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Journalismus und Transparenz: eine Laune der Geschichte

Von | 19.07.2011, 16:40 | Kein Kommentar

Eine funktionierende Demokratie braucht Massenmedien, oder? Nicht nur im Fahrwasser von Rupert Murdoch verkommt dieser Satz immer mehr zur hohlen Phrase.

In diesem Archiv könnten sich auch Geheimnisse verbergen.

In demokratischen Staaten wird den Massenmedien und Journalisten gerne die Aufgabe zugeordnet, Kontrolle und Kritik auszuüben. Sie sorgen damit für eine funktionierende Demokratie. Und sie sorgen dabei für die nötige Transparenz, die ein Bürger braucht, um zu wissen, was alle umtreibt, die ihn regieren.

Transparenz also. Spätestens seit WikiLeaks das große Thema unserer Zeit, das mit zahlreichen Initiativen wie Amtsgeheimnis.at oder k2020.at auch national durchschlägt. Denn es stimmt ja: Viel zu viel wird hinter verschlossenen Türen entschieden, viel zu wenig davon in der Öffentlichkeit diskutiert. Dort die Behörden, da der Bürger, dazwischen die Informationssperre. Logisch, dass das so nicht sein darf.

Das Versagen des Journalismus

Doch um Ingrid Brodnig zu paraphrasieren, ist mangelnde Transparenz nicht nur ein juristisches Problem, sondern auch ein Versagen des Journalismus. Für Transparenz zu sorgen ist ein mühseliges Geschäft, auch Recherche genannt, und von vielen Rückschlägen und Hürden geprägt. Und Transparenz ist unangenehm, weil sie die ökonomische Substanz eines Mediums angreifen kann – zum Beispiel dann, wenn sie Unangenehmes über wichtige Anzeigenkunden zu Tage fördert.

Doch Transparenz ist nicht nur aus diesen Gründen vielleicht weniger von Massenmedien einzufordern als es der Eröffnungsabsatz dieses Artikels nahelegt: Viele klassische Massenmedien in Verlagshand haben im Fahrwasser des Skandals um die Machenschaften mancher Journalisten in Rupert Murdochs Blättern keinen guten Leumund mehr.

Sie haben ihre Kritik- und Kontrollfunktion – und damit das Herstellen von Transparenz – pervertiert, missbraucht und daraus Kapital geschlagen. Sie haben Opfer von Verbrechen ausgenützt und Privatangelegenheiten an die Öffentlichkeit gezerrt, die dort nicht verloren haben. Das waren keine unglücklichen Einzelfälle, sondern das war System. Und was bei einem Formel 1-Manager, der sich den Hintern versohlen ließ, vielleicht noch amüsant erschien, sorgte bei der gelöschten Mailbox eines Mädchens nur mehr für Sprachlosigkeit.

Massenmedien sorgen für Transparenz – eine Laune der Geschichte?

Dieser Missbrauch wird nun vor Gericht aufgearbeitet, die politischen Folgen sind noch nicht absehbar, doch eines ist schon jetzt klar: Es reicht nicht aus, Massenmedien allein das Schaffen von Transparenz zu überlassen. Sie sind aufgrund ihrer ökonomischen Struktur – vor allem: der Notwendigkeit auch Geld zu verdienen – nicht dazu in der Lage. Und sie waren es vielleicht nie, sondern wurden bloß von einer Laune der Geschichte – dem Zeitungswesen – in diese Rolle gedrängt.

Dieser Laune der Geschichte wird vom Internet schon seit Jahren die ökonomische Basis entzogen. Und vielleicht ist es darum nur logisch, dass die wichtigsten Initiativen zur Herstellung von Transparenz keine klassischen journalistischen Wurzeln hatten, sondern wie WikiLeaks aus der Netz- und Hackerkultur kamen. Sie waren Crowd-Initiativen oder das Resultat von öffentlichem Querulantentum, dem Netztechnologien die meisten Einstiegsbarrieren nehmen. Und sie waren immens wichtig, weil sie von einem Paradigmenwechsel erzählen.

Komme mir also keiner mehr mit dem Argument, wie wichtig Zeitungen für eine funktionierende demokratische Kultur sind. Die meisten davon beweisen täglich das Gegenteil. Und die meisten davon stammen nicht aus dem Hause Murdoch.

Foto: Commodore Gandalf Cunningham, Lizenz: CC BY 2.0

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