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Das pazifische Jahrhundert: Willkommen in Disneyland

Von | 13.07.2011, 11:48 | Kein Kommentar

Weltkarten mit Europa in der Mitte sind out. Europa wird das Disneyland für Asiaten werden. Das pazifische Jahrhundert marginalisiert die Alte Welt.

Keine Frage, hier in Washington sieht man die Vereinigten Staaten von Amerika noch als Mittelpunkt der Welt, als Weltmacht. Für die USA, so geht hier der Optimismus, bricht mit dem pazifischen ein neues, spannendes Jahrhundert an. Die Abwertung der eigenen Währung kommt da gerade recht; der Exporte wegen. Einen Boom soll es geben, nicht nur die in Europa bekannten Player wie China, Indien und Japan sind im Blick. Die Wirtschaft in Peru und Chile wächst. Australien gibt mehr und mehr Geld für seine Marine aus, um die Handelswege sichern zu können. Down Under beginnt sich als regionale Macht zu begreifen, während wir in Deutschland immer noch denken, dass die Nachfahren ehemaliger Gefängnisinsassen den ganzen Tag am Strand liegen und Bier trinken. Indonesien und die Philippinen werden von dem neuen Machtzentrum um den ehemals stillen Ozean profitieren.

Auf der Weltkarte gerät Europa, wenn man den Blick wahlweise nach links oder rechts in den Pazifik schweifen lässt, an den Rand des Weltgeschehens. In der Region ist allenfalls die Türkei noch für die USA entscheidend. Präsident Obama habe, so sagt es ein Mann aus einem bedeutenden Think Tank, in den vergangenen Monaten mit Erdogan genauso viel telefoniert wie mit Merkel, Cameron und Sarkozy zusammen. Das verdeutlicht die Bedeutung, die die Alte Welt geostrategisch in Zukunft haben wird. Das heißt nicht, dass man sich emotional voneinander verabschieden muss. Aber auf der Interessensagenda steht der Kontinent nicht mehr.

Türkische 30-Jährige zahlen den Deutschen die Rente

Europa und die Türkei sind auch in Washington ein spannendes Thema. Wie wir die deutschen Renten ohne die jungen türkischen Beitragszahler stemmen möchten, werde ich gefragt. Ich muss nachfragen und ja, richtig, mein Gegenüber geht wie selbstverständlich davon aus, dass die Zukunft des europäischen Kontinents nur darin bestehen kann, zu einem Staatenverbund zu werden, der von der Rente, über die Sozialleistungen bis zum Wehretat alles gemeinsam regelt. Wie kleinkariert von hier aus beim Blick auf die Weltkarte unsere Debatten klingen müssen, ob wir nun einen gemeinsamen Wirtschaftsraum wollen oder das Mantra „Budgethoheit liegt bei den jeweiligen nationalen Parlamenten“.

Was hat Europa denn noch zu bieten im 21. Jahrhundert? Im übelsten Falle wird es zur globalen Tourismusattraktion. In Venedig gibt es kaum noch Venezianer. Prag wird ein ähnliches Schicksal erleiden. Viele schöne und bedeutende Flecken wie Siena, Salamanca oder Straßburg werden den asiatischen Touristen etwas vom vergangenen Glanz einer großartigen Zivilisation vermitteln.

Fokus auf das Militär

Als vor zwei Wochen ein Teil einer Rede des ehemaligen US-Verteidigungsministers Robert Gatesin der „Zeit“ abgedruckt war, in der er die Europäer als unfähig hinstellte, sich selbst zu verteidigen, war die Aufregung groß. Militär? Wir doch nicht! Brauchen wir nicht. Brauchen wir wahrscheinlich doch. Es hat einen deutschen Bundespräsidenten das Amt gekostet, als er über das Zueinander von Wirtschaftswegen und militärische Absicherung gesprochen hat. Das linke Empörungsestablishment aus den üblichen Verdächtigen – Jürgen Trittin mal wieder ganz weit vorne mit dabei – haben mit ihrem Wohlfühlpazifismus gegiftet.

Wir Europäer, so heißt es in dem Think Tank, würden nicht über das Militär diskutieren, weil wir kein schlagkräftiges haben. Wir annullierten die Diskussion, indem wir so täten, als gäbe es das Thema nicht. Dass wir irgendwann einmal europäische Streitkräfte haben werden, in denen die verschiedenen Mitglieder unterschiedliche Aufgaben übernehmen, kann man schon als Marschrichtung in der EU erkennen. Bis das umgesetzt ist, bleiben die USA die einzige westliche (Militär-)Macht, die unsere Sicherheit garantieren kann. Natürlich konzentrieren die sich nun auch mehr auf die Sicherheit des pazifischen Raumes. Aber eines nicht fernen Tages werden aus Amerika auch nur noch Touristen zu uns kommen.

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