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Die Sonne wird nie wieder scheinen

Von | 10.05.2011, 14:25 | 3 Kommentare

Ohrwürmer haben keine Vorurteile. Sie beseelen Massenmörder ebenso wie Menschen wie du und ich.

 

Hinweis: Diese Story ist einem Lied gewidmet, das zeit seiner Entstehung in den Sixties omnipräsent war. Sie wurde im Mai 2011 anlässlich des Todes von John Walker (geboren als John Joseph Maus) geschrieben. Im März 2019 starb Scott Walker, der andere Walker Brother. Namen und Altersangaben wurden entsprechend geändert, der Text blieb ansonsten der gleiche – the song remains the same, after all … (M. Sax, 25.3.2019)

*

Der Mann zu obigem – analog in der Dunkelkammer entstandenen – s/w-Klassiker von Erich Reismann heißt „Mad“ Frankie Fraser, er war Londoner durch und durch und brachte bis zu seinem Tod (2014) 90 Jahre auf seinen leicht gekrümmten Rücken, 42 dieser 90 Jahre hatte er im Gefängnis verbracht.

Fraser war einer der berühmtesten Gangster der Insel, er war „Vollstrecker“ der notorischen Richardson Gang und avancierte dabei zum mutmaßlichen 39fachen Mörder, ein Umstand, den er nie bestätigen sollte (sonst wäre er wieder im Knast gelandet), aber keinesfalls wollte er je dementieren, lieber kommentierte er die 39 Morde als „das waren alles böse Jungs“.

Letzteres sagte er anlässlich der „Frankie Fraser Murder Tour“, einer Touristen-Attraktion, die er viele Jahre unterhielt, da packte er ein paar Handvoll Schaulustige in einen gecharterten Bus, führte sie zu den Schauplätzen und irgendwann in den 90er Jahren waren auch Reismann und ich mit dabei.

Einer dieser Schauplätze ist das Blind Beggar Pub in der Whitechapel Road im Eastend. Dort erzählte er die Story vom 9. März 1966, als sein Co-Vollstrecker George Cornell ins Gras biss. Cornell saß an der Bar, und in der Jukebox daneben spielte gerade „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers, als Gangster-Rivale Ronny Kray (von den Kray Brothers) hereinkam und ihn erschoss. Die Umstände wollten es, erzählte Fraser, dass genau im Moment, als Cornells Leben erlosch, die Platte in der Jukebox bei „anymore … anymore … anymore“ hängen blieb. Tolle Legende, nicht wahr?

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Scott Walker 1968 by Unknown, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Vor wenigen Tagen starb Scott Walker (76), der war ein Drittel der obgenannten Walker Brothers. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Jukebox-Ikonen der 60er Jahre derzeit sterben wie die Eintagsfliegen und wann immer sie das tun, triggert ihr Abdank bei Zeitgenossen starke, präzise Bilder, so, als wärs gestern gewesen. Diese Bilder sind im Fall von Walker natürlich ganz andere als jene, die etwa der Abgang von Peter Alexander wachrief. Aber sie haben auch mit einander zu tun, beide waren unter anderem Jukebox-Ikonen.

Im Fall von Walker haben  diese Bilder bei mir wenig mit dessen Person zu tun, dafür alles mit „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“. Ich bin mir sicher, dass mindestens jede(r) zweite meiner Altersgenossen seine oder ihre ganz persönliche Geschichte zum Lied auf Lager hat und eine Erklärung dafür ist die obligate: Man ist mittler Weile eben ein ziemlich alter Furz. Aber das ist nicht alles. Diese Geschichten sind nun 40+ Jahre her und warum zum Teufel sind deine Erinnerungen daran so frisch, während sich damals niemand aus der Elterngeneration an den Krieg erinnern (können) wollte – der erst eine 20+ Jahre alte Geschichte war?

Als ich vom Tod Walkers las, hatte ich sofort zwei Worte im Schädel: „Spiel F6!“

Die Bilder dazu kamen wie das Wasser nach einem Dammbruch. Ein verregneter Sommer 1970, ein Campingplatz in Nussdorf am Attersee, ein Gasthaus mit Stüberl. Dort stand also die Jukebox – und warum kann ich mich erinnern, dass diese Maschine mit so Vinyl-Scheiben wie „Eve of Destruction“ und „Paint it Black“ (!), mit heute Unbekanntem wie „Deep Water“ … und eben mit „Sun Ain´t Gonna Shine“ bestückt war (die war mit „F6“ programmiert)?

Eine Erklärung liegt auf der Hand: Es waren analoge Zeiten, es war nicht jedes verdammte Lied jederzeit abrufbar, es gab weder iPod noch Walkman, tatsächlich gab es herzlich wenige Quellen, insbesondere im Urlaub fandest du dich dort wieder, wo eine Jukebox stand – und so konnte persönliche Jugendkultur wahr werden, etwas organisch Gewachsenes, ein gruppendynamisches Dasein mit den paar Liedern, die zur Verfügung standen (weiß der Himmel, wie „Deep Water“ nach Nussdorf geriet), verknüpft mit unauslöschlichen Erinnerungen wie jene an die zwei deutschen Mädchen, die bei „Keep on Running“ derart genial zu tanzen begannen, dass wir Ösibuben Besorgnis erregendes, Testosteron-bedingtes Ohrensausen bekamen.

Das ist das Nette am Mangel an Alternativen: Die deutschen Mädels waren weit über unserer Liga angesiedelt. Aber sie hatten keine Wahl, sie waren mit Eltern am Campingplatz Nussdorf, dort gab es nur uns paar Ösibuben. Und nur eine Jukebox. Es war großartig.

Das ist der Unterschied. Heutzutage sitzt du irgendwo mit dem Headphone-Dings, das dir Sachen ins Ohr plärrt, die dir immerhin die Geborgenheit suggerieren, dass es sich um die Musik deiner Wahl handelt, die dich zur Umwelt auf Distanz hält und das wirst du, wenn überhaupt, so nur dann einst erinnern, wenn dich auf der Wienzeile zufällig mal ein gegen die Einbahn kommender Radfahrer über den Haufen fährt („in den Headphones liefen gerade Wanda, als es passierte!“). Ansonsten hat die Alles-und-überall-und-jederzeit verfügbare Digitalgegenwart auch ihre mächtigen Schattenseiten, sie hat was eklig McDonalds-haftes.

Aber ist das alles? Reichen Altefurzhaftigkeit und die Riten des Heranwachsens und hemmungslose Analognostalgie als Erklärung für den Umstand, dass das „F6“ einer Jukebox am Attersee und zwei Bärbels aus Frankfurt gar so unauslöschlich ins Bewusstsein tätowiert sind? Vermutlich nicht. Da muss noch was anderes gewesen sein.

Die oben angegebenen Lieder der Jukebox waren nur ein paar Tropfen in einer ansonsten schrecklichen Soße deutscher Verdrängungsmusik. Und wenn uns wer vergrämen wollte, drückte er Alexanders Delilah oder ähnlichen Schmarrn in die Box, dann leerte sich das Stüberl im Nu (auf der Insel nennt man derlei Bosheit „Wyatting“, SIEHE HIER, Empfehlung!). Tatsächlich wird mir erst in jüngerer Vergangenheit so richtig bewusst, wie gottverdammt repressiv die anderswo als „swinging“ verherrlichten Sixties (auch die frühen 70er waren bei uns Sixties) in unseren Landen waren.

Und das war wohl der Punkt. Ein Schuljahr lang warst du unter dem Daumen der ramponierten Kriegsgeneration, gingst in den Steyrer Werken oder wo ferialarbeiten – und hattest genau eine Woche der elternlosen Freiheit. Die musste es bringen, auch wenn sie nur Nussdorf hieß.

In diesem Sinne: RIP Scott Walker. Und spiel mir F6!


3 Kommentare »

  • Molly sagt:

    I am fvoerer indebted to you for this information.

  • Karin sagt:

    ich habe auch eine erinnerung an das lied: war allerdings erst 74 und in bayern. in neuburg an der donau. ein ganzer sommer im freibad. in der clique. einer hatte immer einen cassettenrecorder dabei. vom bruder. so eine viereckige schachtel mit vier tasten. und da war schon eine cassette drin. das lied war praktischerweise gleich das erste. das haben wir stundenlang im freibad gehört. hinten, in einer ecke. die wir besonders cool fanden. erste zigaretten. erstes, vorsichtiges petting, weil zu feige, nein zu sagen (jungs mit rissigen fingernäglen können ordentlich schaden anrichten). pläne schmieden. die welt retten wollen. sam cooke war auch drauf. und otis redding. und marvin gaye.
    war ein toller sommer. dann kam ich ins internat.

  • sandra sagt:

    denke an das geniale Album von SCOTT Walker, „Tilt“

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