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Die SchlampengeherInnen

Von | 15.05.2011, 15:25 | 3 Kommentare

Ein neuer feministischer Protest ist im Kommen: Slutwalking. Vom Recht, eine Schlampe zu sein. Hm, manchmal bin ich um Meinung verlegen.

Slutwalker in Toronto, Foto: Anton Bielousov, Lizenz: CC BY-NC 2.0

Es war wieder einmal so eine Woche. Zum Abgewöhnen. Jeden Tag ein anderer Grund, auf „jetzt reichts“ auf die Straße zu gehen und Krawall zu machen. Die Boot-Flüchtlinge! Ist ein zynisches Stück von den Westmächten, nicht wahr, zuerst halb Libyen anzuzünden und dann das Heer der Flüchtlinge im Meer ganz einfach verrecken zu lassen. Oder nebenan, die österreichischen Banker. Verdoppeln einfach ihre Gagen, aber gut, das ist ja fast zu originell, um was dazu sagen, da hilft eigentlich nur noch Bankraub.

Inzwischen, in Südafrika, erreichen „korrektive Vergewaltigungen“ gegen die blühende lesbische Subkultur epidemische Ausmaße, dasselbe gilt für den Bürgerkrieg im Kongo,  es ist alles eine deprimierende Misere, wo sind eigentlich die Demonstrantinnen und Demonstranten, wenn man sie mal braucht, aber ehrlich gesagt, ich kann es verstehen, die Welt ist so voll aus dem Lot, das stumpft mit der Zeit auch ab, es ist nicht leicht, ein Gutmensch zu sein.

Aber Moment mal, da war noch was, ja, in Toronto war da ein Polizei-Offizier namens Michael Sanguinetti, der wurde von der Osgoode Hall Law School zu einem Vortrag über „persönliche Sicherheit“ eingeladen, nicht wirklich ein Hit, es kamen genau zehn StudentInnen, um zu hören, was er zu sagen hatte. und zum Abschluss seiner kurzen Rede fiel ihm dieser Satz ein: „Sagen wirs, wie es ist – Frauen sollten es vermeiden, sich wie Schlampen anzuziehen, um nicht Opfer von Gewalt zu werden.“

Dieser Satz war Dynamit.

Slutwalk by thelearningcurvedotca, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Wenig später zogen tausende Frauen durch Toronto (am 3. April) und bald auch in Boston,  sie waren angezogen wie, nun, Schlampen und schleppten Banner mit Sprüchen wie „Es ist MEIN heißer Körper, ich mach, was ich will“ durch die Straßen und machten Lärm. Die neue Protestbewegung des „Slutwalking“ war geboren, das „Schlampengehen“, organisiert via Facebook und Twitter, was sonst, und demnächst auch in Europa, in wenigen Wochen – am 4. Juni – finden in London, Cardiff und Edinburgh erste Slutwalks statt, tausende Frauen haben ihr Kommen zugesagt.

Wer sagts denn: Es gibt sie noch, die Energie des Protests.

Ich muss zugeben, ich war anfangs davon ein wenig unterwältigt. Es gibt hunderte veritable Gründe auf die Straße zu gehen, dachte ich, und ausgerechnet der öde „Zieht-euch-was-Ordentliches-an“-Kommentar eines tolpatschigen Bullen bringt das Demonstrantinnenblut ausreichend in Wallung? Aber mittler Weile sehe ich es anders. Gutmenschliche Empörung allein mobilisiert heute eben kein Schwein mehr, die allgemeine Abstumpfung, wie gesagt. Protest braucht mehr, um Bewegung zu werden, er braucht eine gute Dosis Spaß, er muss ein Happening sein.

Slutwalking also. Worum geht es da? vor allem darum, dass es „eine Tendenz gibt, dem Opfer einer Vergewaltigung die Mitschuld am Verbrechen zu geben“ und Entschuldigungen für den Vergewaltiger zu finden, darum, dass ein Opfer nie „danach verlangt hat“, vergewaltigt zu werden, auch wenn sie sich sexy anzieht, also auch darum, dass „sexuelle Befreiung“ einmal Teil des feministischen Konzepts war, Vergewaltigungen existierten schließlich auch schon, als der Minirock noch nicht existierte.

Dann ist da noch eine Komponente, die den Walk nach Gagaland bringt. Das Wort „slut“, die Schlampe.  Es müsse zurückerobert werden, zu lange wurde es nur von Frauenhassern verwendet, natürlich abwertend und das Gebot der Gleichberechtigung vollkommend ignorierend, denn Männer, die sich wie „Sluts“ benehmen, galten ja immer schon als tolle Hengste und so gesehen stecken in der „Slut“ natürlich allerhand ermächtigende Qualitäten.

Im übrigen wird der „Slutwalk“ gegenwärtig online heftig debattiert, HIER diskutieren fünf wortgewaltige Frauen, HIER gibt es einen 40 Minuten langen Podcast zum Thema. Ich selbst bin optimistisch, dass das „Schlampengehen“ auch auf Deutschland und Österreich übergreift, erstens riecht die Sache förmlich nach „typisch 21. Jahrhundert“, zweitens verspricht sie Spaß und drittens finde ich Schlampen nett anzusehen. Höchste Zeit, dass auf den Straßen wieder mal was los ist. Schlampen aller Länder, vereinigt Euch!

3 Kommentare »

  • mare sagt:

    falls sie werter frater einen termin in österreich erfahren, diese bitte weitersagen, dann gehe wir alle „slutwalken“;-)

  • Joe sagt:

    Slutwalkers? Sind das nicht eher Leute, die Schlampen ausführen? ;-)

    • Frater Gladius sagt:

      Solange dies im Geiste feministischer Solidarität erfolgt, werter Joe, so lange will ich mir keine weltanschaulichen Bedenken leisten. Ihr FG

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