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Dreck ist tot

Von | 09.07.2011, 7:55 | Ein Kommentar

Der Abhörskandal um Rupert Murdochs Sonntagszeitung „News Of The World“ ist nur ein Symptom. Der Boulevardjournalismus arbeitet seit jeher mit dreckigen Methoden. Und dieser Dreck hat System.

2,7 Millionen verkaufte Exemplare, 7,5 Millionen LeserInnen, veritable Anzeigenumsätze. Und trotzdem wird Rupert Murdoch „News Of The World“, die größte Sonntagszeitung Großbritanniens nach 168 Jahren einfach einstellen. Mit dieser Entscheidung setzt er 200 Mitarbeiter auf die Straße. Es ist der vermeintlich letzte Akt im seit Jahren schwelenden Skandal rund um die kriminellen Praktiken innerhalb der Redaktion.

Dessen politische Nachwirkungen werden das Königreich noch länger beschäftigen, schließlich reicht die Affäre mittlerweile auch gefährlich nahe an Premierminister David Cameron. Sein früherer Pressesprecher, Andy Coulson, wurde am Freitag festgenommen. Er steht im Verdacht, während seiner Zeit als Herausgeber des Blattes davon gewusst zu haben, dass Journalisten und Privatdetektive die Telefone von Prominenten anzapften.

Doch vor allem ist „News Of The World“ ein Symptom dafür, wie tief die Medienindustrie – und damit der Journalismus – im Dreck stecken. Dieser Dreck hat System. Und dieses System ist zutiefst menschenverachtend und zynisch.

Denn natürlich hat Rupert Murdoch seine „News Of the World“ nicht der moralischen Verfehlungen seiner Journalisten wegen eingestellt. Er opfert das Blatt, um den milliardenschweren Zukauf von BSkyB nicht zu gefährden. Der größte private Anbieter von Pay-TV in England gehört bisher nur zu 39 Prozent Murdochs News Corporation, er sähe es aber gerne zu 100 Prozent im Familieneigentum.

Nicht nur britische Boulevardjournalisten brechen Gesetze

Und es ist falsch, diese Vorgänge als rein britisches Phänomen abzutun, als eine Mischung aus hysterischer Celebrity-Kultur und überhitztem Medienmarkt, in dem dieser Tage viele alte Schlachtschiffe ums Überleben kämpfen. Diese Vorgänge zeigen ein universelles Muster.

Nicht nur britische Boulevardjournalisten biegen die Wahrheit, klauen bei der Konkurrenz, brechen Gesetze und unterwandern ethische Mindeststandards. Sie tun das auf der ganzen Welt. Und auf der ganzen Welt stehen ihnen Chefredakteure und Herausgeber vor, die dieses Fehlverhalten nicht nur billigen, sondern auch unterstützen – mit der Begründung, dass es erstens die Konkurrenz auch tut und zweitens jedes Opfer wisse, wie hoch das Risiko des Stolperns ist, wenn man einen Schritt in die Öffentlichkeit tut.

Sie nennen es Recherche. Es ist Erpressung.

Und darum gibt es sie in London, Berlin, Wien und anderswo – die Journalisten, die ihre Rolle missverstehen. Die es für lauter halten, eine unbeantwortete Frage zu Vorgängen im Privatleben mit den Worten zu kontern: „Wir schreiben es so oder so – also ist es besser für dich, wenn du gleich dazu Stellung nimmst.“ Sie nennen es Recherche. Es bleibt trotzdem Erpressung.

Und dieser Dreck hat auch System, wenn man ihn die anderen machen lässt und sich dann daraus bedient. Ist ja nichts einfacher, als die Lügen aus „News Of The World“ zu zitieren. Denn hey, Zitieren ist wohl erlaubt. Ist das Zitierte falsch, ist es der Fehler anderer. Und die gute Schlagzeile schlägt immer noch die richtige.

Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere erzählt – auch symptomatisch am Beispiel „News Of The World“ – von Politikern mit schlechtem Urteilsvermögen und falschen Freunden. Sie pflegen eine unselige Allianz mit Medienunternehmen. Murdoch hat sich wie viele Verleger dieser Welt immer eine mächtigere Rolle im Staate zugesprochen als ihm zusteht. Diese Anmaßung blieb unwidersprochen, weil die herrschenden Eliten lieber mit dem Boulevard regieren wollten als gegen ihn.

Das erschien ihnen in England bequemer. Das ist in Deutschland bequemer. Und das ist natürlich auch hier in Österreich bequem, schließlich haben wir einen Kanzler von „Krone“-Gnaden. Und auch wenn nur „News Of The World“ mit dem Schicksal entführter Kinder gespielt hat  – die stillschweigende Billigung dieser Methoden gehört zum Standardrepertoire des Regierenden in einer Postdemokratie. Nur nicht anecken, bei niemandem.

Die existenzielle Krise des Journalismus

Diese Haltung ist auch der Grund für die existenzielle Krise eines Journalismus, dem die Pflicht zur Quote im Nacken sitzt – und der dann, wenn er sie willig erfüllt hat, trotzdem keine Lobby hat. Im Zuge des Abhörskandals um „News Of The World“ zogen immer mehr große Anzeigenkunden ihre Etats aus dem Murdoch-Imperium ab. Da sind 200 Arbeitslose das Mindeste, was man für eine Notbremsung kalkulieren muss.

Die Naivität aller Beteiligten kann spätestens nach diesen Vorgängen keine Ausrede mehr für die Verfehlungen des Boulevards sein. Wer sich darauf einlässt, macht Dreck, der einem irgendwann doch um die Ohren fliegen kann. Oder wie der britische Schauspieler Hugh Grant jüngst auf BBC News dem ehemaligen „News Of The World“-Reporter Paul McMullen riet, dessen illegale Methoden Grant mit einem Tonbandmitschnitt aufgedeckt hatte: „Du solltest einmal richtigen Journalismus ausprobieren, Paul. Du bist doch kein Idiot. Du könntest es vielleicht schaffen.“

Dieser Artikel erscheint auch auf The European.

Ein Kommentar »

  • Robert Prazak sagt:

    Sehr richtig – doch den Dreck gibt es nicht nur bei den so genannten Boulevard-Medien, sondern auch bei den angeblich seriösen Zeitungen und Magazine – dazu muss man sich nur die spärlich oder kaum gekennzeichneten Promotion-Strecken ansehen. Ja, auch im Standard, im profil, etc.
    Robert Prazak

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