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Wieder einmal: Britney Spears

Von | 24.04.2008, 17:49 | Kein Kommentar

Auf VF Daily, dem Blog von „Vanity Fair“ stellt sich Matt Pressmann besorgt folgende Frage: Was bedeutet es, wenn lauter renommierte Magazine – im konkreten Fall Portfolio, Atlantic Monthly und Rolling Stone – binnen weniger Wochen ausgiebige Analysen zu Britney Spears veröffentlichen? Womöglich gar, dass sie die wichtigste kulturelle Figur der amerikanischen Gegenwart sein könnte? […]

Auf VF Daily, dem Blog von „Vanity Fair“ stellt sich Matt Pressmann besorgt folgende Frage: Was bedeutet es, wenn lauter renommierte Magazine – im konkreten Fall Portfolio, Atlantic Monthly und Rolling Stone – binnen weniger Wochen ausgiebige Analysen zu Britney Spears veröffentlichen? Womöglich gar, dass sie die wichtigste kulturelle Figur der amerikanischen Gegenwart sein könnte?
In dieser Frage schwingt ein wenig die Angst mit, die einen erfasst, wenn einem die Antwort ohnehin schon klar ist. Denn vielleicht ist sie es wirklich. Anhand des Beispiels der Frau Spears lassen sich nämlich sehr viele Geschichten über unsere Zeit erzählen.
Die von einer gewandelten Celebrity-Kultur, die auch mit einer sich wandelnden Medienkultur einher geht, zum Beispiel. Britney, wie sie alle nennen, ist nämlich jene öffentliche Figur, die einer Heerschar Paparazzi und ganzen Fotoagenturen ihren Unterhalt beschert. Nicht umsonst wurde erst kürzlich bekannt, dass die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press 22 neue Celebrity-Schreiber einzustellen gedenkt und nebenbei auch folgende Devise ausgegeben hat: Alles, was Britney tut, ist eine Nachricht. Wenn sie tankt, wenn sie säuft, wenn sie einen Kaffee kauft, wenn sie irgendwo hinspeibt. Damit werden dann alle Kanäle befeuert. Neuartige wie tmz.com, bösartige wie die britische Sun, trashige wie die Magazin im Stile von intouch.
Und wenn der seriöse Teil der Medien auch was über sie schreiben möchte, zitiert er eben eines davon – wohl wissend, dass zu den vielen Bildern auch sehr viele Lügen erzählt werden. Aber wenn alles eine Nachricht ist, ist es die erfundene erst recht. Duff McDonald, der für Portfolio die Story „The Britney Economy“ verfasste, sagt jedenfalls, das wäre die populärste und am meisten zitierte Geschichte seiner Karriere gewesen. Er findet das „kind of depressing“. Dabei sollte sich der Herr nicht geißeln, denn offensichtlich weiß er nicht, was einem sonst noch an „kind of depressing“ gut nachgefragten Themen begegnen kann, aber das ist eine andere Geschichte.
Gleichzeitig ist die Frau ja wirklich spannend. Als Lolita auf den Markt geworfen, als Vamp verbrannt, als Wrack auf die Straße gekickt, und das alles mit erst 27 Jahren. Es braucht nicht viel Nachdenken, um zu einem ähnlichen Schluss zu gelangen wie auch Vanessa Grigoriadis im amerikanischen Rolling Stone: Mit jedem Foto, das von ihr schossen wird, sagt sie der Welt: Schaut, was ihr aus mir gemacht habt – und ich schere mich noch dazu einen Dreck darum, dass jetzt alle schockiert sind.
Zynisch formuliert ist Britney somit der Beweis, wie der gerne totgesagte Rock’n’Roll im Jahr 2008 noch funktionieren kann: als Hochglanzprodukt, das perfiderweise zum Monster mutiert, das keiner mehr kontrollieren kann. Ihre Eltern nicht, ihr Management nicht und die dubiosen Geier noch weniger, die sich nun um sie scharen. Die größte Macht hat nämlich sie selbst. Wenn sie das bemerkt, geht sie wohl entweder unter, oder der ganze Zirkus wird erst richtig gut. Da der Rock’n’Roll schon genug schöne Leichen hat, lässt sich eigentlich nur auf Letzteres hoffen.
Wir werden darüber reden.

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