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Es ist die Elster, nicht die Nachtigall

Von | 29.05.2011, 19:17 | Ein Kommentar

Gegenwärtig sollten allerorts die Nachtigallmänner trapsen, um zu ihren Girls zu kommen. Nur sind da keine. Überall nur Elstern, soweit das Auge reicht.

Elster by benutzer123, Lizenz: Gemeinfreiheit

Im Haus meines Nachbarn klafft seit Monaten ein Loch. Vergangenen Winter starb die Frau Nachbarin, seither fehlt etwas, an einem Tag wie heute würde sie im Garten in den Erdbeeren stierlen, das macht jetzt ihr Witwer, das ist was ganz Anderes, das braucht kein Nachbar.

Die Frau Nachbarin wurde achtzig, ihr Tod war nicht überraschend, ich konnte es kommen sehen, wenn Schnee oder Eis am Gehsteig war, reichte ich ihr mitunter die Hand – und so kam es, dass ich zum Begräbnis eingeladen wurde, das hat man von seiner Gutmenschlichkeit.

Als sie unter die Erde geriet und es Zeit fürs Totenlied war, geschah was Wundersames. Der Witwer packte ein sicher fünfzig Jahre altes Tonbandgerät aus, drückte auf den Knopf, ich war auf das Schlimmste gefasst, aber heraus kam nicht etwa „My Way“ oder „Weit, weit weg“ sondern – Vogelzwitschern. Das Lied einer Nachtigall, wurde mir später gesagt, und es kam hervorragend, ein wenig wie die Szene in „Shawshank Redemption“, als die hartgesottenen Sträflingsseelen plötzlich mit Mozart konfrontiert wurden und wie Butter in der Sonne zergingen.

Das Lied der Nachtigall also. Frage: Könnt Ihr es hören? Jetzt wär die richtige Zeit, was ein lediges Nachtigallmännchen ist, hat gerade seine Kehle voll zu tun, es beginnt um elf Uhr nachts und macht durch bis in die Früh, bis Mitte Juni muss ein Nachtigallgirl her oder es hat sich mit der Brut.

Natürlich hört Ihr es nicht, in der Stadt sicher nicht und am Land nur mit Glück. Singvögel sind rar geworden und die Nachtigall sowieso. Ihre Zahl hat sich um 90% vermindert, sagen Ornithologen und verweisen nun- in England – auf eine mögliche Schuldige: die Elster. Die sei heutzutage erstens immer und überall, zweitens steht sie im Ruf, der Nachtigall die Eier aus dem Nest zu klauen und sie zu verspeisen. Also wurde die Elster freigegeben.

Auf der Insel geht es der Elster dieser Tage en gros an den Kragen, daher fiel mir die verblichene Nachbarin wieder ein, ihr Mann hasste Elstern, „das diebische Federvieh vergällt mir das Leben“, sagte er immer, heute versteh ich, er vermisst die Nachtigall, die er früher im Garten hatte, wie er immer beteuerte.

Allerdings hat das große Elsternkillen auch seine Kritiker, die üblichen Verdächtigen, jene, die nichts davon halten, wenn Menschen den Kreislauf der Natur manipulieren und instinktiv bin ich mit ihnen, es hat was seltsam Perverses, nicht wahr, wenn man Vögel tötet, um Vögel zu retten.

Außerdem ist doch sicher der Mensch für das Verschwinden der Nachtigall viel eher verantwortlich, oder, jener besungene Platz in Nussdorf („a klans Laterndl, a klane Bank“) fällt ein, wo mal die Nachtigall zwitscherte, ehe ihr grelles Scheinwerferlicht „die Red verschlug“, so sah es ein Vogelkundiger. Mit Windfarmen wird es ihr nicht anders gehen, nehm ich mal an, ich meine, zeig mir eine Windfarm und ich zeig dir ein Massengrab voller Federvieh.

Wie immer, wenn ich nicht weiß ob ich meiner Meinung bin, rief ich meinen Freund und gelegentlichen Gastgeber, den Weinviertler Gutsherrn an und er konnte bestätigen, von Nachtigallen keine Spur, aber in der Tat nisten in seinem Garten seit neuestem zwei Elsternpaare, ein Umstand, der ihn nicht wenig beschäftige, sein Vater brachte Elstern immer um, nicht unattraktiv, nur muss man erst mal dorthin gelangen, wo sie brüten, so eine Elster ist ja nicht blöd.

Zweitens verwies er mich auf den Schriftsteller Jonathan Franzen, der liebe die Vögel, vielleicht werde ich dort fündig.

Tatsächlich stieß ich auf einen wunderbaren Franzen-Aufsatz mit Titel „My Bird Problem“, eine tolle Sache, unglaublich was der Mann weiß, über Finken und Spatzen und Tauben und so weiter ebenso wie über Kraniche, die man nach Florida verfrachtet, um sie dann zu lehren, wie man einem Flugzeug nach Wisconsin folgt. Von Elstern oder gar Nachtigallen aber auch in Franzens „Vogelproblem“ keine Spur. Nur soviel: „Vögel brauchen Hilfe“, schreibt er. Sie haben nicht unsere Optionen, wenn es darum geht, sich an globale Veränderungen anzupassen, sie sind wie Saurier, aber netter.

Also: Elster oder Nachtigall? Im Zweifelsfall bin ich für zweitere, ehrlich gesagt. Nenn mich parteiisch, aber ich hab was übrig für Kulturgeschichte. Wie kämen Romeo und Julia ohne Nachtigall daher, hörte die BerlinerIn was trapsen, von Ovid ganz zu schweigen, man denke an die Geschichte der zungenlosen, in eine Nachtigall verwandelte Philomele. Aber gut, auch die Elster gab es schon bei Ovid, nur ist der Kontext ein anderer, er verwandelte Frauen, die nicht singen konnten, in solch vorlaute schwarzweiße Kreaturen, die Elster hatte so manches, Talent zur Muse hatte sie nicht.

Derlei Anekdoten und Verweise gibt es selbstverständlich zuhauf auf Wikipedia, wo sonst, dort wird auch transparent gemacht, dass die Elster in unseren Breitengraden immer schon als Unheilsbote und Hexentier und Galgenvogel gehandelt wurde, im Gegensatz zu ihr kommt die Nachtigall als Symbol der Liebe, der Liebenden und der Dichter daher. Es gibt triftige Gründe, die Nachtigall wertzuschätzen.

Und noch was wird durch Wikipedia transparent. Es gibt in diesem modernen Spiegel unserer Zeit fünfmal mehr über die Elster zu lesen, als du über die Nachtigall, Beherrscherin von 100+ anmutigen Strophen, in Erfahrung bringen kannst. Der Galgenvogel mit seinem albernen „meg-meg-meg“ hat ein zigfach größeres Webwelt-Gewicht als das Symbol der Liebe. Das ist falsch, das geht mir gegen den Strich, da bin ich ganz bei meinem Nachbarn. Ich finde, wir sollten uns stärker für die Nachtigall einsetzen, sie braucht mehr Lebensraum, real wie virtuell. Heute schon eine Elster reduziert?

Ein Kommentar »

  • Birgitta sagt:

    ich kann nur zustimmen! Ich HASSE Elstern – die wecken mich heutzutage mit ihrem Gekecker auf um 4 Uhr frueh. UND sie machen den Rasen kaputt! Aber zum Luftdruckgewehr habe ich dennoch noch nicht gegriffen…

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