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Sex für Fortgeschrittene 34. Bin Bumsen

Von | 05.05.2011, 4:24 | Kein Kommentar

Thema Terrorsex. 9/11 hatte seinerzeit in Amerika einen massiven Babyboom ausgelöst. Ähnliches ist nach Bin Ladens Tod nicht zu erwarten.

Terrorsex by Tim Möller-Kaya

Wie vor kurzem HIER referiert, ist für kommende Weihnachten (zumindest in Japan) ein Babyboom zu erwarten. Warum? Weil jede massive Katastrophe – Stichwort Tsunami – ihre ungeplanten Kinder hat. Im Fall des 9/11-Terrors in New York konnte dieser Umstand beeindruckend mit Zahlen belegt werden. Neun Monate später hatten US-Spitäler einen Geburtenzuwachs von bis zu 25% im Vergleich mit dem Sommer davor gemeldet.

Es war eine der raren angesagten Revolutionen, die tatsächlich statt fanden. Schon zehn Tage nach dem Bin Laden-inspirierten Terrorakt hatte der Autor Cole Kazdin im online-Magazin Salon.com diesen Babyboom als unweigerliche Konsequenz des Terrors prophezeit. Unter dem mittler Weile als präziser Begriff abgesegneten Titel „Terrorsex“ hatte er eine Reihe entsprechend sexuell motivierter Phänomene dokumentiert.

Paare, die den 11. September 01 getrennt erlebt hatten, berichteten von ungewöhnlich exzessiven Sexakten in den Tagen danach. Ein Homosexueller, der sich am Tag Null zur Arbeit im World Trade Center verspätet hatte, erzählte, wie er am selben Tag online einen Partner fand und Sex hatte, „als wäre es das letzte Mal“. Junge heterosexuelle Karrieristen begannen sich plötzlich für BDSM-Sex zu interessieren.

Während die Wirtschaft in eine satte Rezession tauchte, verzeichnete die amerikanische Sexindustrie einen unzeitgemäßen Boom. Kontaktmagazine meldeten Rekordschaltungen, der Sex-Megastore „Toys in Babeland“ brüstete sich mit einem Umsatzplus von 30%. Das Swingen, in der Zeit nach Aids nur noch ein Underground-Phänomen, erlebte seine Wiedergeburt. Und obwohl der US-Tourismus in den Wochen danach kollabierte, war die New Yorker Website „Condomania“ mit Hits zugedeckt.

Sexuell betrachtet hatte der Fall der Twin Towers makaber belebende Konsequenzen.

„Die Ereignisse“, hieß es in Salon.com, „provozierten einen radikalen Wandel der Prioritäten. Arbeit und Besitz zählten nicht mehr. Nur Beziehungen waren ‚echt’.“ Anderswo orteten Sexkolumnisten zwei signifikante Trends. Die einen wollten sich kleinfamiliär zurückziehen und Kinder zeugen. Die anderen wurden zu PartylöwInnen, weil der Gedanke, es könnte die letzte Party sein, nicht mehr ganz so abwegig erschien. Oder, wie der britische Observer im Babyboom-Sommer 02 zusammenfasste: „Die einen lebten plötzlich für die Zukunft, die anderen für den Moment.“

Für den „Bereich Urgehirn“, den stillen, unlogischen Organisator unseres Trieblebens, meldete sich die US-Soziologin Pepper Schwartz zur Sache. Sie erhob Sex zur (natürlichen) Reaktion, mit der wir auf Katastrophen antworten: „Wir müssen der Fight-oder-Flight-Theorie ein drittes F gestatten. In Terrorzeiten suchen Menschen nach Lebensbestätigung.“ Anders gesagt: Wird der Tod zur Seuche, ist Sex der eine wirksame Impfstoff.

Dieser menschlich-sexuelle Respons hat globale Tradition. Jede Gesellschaft reagiert(e) auf Krieg mit Babyboom. So wurde aber auch schlüssig, dass die Tiefen unserer alpenländischen Psyche den 9/11-Terror trotz nie zuvor gesehener Live-aus-New-York-Medienlawine als weitgehend amerikanische Affäre identifiziert hatten. In unseren Breitengraden blieb der Babyboom im Sommer 02 aus. Der leichte Anstieg der Geburtsrate 2002  ging laut EU-Analyse auf die Kappe von Immigranten.

Auch die „österreichische Triebstruktur“ reagierte, wenn überhaupt, dann eher eingeschüchtert. Schloss ich zumindest nach einem seinerzeitigen Telefonat mit Pornograf Thomas Janisch, seines Zeichens Österreichs verlässlichste einschlägige Informationsquelle. Janisch beteuerte glaubhaft, am Umsatz-Boom seiner US-Kollegen in keiner Weise mitgenascht zu haben, im Gegenteil, er „spürte nur die Rezession, wie der Rest der Wirtschaftswelt.“

Bin Ladens September-Terror hatte bei uns Wirkung gezeigt. Aber sexuell war sie nicht.

Bliebe die Frage, ob der Tod Osama Bin Ladens nun etwaige Auswirkungen auf die Geburtsstatistik haben könnte. Antwort negativ, würde ich sagen. Was ist schon Großes geschehen? Laut aktuellen offiziellen US-Statements wurde einer zeternden Frau ins Bein geschossen, ein unbewaffneter Bin Laden dann einfach abgeknallt. Das ist kein elementares Ereignis, das ist der ausgesprochen schäbige Akt eines Lynchmobs.

Wer soll bei sowas einen hochkriegen?

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