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My Morning Jacket: Damals ist das neue Heute

Von | 03.06.2011, 1:07 | Kein Kommentar

War früher tatsächlich der Rock noch besser? Man kann zumindest so fest daran glauben wie diese Band aus Amerikas Süden.

Es gibt nicht viele Gründe, die hier seit einigen Wochen ganz inoffiziell und mehr zufällig als geplant stattfindende Österreicher-Reihe in Sachen neue und spannende Popmusik zu unterbrechen. Außer zwei: Es fällt einem nichts auf. Und eine heimliche Lieblingsband hat ein neues Werk veröffentlicht, das einem seit Tagen in den Kopfhörern klebt.

Es handelt sich um My Morning Jacket, irgendwann gegen Ende der 90er-Jahre in Louisville, Kentucky gegründet, wo eine der größten Kirchen der USA steht und überhaupt viel zu Gott gebetet wird. Mit „Circuital“ werden My Morning Jacket sechs Alben alt, in den USA gilt die Band um den Frontman Jim James als eine der fähigsten Livebands des Landes, und wenn sie neue Musik veröffentlicht, werden traditionsbewusste Pop-Berichterstatter wie die Damen und Herren von npr Music oder Pitchfork ganz froh.

Projektionsfläche für ein besseres Amerika

Man muss My Morning Jacket nämlich einfach mögen, weil sie virtuos alle Spielarten der Rockmusik inklusive ihrer Ränder hin zu Soul und Funk beherrschen, mit ihrem Ethos der ehrlichen Handwerker als Projektionsfläche für ein besseres Amerika dienen, und nebenbei auch als süße Rache der Landeier an diesen ganzen Hipstern in den richtig großen Städte herhalten können.

Rauschebart, Bauchansatz und ein Hang zur Überlänge beim Songwriting waren in den Nullerjahren die perfekte Antithese zu den blassen Supertypen in engen Hosen aus New York City. So perfekt, dass My Morning Jacket die Nullerjahre ohne Blessuren überlebten, sich zu deren Ende immer mehr dem Experiment unter besonderer Berücksichtigung des Funk verschrieben, und nun wieder, wie es so schön heißt, „zu ihren Wurzeln zurück kehren“.

Herrlich, unser weites Land, nicht wahr?

Man hört die Damen und Herren bei den oben erwähnten Musikmedien drüben in den USA richtig aufatmen, wenn sie solche Zeilen schreiben können. Ah, oh, herrlich, unser weites Land, nicht wahr? Es verlangt einfach nach Liedern wie dem spannungsgeladenen Opener „Victory Dance“ oder dem einwändigen „Wonderful (The Way I Feel)“.

Wir bleiben, was wir sind – das ist tatsächlich die wichtigste Botschaft, die My Morning Jacket auf „Circuital“ dabei haben: Den Beweis, dass draußen in der Provinz nicht alle auf Knien zum Herrgott beten und irgendeine Verrückte von der Tea Party verehren. Und die Gewissheit, dass Stil eben doch nicht alles ist, was uns bleibt. Rockmusik ist hier keine Modeerscheinung, sondern ein Aggregatszustand, der zwischen Euphorie und Agonie pendelt. Nicht mehr – denn mehr ist auch gar nicht möglich.

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Live-Videos: My Morning Jacket, live in Lousville, 31. Mai 2011»

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