlung.
    Nicht nur, dass die Demenz-Analogie völlig geschmacklos ist, es ist noch dazu schlicht kurzsichtig.

    Telefonnummern auswendig können? Früher bin ich zur Telefonzelle gegangen und hatte die wichtigsten 20-30 Nummern im Kopf und ein paar auf einem Zettel.
    Heute ist mein Telefon prozessortechnisch schneller als mein Laptop und wickelt 90% meiner Kommunikation ab.
    Noch immer Telefonnummer auswendig zu wissen wäre eher ein Zeichen von verschwendeter Gehirnkapazität als „Demenz“.

    „Wie hieß denn noch die attraktive Schauspielerin?“
    Ich glaube es wird etwas übersehen. Die Leute die das früher immer gewusst haben wissen’s heute auch noch. Und alle anderen können diese Frage jetzt auch stellen, vor allem sich selber – weil es unterwegs zu beantworten ist.

    Aber wie auch immer.
    Mein Punkt ist:
    Statt sinnlosen Telefonnummern kann ich jetzt dafür ~80 Benutzername/Passwort-Kombinationen auswendig, weiss die wichtigsten 50 Mail-Adressen, kann geschätzte 3-400 Avatar-Bilder konkreten Benutzern zu ordnen und weiss worüber sie schreiben und wann ich sie kontaktiere, etc. pp.

    „Digitale Demenz“ – eine geschmacklose Themenverfehlung.

    • Jens Noll sagt:

      Lieber Johannes,

      der Ausdruck „digitale Demenz“ ist kein von mir erfundener Begriff. Er ist seit Jahren in der (wissenschaftlichen) Diskussion zu finden und allgemein unter Wissenschaftlern für entsprechende Phänomene anerkannt.
      So finden sich Artikel zur Thematik unter anderem auch bei Telepolis (2007), bei der Sendung neues auf 3sat (2007) und vielen anderen. Wissenschaftliche Veröffentlichungen lasse ich da mal bewusst außen vor. Eine ist ja verlinkt.

      Die von mir gewählten Beispiele sollten plakativ das Phänomen beschreiben. Wie ich selbst schreibe, ist es selbstverständlich nicht notwendig jede Schauspielerin zu kennen.

      Ob das Wissen von 80 Passwörtern (was ich nicht so recht glauben kann) oder 50 Emailadressen mit relevantem Wissen vergleichbar ist, sei einmal dahingestellt. Zumal beispielsweise Emailadressen eher nach einem Schema funktionieren und das notwendige Wissen sich auf Namen und Organisation/Domain beschränkt.

      Der Kern ist doch ein ganz anderer. Es geht dabei weder um dich noch um mich. Wir alle sind bereits weit abhängiger von Technologie als vielen möglicherweise bewusst ist. Darüber kann man nachdenken und sich Gedanken machen oder es eben lassen. Das ist ja auch ein gutes Recht. Ob das geschmacklos ist oder nicht überlasse ich deiner Phantasie.

      Jens

      • Johannes sagt:

        Jens,

        In allen von dir angegebenen Links (im Artikel und in Deiner Antwort) kommt „Digitale Demenz“ als Überschrift vor, kaum in den Medien-Artikeln und gar nicht in den wissenschaftlichen Artikeln. Auf welchen Artikel beziehst Du dich?

        Ad Schauspielerin: ich rede nicht von der Notwendigkeit etwas zu wissen oder nicht zu wissen. Meine Vermutung: die Leute stellen heute unterwegs mehr Fragen und reden über mehr Themen, auch wenn sie nicht so genau bescheid wissen, weil sie jederzeit mobil Fact-Checking machen können.
        Nochmal – ich spreche nicht von der Notwendigkeit.

        Ad relevantes Wissen: ich behaupte, Zugang zu den wichtigsten Kommunikations-Kanälen und Identifizierung der dort relevanten Kontakte ist genauso „relevant“ oder eben nicht „relevant“ wie eine Anzahl an Telefonnummern auswendig zu wissen.

        Ad Abhängigkeit von der Technologie: da bin ich zu 100% bei Dir.
        Das streifst Du in den letzten beiden Absätzen und hat absolut gar nichts mit einer direkten oder metaphorischen „Demenz“ zu tun. Ist dementsprechend auch nicht unter geschmacklos einzureihen.

        Wie im ersten Absatz bereits gefragt wäre ich dankbar für einen Hinweis deinerseits wo dieser Begriff im wissenschaftlichen Diskurs vorkommt.
        Halte ich für ungenau und geschmacklos.
        Überschriften in Medienberichten zähle ich klarerweise nicht zum wissenschaftlichen Diskurs und sind üblicherweise nicht ernst zu nehmen.

        LG Johannes

        • Jens Noll sagt:

          Der Begriff, von einem Wissenschaftler konkret zitiert, kommt tatsächlich in keinem meiner auf die schnelle verlinkten Artikel vor. Da hast du Recht. Selbstverständlich wird der – eindeutig zugespitzte – Begriff hauptsächlich in der Kommunikation nach außen hin gebraucht. Es geht dabei ja auch mehr um eine verständliche Formulierung eines relativ neuen Phänomens. Ich kann mich beispielsweise an eine Scobel-Sendung erinnern oder auch an persönliche Gespräche wo diese Begrifflichkeiten durchaus gefallen sind.
          Das dir die Formulierung nicht gefällt ist dein gutes Recht. Wobei ich selbstverständlich niemandem zu nahe treten möchte. Ich empfinde die Bezeichnung als relativ passend und durchaus angebracht. Was du genau geschmacklos findest ist mir dabei nicht ganz klar. Vielleicht belassen wir es aber dabei. Du hast deinen Punkt ja mehrfach deutlich gemacht.

          Nun aber zum eigentlichen Thema: Die Schauspielerin oder Telefonnummern sind völlig irrelevant. Es geht ums grundsätzliche. Meine gewählten Beispiele waren möglichst offensichtlich um das (neudeutsch!) Involvement zu erhöhen. Ich kann aber wohl erwarten, dass davon abstrahiert und weitergedacht werden kann. Mit relevantem Wissen meine ich hartes Wissen. Nicht eben das Wissen wo etwas zu finden ist. Passwörter oder ähnliches sind ja kein Wissen im eigentlichen Sinne. Aber vielleicht kommen wir an diesem Punkt der Diskussion auch nicht weiter. Das sich jedenfalls etwas wandelt durch zunehmende Technisierung dürfte wohl klar sein.

          Gruß Jens

          • Erkan der Wiener sagt:

            Hi Jens, willkommen in Wien (Demenz, wos is des? Oalles, was ma net kenna‘ is Schaß ;)

  • mare sagt:

    kann dies nur unterschreiben! besonders schockiert war ich wie ich feststellte, dass meine handschrift nicht mehr so geübt und leserlich ist, wie gewohnt. habe daher beschlossen, in einem gebundenen buch alle wichtigen daten, passwörter usw. handschriftlich zu erfassen, nicht nur das ich es jederzeit zur verfügung habe (bin nicht stromabhängig) kann ich eine der wichtigsten persönlichen ausdrucksmitteln nie wieder verlieren. aber auch bei anderen wichtigen erinnerungen wie z. b. fotos, macht es keinen sinn, hunderte am computer zu haben, besser ist die wichtigsten auszudrucken, damit hat man sie wenigstens, wenn man sie zeigen möchte. es geht so schnell bequem zu werden….

  • Sabine Nolte sagt:

    Das Thema Digitale Demenz ist meines Erachtens sehr wichtig.Wir gewinnen durch das Netz, verlieren aber auch viel. den meisten Menschen ist das gar nicht bewußt. Gerne weiter solche interessanten Themen

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