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Integration: Zwischen Xenophobie und Werterelativismus

Von | 13.07.2011, 9:01 | Ein Kommentar

In Österreich funktioniert nichts ohne ein Amt oder eine Behörde. Darum haben wir seit drei Monaten einen Staatssekretär für Integration. Was aber ist Integration überhaupt?

Viele, die sich ihre Meinung bilden, bevor sie nachdenken, wissen, was Integration nicht ist: Kopftuch, Minarette, Scharia und alles andere, was der Österreicher in seiner wohligen Welt nicht findet oder finden möchte. Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung der Frau, Minarette seien ein Angriff auf die europäischen Werte und die Scharia sei der Inbegriff einer barbarischen Gesetzgebung.

So findet der Kopftuchverbot breite Zustimmung, der Wunsch für Moscheen mit Minaretten allgemeine Ablehung und kein Politiker würde sich trauen, öffentlich oder privat etwas Positives über Scharia zu sagen, aus Ignoranz und trotz der Tatsache, dass die islamische Welt ein hochkomplexes Rechtssystem entwickelt hat, das der römischen Rechtstradition außer in Sachen Alter in nichts nachsteht.

Noch weniger religiös sein als die katholische Mehrheit

Viele Politiker in diesem Lande reduzieren Integration auf einen Punkt: Man muss besser Deutsch können wie jene, die am lautesten Deutschpflicht für Ausländer fordern, mehr Steuer- und Sozialabgaben leisten als jene, die am heftigsten gegen Ausländer hetzen, und noch weniger religiös sein als die katholische Mehrheit, oder katholisch werden.

Ein Ausländer, der nicht arbeitet, ist ein Sozialschmarotzer. Einer der trotz der strikten Arbeitsgenehmigung einen Job findet, stiehlt einem Österreicher den Arbeitsplatz. Jemand, der neu in diesem Land ist, könnte fast den Eindruck bekommen, nicht willkommen zu sein.

Unter der Annahme, dass diese latente Xenophobie unerwünscht ist, frage ich mich, was wir dagegen tun können. Und die Antwort erscheint für mich klar und einfach: Wir brauchen einen offenen Diskurs. Aber dieser wird auf Schritt und Tritt durch die Linken und manche Vertreter der Minderheiten verhindert. Sachliche Kritik wird niedergeschrien und aus der Öffentlichkeit gedrängt.

Um zu verhindern, dass Frauen zum Tragen der Kopftücher gezwungen werden, ist nicht generelles Verbot, sondern eine offene Diskussion notwendig, in der die Musliminnen nicht als Objekt thematisiert werden, sondern aktiv an den öffentlichen Diskurs teilnehmen. Wenige Frauen aber trauen sich, das Thema kritisch zu behandeln, da ihnen Gefahr droht, genau von jener Gruppe Ablehnung zu finden, für deren Wohl sie die Stimme erhoben haben.

Islamkritik kann die persönliche Sicherheit gefährden

Um zu verhindern, dass islamische Praktiken und Denkweisen, die man in Iran oder Saudi-Arabien vorfindet, Europa infiltrieren, darf man nicht den Islam als Ganzes verurteilen, sondern detailliert analysieren. Aber Religionskritik, wenn sie auf den Islam angewendet wird, findet nicht nur öffentliche Ächtung, sondern kann auch die persönliche Sicherheit gefährden.

Die europäische Öffentlichkeit glänzt traurigerweise durch die Absenz einer zivilen Diskussionskultur in Sache Integration. Jene, die konstruktive Beiträge zur Diskussion leisten können, schweigen und überlassen die Öffentlichkeit den charismatischen Volkshetzern.

Was das rechte und linke Lager des politischen Spektrums in dieser Sache verbindet, ist der Werterelativismus oder Multikulturalismus, der vereinfachend eine Bevölkerungsgruppe als eine monolithische Einheit betrachtet, die es entweder anzugreifen oder zu verteidigen gilt. Es laufen unsichtbaren Grenzen zwischen den verschiedenen Kulturen, die die Menschen in die jeweiligen Gruppen einteilen. Die Rechten haben das Ziel, die imaginären Grenzen ihrer Kultur zu erweitern, die Linken versuchen selbstverachtend, ihre eigene Kultur ins Abseits zu stellen.

Was wäre, wenn es diese Grenze nicht gäbe? Dann könne der Staat aktiv die Angelegenheiten der Glaubensgemeinschaften mitgestalten, um Radikalisierung und Isolierung zu verhindern. Es würde nicht als ein Angriff auf einen Glauben und alle deren Anhänger gedeutet, sondern als Maßnahmen gegen spezifische Sacheverhalte und Personen ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion, zum Wohle aller Bürger.

Die Scharia als Bereicherung für unsere Gesellschaft

Dann wäre es möglich, parallel zum ABGB die Scharia in Teilen des Privatrechts zu legalisieren, wenn wir den religiösen Hintergrund und dessen Grundsätze ignorieren, die unserem modernen Wertesystem widersprechen. So können wir neue Unternehmensformen und Aspekte des Bankwesens entwickeln, die gesetzlich durch die Scharia geregelt werden. Wir würden das nicht als einen Angriff gegen oder eine Gefahr für die europäischen Werte sehen, sondern als eine Bereicherung und Gewinn für alle Bürger.

Leider aber dominieren Propaganda und Hetze in beiden Lagern. Beide Seiten verallgemeinen und objektivieren die Migranten und Minderheiten, denen man je nach eigner politischen Ausrichtung negative oder positive Stereotypen zuordnet. Ein Migrant aber kann zu Integrationspolitik keine persönliche Meinung haben. Was er sagt, ist das Wort aller Migranten, weil wir ihn nicht als eigenständiges Individuum, sondern als Vertreter einer Kultur sehen, deren Grenzen er niemals entkommen kann.

Auf der Strecke bleibt der öffentliche Diskurs. Damit verbunden weicht die demokratische Konsensbildung der Polarisierung und Aufsplitterung der Öffentlichkeit in miteinander unversöhnliche Lager, wo letztendlich Demokratie zur Herrschaft der Mehrheitsmeinung verkommt.

Was ist Integration?

Was ist also Integration? Integration ist nicht die Anpassung einer Minderheit an die Merheitsverhältnisse, weil eine bestehende Kultur sich niemals allein durch die Ausübung der Mehrheit rechtfertigen kann. Integration ist die Erkenntnis, dass die Menschheit nicht durch kulturelle Grenzen zerrissen ist, sondern dass wir alle die selben Werte und Normen anstreben wollen. Integration bedeutet, dass wir alle zu einer Kultur beitragen, wo die universellen Werte und Normen der Menschheit Geltung finden und wo jeder Mensch sich frei und ohne Angst verwirklicht.

Foto: Firas, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

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