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„Ciao Lola!“

Von | 05.07.2011, 20:52 | 3 Kommentare

Ein Tag und eine Nacht in Venedig. Manfred Sax war dabei, als der Künstler Julian Schnabel sein Aufsehen erregendes Maybach-Projekt präsentierte.

Alle Fotos (wenn nicht anders ausgewiesen): Thomas Koenig

„Ciao Lola!“Das war der Moment, der in mir ein Licht aufkommen ließ, ich war nicht allein. „Guter Titel“, sagte ich, der Galerist sagte „genau das dachte ich auch.“ Wir waren lange an der Anlegestelle vor dem Palazzo Polignac gestanden und hatten den vierrädrigen Hauptdarsteller von allen Seiten beäugt, nach möglichen Antworten gesucht, auf die Frage, was von diesem bizarren Projekt zu halten sei, da rief auf einmal wer „ciao Lola!“

Der Ruf kam vom Canale Grande, gut zwanzig Meter von der Anlegestelle entfernt winkte ein grinsender Gondolier aus seiner Gondel, die gemächlich auf uns zuschaukelte. Aus zwanzig Metern Entfernung hatte er wohl gerade mal ein helles Auto ausmachen können, auf dessen Seite die roten Buchstaben LOLA prangten. Je näher er kam, umso besser musste er erkannt haben, was es mit dem Auto auf sich hatte: dass es neben Lola auch noch andere Frauennamen zierten; dass an seinen Fenstern Zeichnungen von Schusswaffen klebten; dass es ein sündteurer Maybach war.

Erst aus der Nähe konnte ersichtlich werden, dass nämlicher Maybach außerdem von Einschusslöchern zersiebt und jedes dieser über hundert Löcher mit einem Frauennamen versehen war, diese Spuren der Gewalt hießen Henriette und Jessica und Marlene und so weiter und der lachende Gondolier hatte einen interessanten Aspekt transparent gemacht, nämlich dass der Maybach trotz aller offenbarer Gewaltanwendung verdammt sympathisch rüberkam. (Zum Text runterscrollen)

Canale Grande. Links hinten Roman Abramovichs blaue Yacht Luna, ganz rechts, vor dem Palazzo Polignac, Schnabels Kunst-Maybach

Venedig also, am besten von vorn. Ende Mai hatte ich nicht gewusst, dass ich im Juni Venedig sehen würde, solche Sachen passieren, der Anlass war das vieldiskutierte Projekt „The Ones You Didn´t Write – The Maybach Car“, eine Co-Produktion von Maybach mit dem amerikanischen Künstler Julian Schnabel.

Der Anruf kam wie ein Musenkuss, das ist keine Floskel und kommt hier nicht (nur), weil am Mercedes-Ende der Leitung die legendäre PR-Frau Melanie sprach, sondern weil die Leute immer das denkbar Beste tun, um dich mit dem Dasein im Eiltempo zu versöhnen. Kaum sitzt du im Flieger, geht alles wie von selbst, Stress ist Fremdwort, ein Bootstaxi wartet, bringt dich in die Stadt und du findest dich schneller in einer Suite des Bauer Il Palazzo mit Blick über den Canale Grande wieder, als du fuckistdascool sagen kannst.

Es war höllisch was los, in der ganzen Stadt roch es aufreizend nach Kohle, „so stark war es noch nie“, raunte mir der Galerist am Nebensitz zu, früher war gerade mal die eine oder andere Yacht zu sehen, heute „sind sie alle da“. Wir saßen im Museo Correr, dem städtischen Museum am Markusplatz. Im Osten, bei den Biennale-Gärten, lag Roman Abramovichs blaue Yacht Luna vor Anker, sehr zum Missfallen der Anrainer, deren Häuser plötzlich im Schatten lagen. Weiter südlich, im Canale Giudecca, herrschte buchstäblich Yachtstau. Madonna war hier, Leonardo diCaprio war hier, Elton John auch. Und Salman Rushdie. Eben alles, was einen Namen plus ein paar lockere Millionen im Sack hat. Wenn zehn Minuten mit der Gondel 100 Euro kosten, dachte ich, was wird wohl ein echter Schnabel kosten.

Wir saßen in der großen Halle im ersten Stock des Museums, ein großartiges Gebäude, wo die Schnabel-Exhibition „Architektur des Sehens“ eröffnet wurde, die bis Ende November laufen wird, vorne am Podium saßen die Protagonisten und betrieben heftiges Love-in. Sir Norman Rosenthal, Kurator der Schau, erläuterte „seinen“ Julian Schnabel, den er seit 30 Jahren kennt, das ist weniger der Regisseur Oscar-nominierter Filme (Before Night Falls), das ist vielmehr der neoexpressionistische Künstler und Meister der Scherbenmalerei, dessen Rang er irgendwo zwischen Joseph Beuys und Andy Warhol positionierte.

Von links: Patrick Marinoff (Maybach), Rula Jebreal, Vahakn Arslanian, Julian Schnabel

Julian Schnabel, eine stattliche Figur in lila Pyjama, war entsprechend aufgeliebt, da war nichts mehr von seiner provokanten Arroganz, die ihn mal sagen ließ, dass er das „zu Picasso nächste Ding“ sei, das wir „in diesem verdammten Leben je finden werden“, da war nur ein ob der Präsentation seines Schaffens bewegter Mann.

Die Show bietet einen Überblick des Schnabelschen Gesamtwerks, ein kunsthistorischer Leckerbissen, hörte ich, die Referenzen reichen vom Beginn der christlichen Zeitrechnung (Bild „Anno Domini“) bis zum zeitgenössischen Pop anno 2010 („Bez“), für mich etwas spät angesiedelt, ich bin mehr der BC-Ära zugetan.

Hier ist wohl ein kleiner Hinweis fällig: Sollten sich in diesem Schrieb (oder in der Vernissage nebenan) Kunstkommentare finden, die fachkundig wirken, dann sind sie zumeist von meinem Sitznachbarn, dem Galeristen, der mir auch erklärte, warum hier alle so betont auf erwiderte Liebe machten, „das ist seit den 90er Jahren so, es ist nur noch Business“. Deswegen stehe dieser Tage in der Kunst auch das Dekorative im Vordergrund, tatsächlich sah ich vor einem Schnabel-Gemälde eine zweifellos reiche Frau posieren, weil ihr Sari farblich so nett zum Bild passte.

Eine Belangsmitteilung: Mit einem Klick auf dieses Bild geraten Sie auf einen virtuellen Besuch der Schnabel-Schau „Architektur des Sehens“, das ist eine Empfehlung.

Aber deswegen waren wir eigentlich nicht in Venedig, wir waren wegen eines cremefarbigen Maybach hier, der wie alle gepanzerten Maybachs routinemäßig zersiebt – und zufällig von Schnabel erspäht wurde. „Er hatte Einschusslöcher und zerborstene Fenster und gefiel mir immens“,  erwähnte Schnabel in seiner Rede im Museo Correr, „also fragte ich, ob ich ihn haben konnte.“

Der von Arslanian behandelte Maybach (Foto Maybach)

Dieser Maybach würde dich neu 600 000 Euro ärmer machen, heute ist sein Preis vermutlich unschätzbar, weil Schnabel ihm seine Kunst verpasst hatte, das heißt, die ersten dekorativen Elemente wurden von seinem Protegé, dem stummen Künstler Vahakn Arslanian vollbracht, nämlich Zeichnungen von Schusswaffen. Schnabels künstlerische Aufmerksamkeit galt den Einschusslöchern, für die er eine Idee hatte: „Jedes Loch sollte den Namen einer Frau, die in meinem Leben wichtig war oder ist, bekommen.“

Soviel wussten wir, ohne das Auto noch gesehen zu haben, es herrschte Spannung und auch ein wenig Skepsis. Der Galerist war skeptisch, „was kann man aus einem Auto schon rausholen“, meinte er. Es hieß auch, dass man bei Maybach zunächst besorgt war, wegen des Risikos, ein für seine Sicherheit bekanntes Fahrzeug so zersiebt zur Schau zu stellen. Mein Zweifel war etwas von der Schnabel-Idee genährt, „ein Frauenname für jedes Loch“ riecht ein wenig nach dem Signaturwerk der britischen Künstlerin Tracey Emin, ihrem Projekt „Alle Menschen, mit denen ich je geschlafen habe“ und die Frage ist ja auch, ob die mehroderweniger-Kopie einer Idee noch eine Idee ist und kann das noch Kunst sein, aber gut, was weiß ich von Kunst, außer dass sie zwischen meinen Ohren für Bewegung sorgen soll, dazu ist sie in meinen Augen da. (Zum Text runterscrollen)

Palazzo Polignac, davor der Kunst-Maybach

Und dann verfrachtete uns Schnabel ins Taxiboot und wir fuhren zum Palazzo Polignac, wo der Maybach vertäut war. Aus der Ferne wirkte er wie ein verirrtes Ding, mir fiel die alte Anekdote vom US-Journalisten ein, der für eine Reportage nach Venedig geschickt wurde und angesichts der Stadt in Panik ein Telegramm an die Redaktion geschickt hatte („Die ganze Stadt voll mit Wasser stop bitte um Rat.“)

Es hat was Schräges, ein Auto dort zu präsentieren, wo es keine Straßen gibt.

Im übrigen hatte ich ein Konzept. Bei der Recherche zum zersiebten Auto war ich auf einen zersiebten Mann gestoßen, vor wenigen Monaten (am 4.4.) war in Israel der Friedensaktivist Juliano Mer-Khamis in seinem Auto erschossen worden und Mer-Khamis hatte in Schnabels letztem Film Miral (2010, nach dem Buch seiner schönen Lebensgefährtin Rula Jebreal) mitgespielt und mein Gedanke war, dass jener Mord eine tragische Inspiration für Schnabels Maybach-Projekt gewesen sein könnte, wie gesagt, was weiß ich von Kunst. (Zum Text runterscrollen)

Schnabel at work

Kaum hatten wir vor dem Palazzo angelegt und war das zur Kunst erhobene Fahrzeug greifbar, hatte es sich auch mit der Skepsis. Der Galerist sah im Künstler Schnabel plötzlich eine Seite, die er noch nicht gekannt hatte, ich sah im Maybach was viel Netteres als etwa in John Lennons dummen Rolls Royce. Der Maybach hatte Charme, Lennons Vehikel protzte nur neureich.

Die Schusslöcher – ich zählte 159 – nebst den Frauennamen weckten das Kind in mir, ich begann zu suchen, der Name der „meinen“ war nicht dabei. Prominent war „Stella“, so heißt eine Schnabeltochter, eine zweite heißt „Lola“, jene vier Buchstaben, die es dem eingangs erwähnten Gondolier angetan hatten.

Endlich fand sich Zeit, Julian Schnabel die Frage zu stellen, wie ist das mit dem Maybach und Mer-Khamis, meinte ich, gibt es da eine kreative Verbindung? Seltsamer Weise war Schnabel zunächst aufgebracht, „das mit dem Maybach ist ein Scherz, der Mord an Mer-Khamis war keiner“, knurrte er, besänftigte sich aber alsogleich. Nein, keine Verbindung, und bleiben wir doch bitte ganz beim Maybach. „Die Sache mit den Schusslöchern ist simpel“, sagte er, „du bist mit etwas Gewalttätigem konfrontiert und dieses Gewalttätige wurde in etwas Gewaltfreies verwandelt.“ Mehr sei da nicht, bis auf eines: „In ein paar Monaten werde ich mit dem Maybach durch New York fahren“, schloss Schnabel.

Das ist es dann, was auch mir als künstlerische Botschaft transparent wird – der Schnabel-Maybach am Ground Zero, dachte ich, das wäre was. Peace, Leute! Die notorisch triggerfreudigen Amerikaner brauchen mitunter eine entsprechende Ansage, so ist das nun einmal.

Noch eine Belangsmitteilung: Mit einem Klick auf dieses Bild gelangen Sie zum – ins Deutsche übertragenen – Schnabel-Blog „Freiheitskämpfer“, des Künstlers persönliche Erinnerung an den ermordeten Juliano Mer-Khamis. (Zum Text runterscrollen)

Salman Rushdie (mit „Tochter“, re.) was here

Die abendliche Gala im Palazzo Polignac geriet zum rauschenden Fest. Naomi Campbell, Charlotte Casiragi, Salman Rushdie, die gesamte Kunstwelt, Hans Hollein, alle waren da. Und Aufputz, es gab viel Aufputz, das ist was anderes als eine Muse, an letzteren herrschte befremdlicher Mangel, vielleicht passt das zu den dekorativen Zeiten, in denen wir stecken. Julian Schnabel, zuvor nur aufgeliebt, war jetzt mächtig aufgeliebt, er war losgelöst, wahrscheinlich hätte er abgehoben, hätte ihn seine anmutige Rula nicht in den Boden getanzt.

Naomi was here

Der Zufall wollte es, dass Schnabels Tochter Stella – der zum Thema „Mein Vater, der Alpha“ sicher einiges einfallen würde – an „unserem“ Tisch zu sitzen kam, mit ihr leider auch das restliche Veryjungvolk, allen voran die zwei Söhne des Milliardärs Peter Brant, die begannen, mit der 17jährigen „Tochter“ von Salman Rushdie zu diskutieren, auf wessen Yacht man sich am nächsten Tag treffen solle, das musst du gehört haben, um es auf die Reihe zu bringen. Die Rushdie-Tochter machte den Galeristen vorübergehend etwas unrund, ich bekam am Rande mit, dass einem demnächst in Paris stattfindenden Kunstprojekt nur noch das fehlt, was dem Kleinbuchstaben „i“ fehlt, wenn über dem Strich kein Punkt zu finden ist und ausgerechnet sie sei der Punkt, welch eine Fügung aber auch. Nach einer weiteren Konversation mit ihr setzte er mich ins Bild, dass sie „so gefährlich wie ein gewetztes Samuraischwert“ sei, mein Problem mit ihr – wenn auch viel später – war, dass ich trotz intensiver online-Recherche keine vergleichbare Rushdie-Tochter finden konnte, ist es möglich, dass dieser Rushdie nie erwachsen wird? Schön immerhin, dass diese 17jährige Göre für mehr Sprechblasen im Palazzo sorgte als der Rest der Beautiful People zusammen, there is nothing quite like Youth.

Und so wurde es Nacht in Venedig, demnächst ist Basel an der Reihe, informiert der Galerist, dort wird die gesamte Kunstwelt wieder versammelt sein, minus des Großteils der Celebrities. Die Schwäche der Schweiz ist ihre Unerreichbarkeit per Yacht, die Schwäche von Basel ist die Stärke von Venedig. (Zur Widmung runterscrollen) PS. Mit Dank an Patrick Marinoff (Brand Manager Maybach) und Melanie Graf (Mercedes) für Einladung und aufmerksame Betreuung und den Kölner Galeristen Mirko Mayer für die großzügigen Expertisen.

3 Kommentare »

  • FNF sagt:

    sic transit gloria mundi, weder um den noch den maybach, dieses monument untertürkheimerscher gigantomanie und produktplanungsschwäche, generell ist es schade. ebenfalls ein hübsches oeuvre, und so ist die insomnia auch von nutzen, dachte ich doch bisher schnabel hieße karl und sei ein emeritierter schispringer.

  • mare sagt:

    merke gerade eine „großwelt“ steht dir gut zu gesichte;-) das beste ist gerade gut genug – nicht wahr?

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