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Die Mutter der Kinder des Terroristen

Von | 08.05.2011, 15:07 | Ein Kommentar

Ich kann mir viel vorstellen. Aber beim Gedanken, auf eine unbewaffnete Frau zu schießen, muss ich passen. Heute ist Muttertag und wahr ist auch, dass diese Kolumne eine positive Geschichte gut vertragen könnte. Und dann geriet dieses Foto auf meinen Bildschirm, es wird grad global herum gereicht. Es zeigt eine junge Frau mit „großzügigen Lippen“. […]

Amal Ahmed Abdul Fattah, Screenshot

Ich kann mir viel vorstellen. Aber beim Gedanken, auf eine unbewaffnete Frau zu schießen, muss ich passen.

Heute ist Muttertag und wahr ist auch, dass diese Kolumne eine positive Geschichte gut vertragen könnte. Und dann geriet dieses Foto auf meinen Bildschirm, es wird grad global herum gereicht.

Es zeigt eine junge Frau mit „großzügigen Lippen“. Ihr Kopftuch deutet an, dass sie der islamischen Tradition verbunden ist, die schlechte Qualität des Bildes hat damit zu tun, dass es von einem Reisepass abfotografiert wurde – auf dem ihr Name als Amal Ahmed Abdul Fattah ausgegeben ist. Beim Alter gehen die Angaben auseinander. Bei US-Magazin Time ist sie 24 Jahre alt, für CNN ist sie 29. Was wiederum zeigt, dass auch die kühlsten Köpfe fahrig werden, wenn eine zu große Dosis Testosteron ins Spiel gerät.

Das Testosteron erklärt sich von selbst. Frau Amal ist frisch gebackene Witwe, ihr Gatte war der vergangene Woche hingerichtete Osama bin Laden (hingerichtet, weil wie wir aus unzähligen Hollywood-Streifen und Videogames wissen: „Seals“ zielen in „Combat“-Situation auf die Brust, hingerichtet wird mit Kugel in den Kopf).

Die Ereignisse von Abbottabad wurden in den vergangenen Tagen rauf und runter geschildert, jeden Tag mit einem anderen Spin, und ich will hier nicht lange auf Barack Obamas massivem Fehler herumreiten, die Hinrichtung auf seine Kappe zu nehmen, das machen ja mittler Weile sogar schon Kaliber wie Altbundeskanzler Franz Vranitzky, wenn schon Gewalt, dann zur Unterstützung des Völkerrechts und nicht, um es zu verletzen, und wenn es selbst das jüdische Volk schafft, einen Eichmann vor den Kadi zu bringen, dann hat kein Obama das Recht, hier einen auf Kick-ass zu machen, 9/11 war unfassbar, aber es war kein Holocaust.

Aber zurück zu Amal Ahmed, jener Frau, der ein Seal in den Unterschenkel schoss, zufällig die einzige Frau bin Ladens, von der ein Foto existiert (siehe oben). Im Jahr 2000 wurde sie die fünfte Frau des Terroristen, sie war „ein stiller, höflicher Teenager“, heißt es bei CNN und die Tochter einer angesehenen Familie aus Yemen, bin Laden zahlte 5000 Dollar für sie. Und wenn Sie, wie ich, in weitgehender Ignoranz islamischer Tradition immerhin aufgeschnappt haben, dass eigentlich vier Gattinnen das Höchstmaß aller ehelichen Dinge ist, gibt es auch noch die Geschichte von Saada, bin Ladens erster Gattin, der es nicht gepasst hatte, einen Milliardärssohn zu ehelichen, um dann in einer Höhle in Afghanistan zu leben, und die sich daher von ihm trennte.

Von Frau Amal existiert ein Interview aus dem Jahr 2002 mit dem arabischen Magazin Al Majalla, in dem sie schilderte, wie sie nach 9/11 von Afghanistan zurück nach Yemen aufbrach, um schließlich in Pakistan zu landen, wo sie seit fünf Jahren in jenem Anwesen in Abbottabad lebte, mit ihrem Gatten und den zwei Söhnen und Tochter Safiyah, die sie mit ihm hatte, sowie einem Dutzend weiterer Kinder nebst einer zweiten Familie, bewacht von – laut aktuellem Stand – genau zwei Bodyguards.

Und auf traten also die „Seals“, unseres Wissens die „beste Kampfeinheit der Welt“, mit vier Hubschraubern und im übrigen bis an die Zähne bewaffnet, die es immerhin verstanden, einen Hubschrauber auf einsatzunfähig in den Sand zu setzen, um dann ins Geschoß vorzupreschen, wo die bin Laden-Familie lebte.

Ich weiß natürlich nicht, wie es im Eigenheim muslimischer Familien zugeht, aber ich war einmal bei einer arabischen Familie in Jerusalem zu Gast, der Mann war ein Imker namens Khalil („nenn mich Ali Charlie“) und war auf der Straße von dominanter Erscheinung, aber kaum betraten wir das Haus, wo er mit einem 37-köpfigen Clan wohnte, da ließ er seine Dominanz eine solche sein, zu Gunsten einer Unterwürfigkeit, die seiner Gattin galt – die innerhalb des Eigenheims ganz offenbar die Herrin war und kein Tuch trug und eine überwältigende Gastgeberin war und mir sogar das Bett zeigte, wo ihr erster Sohn gezeugt wurde, wie sie stolz bekundete.

Von diesem Blickwinkel gesehen, kann ich mir mühelos vorstellen, wie Amal Ahmed Abdul Fattah drauf war, als dieser uniformierte Typ in ihrem Eigenheim manifest wurde, mit Nachtsichtgerät auf der Birne und Knarre im Anschlag. Sie wird tun, was jede Hausherrin macht, nämlich ihn konfrontieren und einen auf „was zum Teufel hast du hier zu suchen“ servieren.

Nicht kann ich mir vorstellen, auf eine Frau zu schießen, sei es auch nur ins Bein. Und von der „bestausgebildeten Kampftruppe der Welt“ erwarte ich mir eigentlich was anderes. Aber wie oben erwähnt: das Testosteron, das auch die kühlsten Köpfe gern mal in fahrige Zeitgenossen verwandelt. Und kalte Krieger in hysterische Warmduscher. Alles Gute zum Tag, liebe Mütter.

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