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Alexander GörlachTürkei-Wahlen: Zu Füßen des Halbmonds

Von | 08.06.2011, 13:08 | Kein Kommentar

In der EU hat man immer gern auf die Türkei herabgeschaut. Doch das Land, das am Sonntag seine neue Regierung wählt, prosperiert und ist mit einer jungen Gesellschaft bestens für die Zukunft ausgerüstet.

Nationalflagge der Türkei

Die Türkei hat gewählt. Nicht ihre neue Regierung, das geschieht erst am Sonntag. Das Land am Bosporus hat seine Richtung gewählt – und die geht weg von Europa. Gleich westlich von Konstantinopel beginnt die alte Welt, die krisengebeutelt ist: Ihrer Währung geht es schlecht, ihre politischen Strukturen sind schwerfällig, ihr fehlt eine gemeinsame Ausrichtung in wichtigen Fragen, ihre Bevölkerung ist überaltert.

Die Türkei hingegen prosperiert, in den Metropolen Istanbul und Ankara sowieso, aber auch die viel geschmähten anatolischen Nester sind über Satellitenfernsehen mit der gesamten Welt verbunden und haben Anschluss an die Entwicklung in ihrem Land erhalten. Alle schauen sie fern, sie sehen die Nachrichten aus dem fernen Europa und reiben sich die Augen, warum in Allahs Namen man in dem Laden einmal Mitglied sein wollte.

Nur eine Gespensterdebatte

Die Debatte über Europa als Christenclub, der die islamische Türkei nicht in seine Reihen aufnehmen wolle, ist deshalb mittlerweile eine Gespensterdebatte. Der herablassende Blick auf die Türken, die gerade in Deutschland und Österreich ja gerne mal als das Allerletzte gesehen und auch so behandelt wurden, kehrt sich langsam um.

Wir müssen anerkennen: Da ist ein aufstrebendes, junges Land mit einer unternehmerisch veranlagten neuen Generation, die optimistisch in die Ferne blickt. Das Land hat ein gut funktionierendes Gesundheitssystem, das ein gewisser US-Präsident Obama gerne für seinen Staat hätte. Das Land sieht sich als starken Player in der Region, der ein eigenes Modell ist für viele Länder in der islamischen Welt. Warum ein Anhängsel an Europa sein.

Vorteil Demographie

Nun, ein Anhängsel wäre die Türkei nicht. Aktuell hat die Türkei 78 Millionen Einwohner, bis 2047 wird die Bevölkerung auf geschätzte 88 Millionen anwachsen – während hierzulande die Bevölkerung weiter schrumpft. Wer kann sich denn in Europa eine Union vorstellen, in der die Türken aufgrund ihrer Bevölkerungsstärke und Wirtschaftskraft alle Gremien bestimmen und darin dominieren? Keiner! Nur sagt es in Brüssel niemand.

Die Türkei ist stark, sie ist groß. Ihre eigenen Interessen sind vielfältig und – aufgrund ihrer Lage und ihres Einflusses in die Region, die sie umgibt –verschieden von denen der Europäischen Union. Ganz egal, ob das alles Muslime sind oder nicht, an der Stelle ist das nicht das entscheidende Argument.

Haben die EU und die Türkei nun nichts mehr aneinander? Doch, auf jeden Fall! Die Türkei hat ihre Modernisierung wegen der EU begonnen. Die politische Führung unter dem derzeitigen Regierungschef Erdogan hat den EU-Kurs bewusst genutzt, um die Modernisierung des Landes zu steuern. Die EU war das Rollenmodell der Türkei. Sie wird es in manchen Fragen bleiben: Unabhängigkeit der Gerichte, Menschenrechte.

Wir begegnen uns nun auf Augenhöhe, wir können gemeinsam Zukunft gestalten. Je mehr Player international die Agenda setzen, wirtschaftliche Kraft entfalten und Modelle des guten Zusammenlebens von Menschen anbieten können, umso besser. Alles, was einen aufkeimenden Uni- oder Bilateralismus im 21.Jahrhundert verhindern kann, kann nur von absolutem Vorteil sein. Wenn die EU hier in einigen Jahrzehnten als Akteur noch mitspielen will, muss sie jetzt bei denen in die Lehre gehen, auf die sie so gern herabgeschaut hat.

The EuropeanDieser Text erscheint in Kooperation mit dem Debattenportal
The European. Daher kommen die dort gültigen Lizenzbedingungen zur Anwendung.

Foto: Kristine Riskær, Lizenz: CC BY 2.0

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