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Sex auf zwei Beinen

Von | 30.06.2011, 15:37 | 5 Kommentare

Marija Scharapowa und die Frage: Sind lange Beine schöner, weil die Lüge so kurze hat? Sommerlöchrige Ansichten zur coolsten erogenen Zone.

Marija Scharapowa by Alphababy, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Vor ein paar Tagen postete ich dieses Foto (links) im Sozialen Netzwerk und wollte in der Sprechblase dazu nicht verstehen, warum ich Frauentennis spannender finde als das Ballgeschupfe der Männer. Ein Freund meinte daraufhin: „Männer, die mit Bällen schupfen, nicht mit Dir ins Bettlein hupfen.“

Der Freund lag natürlich richtig. Er wusste sofort, dass es bei meinem Frauentenniskonsum im Kern nicht um den Sport geht, es geht um Das Eine, es geht um sonst nichts. Nun aber zur Frau auf obigem Foto, Marija Scharapowa.

Das Dumme mit Miss Scharapowa ist, dass sie schwer zu umgehen und unmöglich zu überhören ist. Du magst in der Küche mit Kaffemachen oder im Garten mit Bäumebetrachten oder anderswo mit was immer beschäftigt sein, wenn irgendwo in 30 Meter Umkreis TV-Sport mit Scharapowa läuft, dann hörst du sie. Das Unerhörte ist, dass der Unterleib nicht weghört, wie auch, wenn du Töne vernimmst, die dich eher ans Schlafzimmer als an den Sportplatz erinnern.

Die 24jährige Russin verpackt viele „U!“ in ihre Schreie, sie ist berühmt dafür. An einem guten Tag kommt sie auf 103 Dezibel, siehe HIER, das ist vergleichbar mit dem Lärm, den ein Rasenmäher macht, oder ein kleines Flugzeug bei der Landung, also very respektabel, bekanntlich beginnt die Schmerzgrenze des menschlichen Ohres bei 115 Dezibel. Eine Serena Williams, die Zweitlauteste, kommt auf vergleichsweise magere 88 Dezibel, das schafft sogar eine Harley Davidson.

Es heißt, die Tennisfrauen machen das, um ihre Gegnerinnen einzuschüchtern, für mich hat der Sound sinnliche Untertöne, weniger bei Miss Williams („Aarrgh!“) oder der Italienerin Francesca Schiavone („Rahiiih!“), aber bei Scharapowa bin ich willig Ohr. Und Auge. Tatsächlich werden die Untertöne erst nach Verknüpfung von Akustik und Optik so richtig penetrant. Du hörst „Uuuhh!“, denkst Luftangriff, folgst dem Ton, gerätst an ein TV-Gerät, wirst mit einer 188 Zentimeter hohen Außerirdischen konfrontiert – und geschätzte 115 dieser 188 Zentimeter sind Beine. Sagenhaft perfekte Beine.

In dieser Woche war und ist es in England extrem beinlich. Zuerst demonstrierten die Popdiven von Glastonbury, was es damit auf sich hat, daneben läuft Wimbledon und dort läuft Marija. Drittens ist es gerade so heiß, dass selbst trockene Briten wie der Times-Sportchef Simon Barnes ihre traditionelle Zurückhaltung verlieren. Hier sein Bericht von einem Scharapowa-Sieg: „Game Scharapowa, Game und Satz Scharapowa, Game und Satz und Match Scharapowa – wurde je größere Poesie geschrieben? Wurde je Musik komponiert, die sich mit der Süße dieses Sounds vergleichen ließe? Shakespeare und Bach kommen da nicht mehr mit.“

Ja, der Times-Mann war mental meier, ich kann ihn verstehen, mir fehlen nach ein paar Minuten mit Marija auch immer ein paar Worte zum ganzen Satz, die Fäden gehen verloren, meiner Meinung nach hat das mit dem Sex-Appeal der Beine zu tun, ginge es nicht um die Beine, hätten die Frauen ebenso schlabbrige, knielange Hosen an wie die Männer. Ginge es nicht um die Beine, wäre Marija Scharapowa nicht die mit Abstand bestverdienende Sportlerin des Planeten, allein ihr Werbevertrag mit Nike ist 70 Millionen Dollar wert, das Fünffache der Summe all ihrer Preisgelder.

Was hat es aber mit dieser Verknüpfung von Sex-Appeal und Beinen auf sich? Historisch gesehen ist es eine relativ junge Affäre. Lucy, aus der Familie des Australopithecus afarensis und mit einem Alter von dreikommasieben Millionen Jahren als das hominide Urweib gehandelt, hätte es sich nicht träumen lassen, dass dereinst im 21. Jahrhundert AD um diese Beine, mit denen sie allerhöchstens Fersengeld gab, so ein Gsturl herrschen sollte.

Als erotische Signalgeber sind Frauenbeine so ziemlich die letzte erogene Zone, denen die westliche Gesellschaft Öffentlichkeit eingeräumt hat. Während Busen, Taille und Arsch seit je her ausreichend in der Auslage standen, um die männlichen Synapsen zickig zu machen, waren es in Sachen Schenkel immer nur Männer, die anno Gladiator den Minirock trugen und noch im 19. Jahrhundert die Strumpfhosen übers Knie zogen.

Mata Hari by Unbekannt, Lizenz: Public Domain

Erst ab dem Ersten Weltkrieg durften sich tanzende Pioniere wie Mata Hari und Josephine Baker der Macht ihrer Schenkel aktiv besinnen, ehe Ende der Zwanziger Jahre Marlene Dietrich als Blauer Engel für die erste einschlägige, Lingerie-drapierte Unvergesslichkeit sorgte. Und erst die Erfindung des Minirocks in den Sechziger Jahren brachte die Freiheit, sich mit der Vielfalt darunter entsprechend zu befassen, was zu seltsamen Pop-Entgleisungen führen konnte („ich hab dein Knie gesehn, das durfte nie geschehn.“), aber im wesentlichen schaffte der Minirock die Voraussetzung, sich dem Sex-Faktor Frauenbein zerebral, wenn auch abseits von rational zu nähern. Sexy, beschließen wir nach einer Minute Andacht, das ist eher Gazelle und eher nicht Nilpferd. Sexy Beine sind eher glatt und eher nicht behaart, sie verzichten auf Krampfadern und Achillesfersen jeder erdenklichen Art. Und weil kurze Beine in die Nähe von Lügen gerückt werden, sind es wohl die langen, die das männliche Wohlwollen genießen, seinem Bauch Unrast bescheren und sein Hirn bescheuern.

Andererseits ist Länge nicht alles, eine gewisse Sam Stacy, deren im Guinness Buch der Rekorde vermerkte 126komma36 Zentimeter langen Beine dort enden, wo bei Kylie Minogue der Hals beginnt, ist deswegen nicht sexy.

Für Tiefenpsychologen vermittelt sich der Sex-Appeal von Frauenbeinen symbolisch, er suggeriert die Gehwerkzeuge als einen sinnlichen Wegweiser zur in ihrem Schritt beheimateten Endstation Sehnsucht. Aber letztlich ist jedes Bein nur so sexy wie ihre BesitzerIn. Es braucht noch ein Geheimnis. Eine Haltungsnote.

Womit ich wieder bei Scharapowa lande. Die verkörpert diese Haltung mit jeder Faser ihres Gesichts (allein ihre Augen sagen „mit mir könnt ihr nicht pipperli pupperli“). Sie kennt das Geheimnis, das glaube nicht nur ich, das weiß auch o.a. Times-Journalist Simon Barnes. „Sie versteht“, schreibt er, „dass dieses Geheimnis tatsächlich das Geheimnis von Rock´n´Roll ist, ein Geheimnis, das für immer von Chrissie Hynde offenbart wurde, als sie sich über Sängerinnen ärgerte, die meinten, dass es bei diesem Job um Niedlichkeit und Glamour gehe:

‚This is Rock and Roll. It is not Fuck Me, it is Fuck You!’“

Und natürlich kann man diesen Satz jetzt mit allerlei Worthülsen zerklären. Man kann zur Illustration aber auch einfach ein Video einlegen. Am besten Beyonce. Die hat vergangenen Sonntag perfekt demonstriert, was es mit Sex und Beinen und Rock´n´Roll auf sich hat. Enjoy!

5 Kommentare »

  • Leni sagt:

    Ich kenne die Dame nicht. Ich hab ja auch keinen Fernseher. Und wenn ich Menschen stöhnen höre, lasse ich sie lieber alleine, so höflich bin ich, als durch Fenster zu kiebitzen, um mich von der großformatigen HiFi Projektion eines Tennisspiels enttäuschen zu lassen. Ich bin ja auch kein Mann und verstehe den Fimmel um lange Beine nicht. Aber ein nackter Liebesbrief aus sportlichen Gründen, wenn auch mit recherchierten Strickstrümpfen bekleidet, das finde ich .. irgendwie … sympathisch.

  • Elisabeth sagt:

    ich finde das Kriegsgeschrei reichlich übertrieben.

    • Peter sagt:

      mach dir nix draus. ne frau wird die inherent beauty des cowboy und indianer spiels nie begreifen :D

  • […] Scharapowa – die bereits im zarten Alter von 17 Jahren mit ihrer Nervenstärke und ihren langen Beinen beim Wimbledonsieg über Serena Williams auf sich aufmerksam machte – stieg mit dem heutigen […]

  • mare sagt:

    lange beine sind erotische augenblicke wie eine zeitlupenfahrt. langsam stetig neugierig auf´s ziel – kurze pause;-) danach neugierig auf die nächste etappe- wieder verharrend – dann noch ein laut und
    das herz ist beglückt!!

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