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Zeit für die digitale Aufklärung

Von | 24.06.2011, 12:03 | Kein Kommentar

Wir verlagern unser Denken immer mehr ins Internet. Damit verändert sich mehr als bloß unsere Lebensgewohnheiten. Ein Plädoyer für eine digitale Aufklärung.

Zugang zur digitalen Welt. Foto: flickr | saschaaa (CC-Lizenz)

Zugang zur digitalen Welt. Foto: flickr | saschaaa (CC-Lizenz)

Das Jahr 1999 war spannend: Die erste Dotcom-Blase kurz vor dem Platzen, die ganze Welt in Angst vor dem Millennium-Bug und mit Matrix läuft ein Kultfilm in den Kinos. In diesem Film wird ein düsteres Bild der Welt gezeichnet. Maschinen kontrollieren und versklaven die Menschheit. Die Künstliche Intelligenz ist erwachsen geworden.

Doch in der Realität, im Jahr 2011 sieht die Welt doch ganz anders aus – oder? Wie steht es wirklich um das Verhältnis von Technologie und Denken, von Algorithmen und Menschen?

Nicht Maschinen, sondern Algorithmen

Mittlerweile produziert der Alltag so ziemlich permanent Datensätze. Ob der Einkauf mit Kundenkarte oder bald durch NFC, das „Einchecken“ in Orte, das Rating des Wohnorts, „Liken“ von Websites oder schlicht das altmodische Telefonieren über das Handy. Die meisten Handlungen – online oder offline – werden erfasst, gespeichert und verarbeitet. Verändert das etwas? Wohl kaum.

Interessant wird es erst durch die Verknüpfung von Daten – eigentlich ein alter Hut. Doch durch die unüberschaubar große Menge an dezentralen Daten werden vermeintlich belanglose Daten zu wertvollen Ressourcen verknüpft. Die Auswirkungen der Verarbeitung sind dabei längst in der alltäglichen, realen Welt angekommen. Wir verlagern unsere Aktivität mehr und mehr ins Netz und lassen damit den Berg an Verknüpfungen rasant anwachsen. Es ist bequem von überall – zumindest, wenn Strom und UMTS verfügbar ist – feststellen zu können, was Freunde machen, wo sie sind oder wie es ihnen geht. Das Netz ist überall und immer da.

Doch was geschieht da noch? Verlieren wir im Rausch der Innovationsgeschwindigkeit den Blick fürs Wesentliche? Ist es wie auf Studentenpartys, wo alle feiern und niemand an den schweren Kopf am nächsten Morgen denkt? Verändert sich neben Gewohnheiten noch mehr? Fest steht, dass sich viele reale Prozesse ins Netz verlagern. Ganze Industriebranchen können ohne das Internet nicht mehr überleben. Der Mensch zieht sich dabei mehr und mehr zurück. Er ist schlicht zu langsam, fehlerhaft und die Komplexität einiger Prozesse übersteigt seine Vorstellungskraft.

So wird beispielsweise modernes Banking heute zum großen Teil durch Algorithmen und Hochgeschwindigkeitsrechner gesteuert. Spektakuläre Kursverläufe und entsprechende Auswirkungen machten dies auch in der breiten Öffentlichkeit deutlich.

Computer und ihre Algorithmen entscheiden heute vieles. Ob die Berechnung des Geschmacks beim Buchkauf, die Kreditwürdigkeit oder sogar die Wahrscheinlichkeit einer Kündigung – dies ist nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Das Leben wird mehr durch Algorithmen bestimmt. Algorithmen denken mit.

Symbiose von Denken und Internet?

Der von manchen als durchaus streitbar wahrgenommene Frank Schirrmacher befasst sich bereits seit ein paar Jahren mit den Auswirkungen des Netzes auf unser aller Leben. In einem sehenswerten Gespräch philosophiert er über die Verlagerung des Denkens aus dem Individuum in das virtuelle Netz. Er beschreibt dieses Phänomen als „Externalisierung“ des Denkens, also die Verlagerung von alltäglichen Entscheidungsprozessen durch Algorithmen ins Netz. Mathematisch definierte Prozeduren helfen uns, nehmen uns Lästiges ab. Facebook, Google und viele andere Dienste entscheiden für mich, was relevant ist und was nicht. Teilweise mit erstaunlicher Genauigkeit.

Nun wird es interessant, denn Algorithmen haben per Definition Grenzen. So etwas wie Kreativität oder Zufall lässt sich nicht in mathematische Formen gießen. Die Entscheidungen der Programme, denn nichts anderes sind Algorithmen, geschehen immer vor einem Entscheidungshintergrund. Die bisher verfügbaren Informationen sind die Grundlage der Ergebnisse von eben diesen systematischen Prozessen.

Als einfaches Beispiel dafür wird immer wieder die Amazon-Empfehlung herangezogen: der Internethändler kann nur auf Basis der bisher gekauften Bücher und dem Abgleich mit anderen Besuchern neue Vorschläge unterbreiten. Wirklich Neues wird dabei nicht herauskommen, denn Algorithmen basieren auf der Vergangenheit. Beim Autofahren hilft der Rückspiegel auch eher wenig in der nächsten Kurve.

Miriam Meckel greift dies auf und zeigt, dass Freiheit in einer von Algorithmen durchfluteten Lebenswelt nur durch Unsicherheit also Unberechenbarkeit existieren kann. Hemmt uns das Netz (in Zukunft) mehr als das es uns voran bringt?

Nicht zwangsläufig, wenn sich die digitale Gesellschaft weiter zusammenfindet. Heute bestimmen Techniker und Informatiker die Funktionsweise von Algorithmen und damit letztendlich auch von Entscheidungsprozessen. Doch ein gesellschaftlicher Diskurs zu diesem Thema findet praktisch (noch) nicht statt, während der Umbruch durch Berechnung immer weiter voran schreitet.

Es wird höchste Zeit sich bewusst zu machen wie wir mit den kleinen technischen Wundern der vergangenen Jahre langfristig umgehen wollen. Lernen wir mit dem Netz zu leben und zu verstehen wie Technik neue Horizonte eröffnet, ohne an anderer Stelle selbige zu verschließen. Das „Zeitalter der digitalen Aufklärung“ muss kommen. Schauen wir nach vorne!

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