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Sex für Fortgeschrittene 36. Die Erfindung von Sex

Von | 16.06.2011, 18:02 | 2 Kommentare

Laut Chronisten wurde der Sex heuer 50 Jahre alt. Dieser Meinung kann ich mich unmöglich anschließen.

Elvis ohne Unterleib by Tim Möller-Kaya

Fünfzig Jahre Sex. Vor fünfzig Jahren und zwei Wochen – am 1.6.1961 – geriet in Deutschland die erste Antybabypille in den Handel. Sie hieß Anovlar und hatte einen berühmten Effekt, endlich konnten Paare einander horizontal ungehemmt einschenken, „ohne Angst vor ungewollter Schwangerschaft“, wie es überall hieß, aber gut, etwaige Angst vor einer gewollten Schwangerschaft wär auch etwas bescheuert, nicht wahr.

Laut (deutschen) Chronisten ist es daher so, dass heuer vor fünfzig Jahren der Sex – wie wir ihn kennen – erfunden wurde. Als Tun jenseits von ehelicher Pflicht in Sachen Reproduktion, aus Spaß an der Sache, den Bedenken von Kirche und anderen Moralwächtern zum Trotz. Mit Anovlar war der Sex per se quasi offiziell akzeptiert. Als wichtigste Nebensache der Welt. Als Thema. Sagen Chronisten. In Deutschland.

Dem kann ich mich nicht anschließen. Zum einen, weil seit Jahren immer wieder mal „50 Jahre Sex“ thematisiert wird. Es ist ja nicht so, dass die Deutschen Sex erfunden haben, im Gegenteil, sie waren spät dran, fast so spät wie die Österreicher, in Amerika war die Pille schon seit Jahren am Markt.

Vor allem aber beginnt Sex nicht mit dem Akt, er beginnt im Kopf, als Fantasie, als Hitze, die Richtung Unterleib mobil ist. Dafür bedarf es eines Moments des Erwachens – und der war 1961 schon lange kulturell vermittelt. Die Kommunikationsform dazu hieß Rock`n´Roll.

Vor fünf Jahren schrieb sogar ich schon über „50 Jahre Sex“ und schuld war Elvis. Der wurde 1956 dafür verantwortlich gemacht, dass „Amerika seine Kinder verlor“. Der damals 21jährige Sänger aus Tupelo, Mississippi, trat 1956 in der populären „Ed Sullivan Show“ auf, was der Show mit 82% eine Quotensensation bescherte. Nicht dass der Showmaster sich darüber gefreut hätte, im Gegenteil, Sullivan hatte sich beim Thema Elvis lange erfolgreich taub gestellt. Es gab „Heartbreak Hotel“ und „Hound Dog“, was es nicht gegeben hatte, war Elvis in der Sullivan-Show.

An den Liedern lag es nicht. Die hätte auch ein Pferd wiehern können und Sullivan hätte das Vieh vor die Kamera gezerrt, das war nicht das Problem. Das Problem war Elvis, respektive sein Pelvis. Letzterem dichtete Sullivan „anstößige Bewegungen“ an, was ihn für die Sullivan-Show disqualifizierte. Nur drohten dann die US-Teenager dem wackeren Ed so lange lautstark mit TV-Boykott, bis seine Angst vor dem Verlust von Werbeeinnahmen größer war als jene vor dem Pelvis. So geriet Elvis in die Sullivan-Show.

Bekanntlich hatte der Showmaster die Kameraleute noch angewiesen, Elvis lediglich vom Nabel aufwärts zu filmen, allerdings machte diese Teilzensur das Unkraut erst so richtig fett, was wir nicht sehen können, verleiht unserer Fantasie nur Flügel. Und Elvis ohne Unterleib sang sein Lied vom Hotel zum gebrochenen Herzen und die Jugend Amerikas verlor „über Nacht ihre Unschuld“.

US-Sexologen sagen daher, dass an jenem Abend vor 55 Jahren das „Erwachen“ zur modernen Spielart des Sex stattfand, einer taufrischen Erfindung – dem Re-Branding von vorehelichem Sex. Getriggert von Elvis´Pelvis war der Teenager plötzlich im Stande, Sex vor der Ehe nicht mehr als Sünde zu deuten (schlechtes Gewissen), sondern als Akt der Befreiung, als attraktive Alternative zur offiziell genehmigten Öde des Seins.

Was sich in den dreizehn Jahren danach – von Elvis (Sex) über Pille (Drugs) bis Woodstock (Rock) global in der Jugend abspielte, wird heute als Sexuelle Revolution abgefeiert. Mit Elvis endete das „dunkle Zeitalter“, als für vorehelichen Sex unter Christen die Hölle drohte und ein Blowjob selbst Ehemänner in den Knast bringen konnte. Für das Problem „Erektion“ des Jungmannes hatte es sowieso nur die offizielle Lösung „Hoden ins kalte Wasser tauchen“ gegeben, der Rest war Schweigen.

(Nebenbei: Über die Substanz der eigentlichen Rockpioniere der sexuellen Befreiung wird ja bis heute geschwiegen, Beispiel Little Richard, der sich schon 1955 geoutet hatte, aber gut, schwarz UND schwul sein und dann auch noch über Analverkehr singen, ist zeitlos tabu. Sein „Tutti Frutti“ läuft bis heute nicht mit Originaltext – sinngemäß: „Tutti Frutti / schöner Arsch / schmier ihn ein / dann geht er leichter rein“ – über den Äther.)

Soweit die Amis. Aber wie mit Little Richard angedeutet, es verliert sich so manches in der Übersetzung, ganz zu schweigen vom Transfer nach Europa. Und selbst wenn die Sprachbarriere nicht existiert, ist Sex auch von individuellen Entdeckungsfaktoren abhängig. Englands gefeierter Poet Philip Larkin, zum Beispiel, datierte die Erfindung des Sex mit 1963, in jene knappe Zeitspanne nach Aufhebung des Banns über den sexschwangeren Roman Lady Chatterleys Lover (Zit.: „tha´s got the nicest arse of anybody, it´s the nicest woman´s arse. It´s a bottom as could hold the world up, it is! and if tha shits an if tha pisses, i´m glad.“), aber vor Veröffentlichung des ersten Beatles-Albums „Please Please Me“ (= bitte tu mir gut). Das Gedicht zur Datierung heißt Annus Mirabilis:

Sexual Intercourse began in Nineteen Sixty Three

(Which was rather late for me) –

Between the end of the Chatterley ban

And the Beatles´first LP

1963 also. Zufällig jenes Jahr, in dem die Antibabypille auch in Österreich erhältlich wurde, wenn auch um das gewisse Etwas zu spät, 1963 war auch das Jahr des großen österreichischen Babybooms, erst danach ging die Geburtsrate kontinuierlich zurück.

Mit 1963 kann auch einer wie ich schon wesentlich besser, obwohl, das Jahr war etwas früh für mich, ebenso wie 1968 zu spät war, da war ich schon verdorben. Ich muss hier wohl oder übel mich ins Spiel bringen, die individuellen Entdeckungsfaktoren, wie gesagt:

Meines Wissens war ich es, der den Sex erfunden hat.

Diese Erfindung hatte wenig mit den lokalen Reserve-Elvissen zu tun, die gab es, sie hießen Peter Kraus oder Rex Gildo oder Roy Black, nur kamen sie allzu weichgespült daher. Blacks Superhit „Ganz in Weiß“ kam nicht per Video mit Roys Nase in einem Berg Kokain sondern mit Bildern einer Jungfer im Brautkleid.

Männliche Alpenteenager, die sich an Außeneinflüssen orientierten, mussten bis zur Premiere des Aufklärungsfilms „Helga“ (1968) warten, bis sich ihr Befreiungsdrang entlud, weniger weil sie die hochschwangere Helga motivierte, die törnte eher ab. Vielmehr saßen auch alle gleichaltrigen Girls im Kino und somit wussten die Buben, dass die Mädchen genauso schmutzige Fantasien im Kopf beherbergten wie sie. Eine befreiende Erkenntnis. Aber wie gesagt, anno Helga hatte ich schon lange erfunden.

Wie erfindet man nun den Sex? Ganz einfach: indem du den Orgasmus entdeckst, der muss her, sonst würdest du dir den Spaß nicht antun. Natürlich hilft es immens, wenn du keinen Tau hast. Von nichts, sonst wärs keine Erfindung. Das war in Ösi Land nicht schwer. Lag wohl an den Zeiten. Sie waren frei von einschlägiger Information, sie waren arm, so arm in der Tat, dass du nichts zu spielen hattest, wenn du am Weihnachtstag nicht mit einer Erektion erwachtest.

Blieb also Suche, nach einem Sinn des Daseins, nach einem Selbst, nach einem Kolumbus in dir. Ich will hier Details überfliegen, die haben was allzu Bodenständiges. Tatsache ist, dass ich nicht wusste, was das Gesuchte war noch wo es lag, aber ich wusste, wie ich es bekam. Es war eine Bewusstseinserweiterung, die Welt plötzlich ein schönerer Platz, getrübt nur von der allmählichen Erkenntnis, dass ich nicht die Exklusivrechte auf die Entdeckung hatte.

Heute ist die Power dieser Befreiung des Bewusstseins kaum verständlich. Jedes Kind wird mit vorbeugender Information gefüttert, ehe es ins Dilemma der Pubertät gerät. Was nicht heißt, dass die Info auch hilft. Tatsächlich wird das Thema umso komplizierter, je mehr man darüber weiß.

Auch ist es nicht so, dass nach der Informationsflut der vergangenen Jahrzehnte heute ein entspanntes und kultiviertes sexuelles Klima herrscht, im Gegenteil, seit der Kapitalismus als einziger –Ismus die Gesellschaft antreibt, ist ein mächtiger Ruck in die Prüderie unverkennbar. Was aber hat die Konsumgesellschaft gegen Sex? Systemimmanente Logik, würde ich sagen. Das höchste aller Gefühle ist nun mal jenes des wunschlosen Glücks nach einer großartigen Nummer. Und wer keine Wünsche hat, der will auch nichts kaufen. So einfach ist das, wenn man mich fragt. Nur fragt mich keiner. Trag mich fort, Kleiner Richard!

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