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Ägypten: Revolutionäre im Ramadan

Von | 29.06.2011, 10:03 | Kein Kommentar

Alle sprechen von der Revolution, als sei sie hundert Jahre her. Dabei hat sie gerade erst angefangen. Ein Ausruhen ist am Nil bei Weitem noch nicht drin.

Mann in Kairo vor geschlossenen Geschäftsfassanden mit arabischer Aufschrift "Nieder mit Mubarak"

"Nieder mit Mubarak!" Und dann? Foto: Ramy Raoof, Lizenz: CC BY 2.0

Ägypten im Sommer nach der Revolution. Die Hauptstadt Kairo. Der Tahir-Platz. Es ist so, als sei nichts gewesen. Der Verkehr rollt langsam, die Luft ist versmogt, die Straßen sind schmutzig. Es ist heiß – wer hat da Lust auf Revolution? Im August ist Ramadan. Dann wird das öffentliche Leben tagsüber stillstehen. Im Fernsehen wird das extra für den Fastenmonat produzierte Programm laufen, abends ist dann die Zeit für die Familie, für den Spaziergang zwischen den Mahlzeiten. Wer hat da noch Lust auf Revolution?

Um den Tahir-Platz herum findet man nun viele, die Revolutionäre des 25. Januar sind. „Revolutionär“ sprechen sie aus wie eine Berufsbezeichnung. Es klingt auch so, als würden die Mädchen es gerne hören, wenn die Jungs sagen, dass sie „Revolutionäre“ seien. Das mutet beim Zuhören etwas seltsam an. In der Tat waren ja viele Ägypter mit dabei beim Umbruch; eine Million Menschen sollen es ziemlich sicher auf dem Tahir-Platz gewesen sein.

Wo ist die Polizei?

Und der 25. Januar ist eine Zäsur in dem Land. Es gibt eine Zeit davor und eine Zeit danach. Alle nennen das, was da geschehen ist, die Revolution: Diplomaten, Journalisten, Beobachter und – am wichtigsten – die Ägypter selber.

Was das in der Konsequenz heißt – Revolution – versteht man, wenn man in Downtown Kairo genau hinschaut: Die Ampeln sind nicht in Betrieb, es gibt kaum Verkehrspolizisten. Die innere Sicherheit ist perdu; oder wie ein Kollege sagt, der schon lange in dem Land lebt: Das Innenministerium existiert quasi nicht mehr. Nachts soll es in manchen Stadtteilen Schießereien geben, heißt es. Die Menschen sind verunsichert. Sie erzählen von der Öffnung der Gefängnisse durch das Regime, wie Mubarak und seine Leute versucht haben, während der Revolution das Land zu destabilisieren.

Die alte Elite im Knast

Ehemalige Minister und Kader des Regimes sitzen im Bau. Sie haben unter anderem Bauland untereinander billig verkauft und beim Weiterverkauf oder beim Bebauen Riesengewinne eingestrichen. Nun müssen sie zurückzahlen oder für die nächsten 30 Jahre im Knast bleiben. In einem atemberaubenden Tempo haben die Ägypter Gericht gehalten über ihre ehemalige Führung. Noch immer heißt es, dass die Revolution am Nil letztendlich dadurch zum Ausbruch kam, dass zu lesen war, wie viele Millionen das Regime um die Familie Mubarak ins Ausland geschafft hat, während Millionen Ägypter nicht genug zu essen oder keinen Job haben.

Das Militär hat die Macht an sich gerissen; es will freie Wahlen abhalten und die Verfassung reformieren. Niemand weiß, wer genau „das Militär“ ist. Wer zieht die Strippen? Wer sind die maßgeblichen Akteure? Dennoch sind sich die meisten einig darüber, dass die Absicht des Militärs ehrlich ist. Die wollen nicht regieren, die wollen nicht die politische Macht, heißt es an vielen Stellen. Sicher werden die Generäle keiner neuen Staatsform zustimmen, in der es keine Armee mehr gäbe. Sie werden nicht den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Sie werden das Land aber auch nicht in eine Verlängerung schicken, was die Militärdiktatur angeht.

Alkohol und Touristen bannen

Das Militär verhängt Ausgangssperren und Demonstrationsverbote. Macht es das wegen er Sicherheit in der Stadt oder weil es weitere Proteste verhindern will? Sicherheit und Brot – niemand verspricht es so sehr wie die Muslimbruderschaft. Sie verschaffen sich ein frischeres Auftreten, ziehen in eine neue Parteizentrale in das luftige New Cairo, raus aus der Enge der Innenstadt. Die Muslimbrüder sind bemüht, Zweifel an sich zu zerstreuen. Sie würden nichts tun, was dem Land, der Ökonomie, schaden könnte.

Dennoch wird heftig diskutiert, wie das Land islamischer werden könnte. Szenarien werden durchgespielt: Alkohol – ohne ihn kommen keine Touristen – nur noch in Hurghada und Sharm El Sheikh. Das ägyptische Museum aus dem Zentrum der Stadt nehmen und mit ihm die Touristen. Ein Neubau in Flughafennähe. Alkoholverkauf oder Ausschank in der Stadt verbieten. Die Muslimbrüder zeigen im Moment noch nicht ihr wahres Gesicht; die Armen und Ungebildeten (40 Prozent Analphabeten gibt es in dem Land) fallen auf sie herein. Sie behaupten, dass einflussreiche Kräfte ein Land ganz ohne Islam wollten, ganz säkular, ohne Allah und Moschee.

Syrien könnte die ganze Region verheeren

Die einflussreiche Al-Azhar-Moschee, namentlich ihr Großscheich und das höchste Fatwa-Gremium, sahen sich genötigt, auf die Bruderschaft zu reagieren. Sie veröffentlichten einen verbindlichen Ausspruch, wonach im Islam Religion und Staat durchaus getrennt werden könnten. Eine Vorbereitung für eine demokratische Gesellschaft? Der Islam, die Al-Azhar, war in Ägypten unter Mubarak auch nicht frei. Die Predigten wurden vom Staat kontrolliert, maßgebliche Posten vom Regime besetzt. Vielleicht möchte sich diese einflussreiche islamische Institution vor künftigen Zugriffen und Vereinnahmungen schützen?

Alle schauen im Moment nach Syrien. Ein Präsident, der sein Volk töten lässt. Unglaublich und entsetzlich. Anders als im Falle Libyens hängt die ganze Tektonik des Nahen Ostens davon ab, wie es in Syrien weitergeht. Die Ägypter haben ihre Revolution im Vergleich dazu friedlich über die Bühne gebracht. Die eigentliche Arbeit kommt aber jetzt erst. Es muss ein arbeitsreicher Sommer werden.

Foto: Ramy Raoof, Lizenz: CC BY 2.0

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