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Gier für Fortgeschrittene: 80 Millionen sind 220.000 pro Tag

Von | 01.04.2009, 12:00 | 5 Kommentare

Der Stundenlohn von knapp 10.000 Euro, den Porsche-Chef Wendelin Wiedeking nun im Jahr 2009, auf Basis seiner Erfolge 2008, verdienen wird, sei ihm persönlich vergönnt. Eifersucht zahlt sich nicht aus, das  hat Eberhard Lauth ohnehin vor einigen Tagen treffend erläutert (mehr hier). Für alle, die jetzt nicht wegklicken wollen: Es treibt uns die Gier – und die wird nach […]

Nur der Spaß zählt

Nur der Spaß zählt

Der Stundenlohn von knapp 10.000 Euro, den Porsche-Chef Wendelin Wiedeking nun im Jahr 2009, auf Basis seiner Erfolge 2008, verdienen wird, sei ihm persönlich vergönnt. Eifersucht zahlt sich nicht aus, das  hat Eberhard Lauth ohnehin vor einigen Tagen treffend erläutert (mehr hier).

Für alle, die jetzt nicht wegklicken wollen: Es treibt uns die Gier – und die wird nach der Finanzkrise wieder kommen, wir werden nicht besser. Und wer knapp daran war, mit viel Geld die Gier zu stillen, benötigt heute Leibwächter (AIG Manager zum Beispiel.)

Mich stimmt aber an Wiedekings Einkommen nachdenklich, dass dieses Geld von jemandem zur Verfügung gestellt wird, Wiedeking dafür jedoch das Verständnis fehlt. Konkret: Laut Handelsblatt stehen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vertraglich und zusätzlich zu seinem Grundgehalt – und das schon seit 14 Jahren – 0,9 Prozent des Vorsteuerergebnisses von Porsche zu. Das heißt also: Porsche geht es gut, dem Manager Wiedeking geht es gut. Porsche wies einen Vorsteuergewinn von 8,6 Milliarden Euro aus. Jetzt dürfte er damit ein gewinnabhängiges Gehalt von knapp 80 Millionen Euro erzielen. Porsche hat dieses Geld nicht durch den Verkauf von Sportwagen sondern durch Spekulation mit VW-Aktien verdient. Jede Seite der Spekulation hat eine Gegenseite, jene die verliert.

Und dann Selbstmord

Da waren die tausenden VW-Kleinanleger. Nunja, sie werden es verkraften. Ich erinnere mich aber auch daran, dass der Milliardär Adolf Merckle sein gesamtes Vermögen im Zuge der Wiedeking’schen Spekulationsblase verloren hat – und in der Folge Selbstmord beging. Die 80 Millionen haben also Opfer gekostet. Und mehr noch: Sie wurden einem System entzogen, in diesem Fall der Autoindustrie, die derzeit einen Überlebenskampf führt. Tausende Beschäftigte bangen um Jobs. Das Geld des Wiedeking kommt von der Börse und aus der Autoindustrie. Auch Porsche leidet derzeit. Mir ist es um die Autoindustrie nicht leid, weil ich überzeugt bin, auch ohne sie leben zu können. Aber es ist erstaunlich, dass die Kybernetik des Systems Wirtschaft den Managern so fremd ist. Dass überzogenes Nehmen zwingend mit überzogenem Geben verbunden ist. Wer mit Managern wie Wiedeking zu tun hat, weiß, dass er als Eigentümer zu viel gegeben hat, als Mitarbeiter, dass er über’s Ohr gehauen wurde, als Aktionär, dass der Kursanstieg nur von kurzer Dauer sein wird, als Lieferant, dass eine Bankgarantie einzuforden wäre, als Kunde, dass das Produkt überteuert ist.

Und dennoch funktioniert das System weiter. Personalberater für Top-Führungspositionen wissen, um wie vieles es leichter ist, eine Stelle zu besetzen, die mit hoher Aufgabe verbunden ist. Warum? Junge Manager haben Ziele, die sich nicht mit Geld erfüllen lassen: Es geht um Abwechslung, das Team, die Chance zu lernen. Je höher das absolute Gehalt wird, desto wichtiger wird das Gehalt selbst. Ab einem gewissen Level, ein, zwei Millionen (?) im Jahr, wird Einkommen absurd, weil jede zusätzliche Steigerung den Lebensstandard nicht steigern kann. Aber genau da setzt der Mechanismus ein, dass nur noch die Relation zählt. „Ich will am meisten von allen verdienen.“ Und das hinterlässt verbrannte Erde.

5 Kommentare »

  • Franz J. Sauer sagt:

    nun, also: hybrid IST auf der straße (allerdings noch immer zum teil otto, geb ich zu), brennstoffzelle wird auch im feldversuch getestet (hatte selbst schon das vergnügen), ist nur halt noch zu teuer für die serie. und elektro steht ante portas – stichwort tesla. auch hier erlebte ich bereits livetests.

    beste grüße,
    fjs.

  • satriales sagt:

    auch Sie könnten nur schwer ohne die autoindustrie leben. weil es geht nicht immer nur ums selberfahren sondern auch um ein extrem auf mobilität ausgerichtetes gesamtsystem.

    ausserdem: wenn Sie sagen, die autoindustrie tut Ihnen nicht leid, dann tun Ihnen also auch die abermillionen joblosen, die es gäbe, gäbe es keine autoindustrie nicht leid. was bringt dann aber Ihr ganzer artikel?

    ich glaube, in zeiten wie diesen sind die coolen „autos sind doof“ sprüche, die ja stets zu nichts anderem als zum zwecke der imagepflege herhalten müssen (was bin ich nicht für ein toller urban-boboesquer straßenbahnfahrer …) nicht mehr ganz so angebracht. vor allem in ernstzunehmenden artikeln.

    • gut. die autoindustrie bringt viele jobs, das ist kein geheimnis. aber sie basiert auch auf dem missverständnis, dass es reicht, der menschheit eine technologie zu verkaufen, die mehr als hundert jahre alt ist – mit all ihren nachteilen: sie (ich rede hier vom ottomotor) ist vor allem ineffizient. und aus missverständnis eins resultiert missverständnis zwei: dass nach jahrzehnten der mobilität alle davon überzeugt sind, ein grundrecht auf billigen treibstoff zu haben.
      im übrigen muss ich mich noch deklarieren: ich finde autos doof. ich besitze keines. und straßenbahn fahre ich auch an tagen, an denen ich mich deshalb nicht toll finde.

      • satriales sagt:

        auch für Sie, lieber Herr Lauth, gilt: fahren Sie nie Taxi? ich verstehe einfach nicht, warum einen das zum besseren menschen machen soll wenn man autos nicht mag … andersrum ist man ja auch kein besserer, wenn man autos sehr mag, oder?

        ad missverständnis: das ist natürlich eine sichtweise. wobei allerdings – ganz so rückständisch sind die heutigen motoren auch wieder nicht, stichwort wenig verbrauch, stichwort hybrid, stichwort brennstoffzellen, stichwort e-motor. da tut sich einiges.

        • Ja, ich fahre auch Taxi. Und natürlich ist niemand ein besserer Mensch, nur weil er nicht mit dem Auto fährt. Das habe ich auch nie behauptet. Zu den von Ihnen erwähnten Technologien: Sicher tut sich einiges, aber eben noch nicht auf der Straße. Und wie sehr der Ottomotor auf der Höhe der Zeit ist, kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Es ist nur auffällig, dass er wohl als einzige Technologie der Welt – gut, die Glühbirne gibts auch noch – nie durch was Besseres abgelöst wurde. Und normalerweise laufen Innovationszyklen ja anders. Wir telegrafieren schließlich auch nicht mehr, sondern benutzen Mobiltelefone.

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