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Zum Europatag: Was Barrosos Team von Balkan Borat lernen kann

Von | 06.05.2011, 16:57 | Kein Kommentar

Sicher, gerade jungen Bürgern muss sich Europa erklären. Aber eine Facebook-Page allein wird dafür nicht reichen.

Ekrem Jevric ist Taxifahrer in New York City. Irgendwann schmetterte er dem öden Alltag im 21. Jahrhundert sein Klagelied entgegen. „Kuca – poso, poso – kuca“ (Haus-Arbeit, Arbeit-Haus), leiert er im selbstgemachten road video in die Webcam; nach wenigen Monaten hat er mehr als neun Millionen hits auf Youtube und ist in ex-jugoslawischen Kreisen ein Superstar, Codename „Balkan Borat“.

Christoph und Lollo sind zwei Sänger in Wien. Vor mehr als zehn Jahren fingen die beiden zu singen an; mit den Skispringerliedern starteten sie durch. Allein ihr Song „Karl Heinz“ hat fast 400.000 Hits auf Youtube.

Jevric singt vom Alltag; Christoph und Lollo singen vom Rechtsstaat. Alle drei kommen ohne spezielle Kulisse aus, sind am Puls der Zeit, und kommunizieren effektiv.

Andere Leute haben zwar eine interkontinentale Bühne, eine zentnerschwere Funktion und dutzende Mitarbeiter, aber sie bleiben trotzdem einsam. In Taxifahrer- und Skispringerkreisen, und in der Manege der Social Media.

José Manuel Barroso zum Beispiel; 21 Leute schauten sich bisher auf Youtube an, was Barroso über „Einprägsame Bilder eines vereinten Europa“ zu sagen hatte. Ähnlich lauschig geht es bei der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton zu: 69 Fans hat sie auf ihrer Facebook-Seite. Selbst die bürgernahe Sachpolitik bleibt popularitätsfern. 58 Leute mögen den Europäischen Ombudsman auf Facebook, 32 Leute die European Food Safety Authority in Parma, zwei Leute die European Common Aviation Area.

Was für ein Missverständnis! Was für eine vergebene Liebesmüh! Entlassen wir die Europäische Union und ihre tausenden Sub-Gruppen doch aus der Qual der „social media presence.“ Entlassen wir die Medien-Beauftragten in Brüssel aus den haareraufenden Sitzungen, der Suche nach Extra-Budgets für das Bespielen dieser Kanäle und damit aus den Überstunden.

Unserem Verständnis nach wollen wir in unserer Social Media-Manege ohnehin etwas ganz anderes zum Thema Europa als gequälte PR-Handstände von Verwaltern: Wir sind das Volk, wir sind Europa. Wir wollen ein Gegenüber. Wir vertragen Widersprüche.

Ob zur arabischen Welt, ob zum Konsumentenschutz, ob zum Euro, ob zu Schengen; ob zum Rechtsstaat, der Freiheit und dem Preis, den wir Europäer dafür zu zahlen bereit sind oder sein sollen: Wir wollen ein Gegenüber. Wir vertragen Widersprüche.

In Österreich heißt das, wir wollen Europa zwischen Feldkirch und Eisenstadt, und zwar im Klassenzimmer und im Vereinslokal. Unmöglich? Nun, wenn jede/r der tausenden Beamten und Akteure, die in Österreich und für Österreich in der EU ganz selbstverständlich mit dem EU-Regelwerk arbeiten, sich jeweils für wenige Stunden im Jahr – abseits der TV-Kameras und der Barocksäle – dorthin begeben, wo die Leute sind, dann wäre das ein Anfang. Denn: Die Institutionen der EU, ihre Mitarbeiter und Partner in den Nationalstaaten gehören in die echte Welt, nicht in die virtuelle.

Barroso, Ashton und Van Rompuy und ihre Organe werden im Netz niemals so punkten wie Ekrem Jevric, Christoph und Lollo. Aber sie können etwas von den drei Sängern lernen: sie sind authentisch. Und Authentizität ist, was sich Europäer und Europäerinnen wünschen.

Am 9. Mai 1950 wurde Europa als Gemeinschaft geboren. Und darum feiert Europa den 9. Mai als Europatag. Verena Ringler wird zu diesem Anlass schon heute um 19 Uhr im Museumsquartier Wien dem Duo Stermann & Grissemann Rede und Antwort stehen, das dort bei freiem Eintritt die Satireshow „Willkommen Europa“ abhält.

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