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Der Dash-Grüne

Von | 12.06.2011, 19:01 | 3 Kommentare

Der Rathaus-Grüne Klaus Werner-Lobo ist ein Mann der Hygiene. Das führt mitunter so weit, dass er nicht einmal Venedig vergessen kann.

Klaus Werner-Lobo by Clows, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Ich hab viel Zeit für den Kultur – und Menschenrechtssprecher der Grünen Wien, Klaus Werner-Lobo. Dem ist so, seit er sich anlässlich der Sans Papiers-Affäre mit allen ihm verfügbaren Mitteln, das waren wenige, gegen die ethnischen Säuberungsaktionen der Exekutive stemmte. Der Mann trägt sein Herz am richtigen Fleck, er weiß, dass das humanistische Niveau einer Gesellschaft daran gemessen wird, wie diese Gesellschaft mit den Armen, den Hilflosen, den Außenseitern umgeht. Er ist eine politische Rarität.

Als er dann im Zug der Wiener Ampelumstellung auf rotgrün (Anm.: im Straßenverkehr würde sowas zu Chaos führen) ins Rathaus zog, machte ich mir Sorgen um ihn soll heißen um den Fundi in ihm, wie werden die ihn wohl korrumpieren, dachte ich, damit sich Häupl nicht in seinen Kreisen gestört fühlt.

Vergangene Woche las ich, dass er sich selbst ähnliche Sorgen macht, nämlich permanent, „es geht bei uns ständig um die Frage, was geht – und was geht nicht. Das ist ein Lernprozess – und der ist keineswegs abgeschlossen.“

Beruhigend. Der Mann steht auf seine saubere grüne Weste, nicht nur das, eigentlich möchte er Dash-sauber sein, „leider kann man das Wort ’supersauber‘ heute ja nicht mehr verwenden – aber man darf einfach nicht einmal in die Nähe eines solchen Geruches kommen.“

Bekanntlich gerieten diese Gedanken zwischen seine Ohren, weil er sich – neben 180 weiteren Ösis – zu einer Visite zur Eröffnung der Biennale in Venedig einfliegen ließ, was heißt ließ, die 300 Euro Flugkosten wollte er lieber persönlich berappen, sicher ist sicher, man weiß, wie schnell Politiker als Spesenritter dastehen können, welcher Saubermensch braucht das.

Ich möchte diese seine Haltung nun keineswegs verniedlichen, solche Statements haben ihren Preis, jeder Kollege, der seine Venedigprobleme nicht teilt (also alle Anderen), wird sich nun in seinem Rücken das Maul über ihn zerreißen, unter Insidern im Rathaus ist Werner-Lobo ab sofort der ultimative Outsider, aber gut, das war er vermutlich ohnehin vorher auch schon.

Allerdings erscheint mir sein Problem etwas unzeitgemäß. Nicht zu früh, es ist schon was dran, nur vermisse ich mehr Tiefgang zu anderen Probleme, die das grüne Hemd trüben könnten; zu Fragen, die derzeit weitgehend aus Deutschland ins heimische grüne Bewusstsein getragen werden (sollten).

Zum Beispiel: Ist es bewusstseinshygienisch vertretbar, gegen AKWs zu sein, die eigenen AKWs abzudrehen – dann aber Atomstrom aus dem Ausland zu beziehen? Oder: Darf ein sauberer Grüner – seines Zeichens ein Gralsritter der Emissionsbeschränkung, das ist die Errungenschaft der grünen Lobby – schweigend zusehen, wenn nun im Zuge der AKW-Abschaltung wieder Kohlekraftwerke etabliert werden – also die größten Verschmutzer und globalen Erwärmer? Oder: Ist es vertretbar, dass Österreich teuren Strom exportiert, nur weil es Profit bringt, wenn die Zukunft alles Mögliche verspricht, nur nicht Energieüberschuss?

Zugegeben, diese Fragen kommen ohnehin auf. Aber den Antworten fehlt immer was, es ist wie nach der Uhrzeit fragen und dann gehen dir fünf Minuten ab.

Das würde mich mehr tangieren, als Grüner, ehe ich über Venedig tiefgründig werde. Fragen, die durch Fukushima aktualisiert wurden, jenen Gau, der die Grünen so massiv ermächtigt hat und zu einer Wahl führte, die von genau einer Größe entschieden wurde – von Atomparanoia. Von Nimbyismus, von der „Nicht-in-meinem-Schrebergarten“-Mentalität. Ohne Ratio, ohne Alternativen.

Die beste Alternative, die bisher – auch auf diesem Portal – offeriert wurde, war jene des VERZICHTS, der maximalen Einschränkung in allen Lebenslagen. Wie realistisch ist das? Der Mensch ist eine Heuschrecke, Leute, Felder aufzehren, dann ab zur nächsten Futterstelle.

Vergiss Venedig, Mister Werner-Lobo. Erstens ist einer, der mit Leuten wie Menasse in einem Flieger sitzt, ohnehin schon gestraft genug. Zweitens wurde die eigentlich interessante Venedig-Frage leider nicht gestreift: Wenn 180 Leute in einen Flieger geladen wurden – wer saß in der Business Class und wer flog Economy? Das wär nun wirklich interessant.

3 Kommentare »

  • shiraz sagt:

    eine anmerkung zum „teuren“ (?) stromexport: der begründet sich wohl eher darin, dass sich strom noch schwerlich speichern lässt und überschüsse ansonsten verpuffen würden.

    • Frater Gladius sagt:

      Netter Gedanke. Österreich – wo Energieüberschüsse herrschen. Und ich dachte immer, das Land stünde unter Valium. So kann man sich täuschen.

  • Als Kultursprecher vergesse ich zwar nicht auf Atom- und Kohlekraftwerke und die auch bei uns dringender denn je notwendige Energiewende, täte aber auch nicht gut daran Venedig und die Biennale zu vergessen. Auch wir haben sowas wie Arbeitsteilung und ich weiß das Thema Energie in guten Händen (in Wien bei Christoph Chorherr und Rüdiger Maresch).

    Und mit Robert Menasse sitze ich lieber beim Wirten als im Flieger – nicht nur aus ökologischen Gründen.
    Lg Klaus

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