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Der Banker: Unser liebstes Feindbild spielt wieder

Von | 10.05.2011, 14:56 | Kein Kommentar

Die Wirtschaftskrise ist vergessen, die Boni explodieren, es zählt das Hier und Jetzt. Trotzdem muss sich unsere Art des Wirtschaftens ändern.

Ein Morgen in London. Banker auf dem Weg zur Arbeit.

Zugegeben, ich hätte auch gern mehr Geld. Aber ich spüre trotzdem keinen Neid, wenn einmal mehr den unteren 97 Prozent der Gesellschaft der Mittelfinger entgegen gestreckt wird. Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer, die sich der Vorstandsvergütung und der Ausschüttungspolitik der ATX-Konzerne annahm, ergab, dass Spitzenmanager eines ATX-Unternehmens im Jahr 2010 im Schnitt 1,15 Millionen Euro verdienen – also so viel wie vor der Wirtschaftskrise und ein Fünftel mehr als im Jahr 2009. Diese 1,15 Millionen Euro bedeuten auch das 41-Fache eines durchschnittlichen Gehalts. Darüber hinaus ist von um fünf Prozent gestiegenen Boni die Rede und von Erhöhungen der Grundgehälter um 20 Prozent. Und wie hier im Standard zu lesen, schnellten auch die Banker-Gagen im Jahr 2010 wieder kräftig nach oben: Die Vorstände der beiden an der Börse notierten Großbanken bezogen 2010 gut 80 Prozent mehr Gehalt als noch 2009.

Weiters erzählt Wolfgang Kaden drüben im Spiegel vom „Tanz auf dem Vulkan“, den die Akteure auf den internationalen Finanzmärkten dieser Tage wieder vollführen. Die Party geht weiter, die bitteren Zeiten der Gehaltsbegrenzung für Vorstände sind vorbei, und Hedgefonds-Manager wie John Paulson zocken mit Unterstützungen von Instituten wie der Deutschen Bank.

Noch einmal: Ich will hier keine Neiddebatte führen, nur weil wohl ich nie in meinem Leben Vorstand oder Hedgefonds-Manager sein werde. Aber die Signalwirkung solcher Geldflüsse ist fatal.

Wir leben in einer Phase des Umbruchs, in der wir uns von vielen erworbenen Rechten verabschieden sollten, weil es sich wider Erwarten doch um keine Erbrechte handelt. Es gibt kein Recht auf billiges Benzin. Es gibt kein Recht auf billigen Strom. Ja, es gibt nicht einmal ein Recht auf Überfluss. Es hat alles seinen Preis – und nur, weil wir nicht gleich bezahlen, sondern auf Pump leben, heißt das noch lange nicht, dass nicht irgendwann die Schuldeneintreiber kommen.

Sie kommen immer zum ungünstigsten Zeitpunkt. Sie zeigen sich in explodierenden Bohrinseln wie im Fall Deepwater Horizon im April 2010. Sie kommen in Form eines Tsunami und lösen nebenbei einen atomaren GAU aus wie in Fukushima im März 2011. Und sie stürzten die Welt im Jahr 2009 in die schwerste Finanzkrise seit 1929.

Doch wirklich zuzusetzen scheinen die Schuldeneintreiber dann immer nur den Falschen. Denen, die jetzt im Golf von Mexiko nicht mehr als Fischer arbeiten können. Denen, die zu nahe am Kernreaktor gewohnt haben. Denen, die auch an die Mär vom Menschenrecht auf ein Haus mit Garage geglaubt haben. Ja, es ist selbstverständlich einfach, danach alles besser zu wissen. Und ja, sehr viele von uns wären die ersten, die 1,15 Millionen einstecken ohne darüber nachzudenken, ob diese Summe nachvollziehbar einer besonderen Leistung entspricht. Und ja, der Kapitalismus hat schon seine Vorteile.

Trotzdem wird sich die Art und Weise ändern müssen, wie wir Geschäfte machen. So pathetisch es klingt: Es ist unerlässlich, endlich auch an die Auswirkungen des eigenen Handelns zu denken. Es ist notwendig, Verzicht zu lernen und gleich glücklich zu sein. Und es ist – auch im Sinne des bereits oben verlinkten Wolfgang Kaden vom Spiegel – dringend notwendig, dass die Geldwirtschaft wieder zu ihren Kerndisziplinen zurück kehrt: Erspartes entgegen nehmen und Kredite vergeben anstatt fiktive Werte zu schaffen, die irgendwann einmal auf Kosten aller implodieren.

Den Bankern, die das durchziehen, gönne ich alle Boni dieser Welt.

Foto: Chris Brown/zoonabar, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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