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Griechenland in der Schuldenfalle: Morgenthau oder Marshall

Von | 06.07.2011, 11:19 | Kein Kommentar

Die Griechen haben ihre Zukunft verspielt. Echte europäische Solidarität ist nun gefragt: Das Land muss wiederaufgebaut werden, mit Geld, aber auch moralisch. Am Ende kann vielleicht hier nur der Papst helfen.

Griechenland ist am Ende. Das Land hat abgewirtschaftet. Ein Freund, der eine Griechin geheiratet hat, berichtet heute noch von seiner Hochzeit in einer griechischen Kleinstadt: Alle seien mit großen (deutschen) Autos vorgefahren, alle Männer hatten eine dicke Uhr am Handgelenk, die Frauen waren auf das Feinste gekleidet. Die deutschen Gäste hätten nicht schlecht über die zur Schau getragenen Reichtümer gestaunt. All das war auf Pump. Das Kartenhaus ist zusammengefallen. Die elf Millionen Griechen haben sich kollektiv dem Geliehenen verschrieben. Das Land steht deshalb zu Recht vor dem Aus.

Nun könnten wir mit dem Finger auf sie zeigen und sie als faule Säcke titulieren, denen es recht geschähe. Die Griechen haben einen Fehler gemacht; ihr Land liegt in Trümmern. Sie ächzen unter der Schuldenlast, weil ihr Land Kredite bedienen muss. Werden die Kredite bedient, kann das Land vielleicht noch weitere Kredite aufnehmen – zu höheren Zinsen. Der Staat ist im Prinzip pleite, von den Hilfsmilliarden kommt nichts bei der Bevölkerung an.

Lasst die Prasser büßen!

Was nun tun mit einem zerstörten Staat? Morgenthau oder Marshall? Morgenthau: Die Griechen haben es doch nicht anders verdient. Sollen sie sehen, wie es weitergeht. Marshall: Die Griechen bekommen eine zweite Chance. Wie sollen wir elf Millionen Menschen mit sich und dem Ruin alleinlassen? Wie können wir die Kinder und Kindeskinder der Verprasser für die Sünden ihrer Väter büßen lassen?

Es ist gut, dass das nun auch die Politik gemerkt hat und sich zu Marshall durchringt. Wichtiger als konkrete Summen und nötige Zusagen – auch deutscher Unternehmen und Konzerne, in Griechenland zu investieren – ist dabei die solidarische Note, die der Marshallplan hat. Europa ist nicht nur ein Wirtschafts- und Währungsraum in spe oder eine politische Einheit, die aus pragmatischen Gründen nicht mehr Krieg gegeneinander führt, sondern eine solidarische Wertegemeinschaft. Wir, und das ist die Botschaft an die Welt, lassen elf Millionen unserer europäischen Mitbürger nicht im Stich.

Solidarität wird zur Schicksalsfrage

Diese Solidarität gilt für diejenigen Griechen, die nichts zu dem Untergang ihres Landes beigetragen haben ebenso wie für die noch nicht geborenen Nachfahren dieser Finanzartisten. Denn so wie Gott wegen eines Gerechten Sodom nicht untergehen lassen würde, so können wir sicher sein, dass in Griechenland nicht nur Hallodris am Werk sind. Eine auf genetischer Disposition fußende Verurteilung aller Griechen verbietet sich – allein schon aus Gründen der Vernunft. Sarrazin für Hellas braucht kein Mensch.

Solidarität ist ein großer Wert. Er hat etwas mit Empathie und Sympathie zu tun. Wir Deutschen haben 1945 und 1989 diese Werte erfahren dürfen. Europa als solidarische Schicksals- und Wertegemeinschaft muss sich in diesen schweren Stunden beweisen. Wir sind solidarisch aufgrund eines mitmenschlichen Gefühls und nicht, weil es sich rechnet. Manche meinen, dass diese christlich anmutende Argumentation allenfalls tauge, wenn wir nicht Abermilliarden in die Rettung Griechenlands oder der Banken steckten. Genau das ist im Moment nicht der Punkt. Der Marshallplan hat mit dem bail out von Griechenland nichts zu tun. Er kommt on top.

Eine Papstrede für Europa

Wir brauchen eine Rechtfertigung für Europa als Wertegemeinschaft. Wir brauchen eine Vision, was wir wie mit dem Kontinent anfangen wollen: Wo geht die alte Welt hin? Im 20. Jahrhundert starrten alle auf uns, weil wir aufgrund unserer Macht in der Lage waren, die ganze Welt zu beherrschen und im schlimmsten Fall zu verheeren. Am Ende dieses Jahrhunderts werden nur noch fünf Prozent aller Menschen in Europa leben. Wir sind nicht mehr das Maß aller menschlichen Vergemeinschaftung und müssen dennoch nach innen klären, wer wir sind und was wir sein wollen.

Der Friedensordnung, die in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nach außen wirkte, muss nun ein Entwurf einer Werte-, Freiheits- und Lebensordnung korrespondieren, die nach innen wirkt. Wer hält die große Europa-Rede, die der Union Denkanstoß und Orientierung gibt für die kommenden Jahre? Bislang hat sich noch kein Politiker hervorgetan. Vielleicht überrascht uns Papst Benedikt XVI. mit seiner Rede im Deutschen Bundestag im September.

Foto: Fredrik Rubensson, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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