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Osama bin Laden hätte vor Gericht gehört

Von | 02.05.2011, 20:22 | 3 Kommentare

Ein Prozess gegen Osama bin Laden hätte eher Zeugnis von der Überlegenheit einer rechtsstaatlichen Zivilisation abgelegt als Präsident Obamas archaischer Kommentar.

Es ist ein Tag globaler Erleichterung – mag man vermuten, wenn selbst die Bundeskanzlerin mit einer Glückwunsch-Depesche nach Washington an die Adresse von Präsident Obama aus Anlass der Erlegung des Top-Terroristen Osama bin Laden gratuliert. Wie beurteilen und bewerten wir den Einsatz der US-Eliteeinheiten? Finden wir es gut, dass Osama bin Laden erschossen wurde? Dafür gibt es eine Mehrheit. Damit haben wir den Fall definiert, demzufolge ein – zweifellos sehr böser und blutrünstiger – Mensch ohne gerichtliches Verfahren getötet werden darf. Manche sehen in ihm ein Ungeheuer diabolischen Ausmaßes, eine Ausgeburt der Hölle – was natürlich alle menschlichen Maßgaben außer Kraft setzt.

Die Terrorgefahr bleibt

Eine Gefangennahme bin Ladens anstelle der Exekution hätte mindestens zu Aufständen wenn nicht aber monatelangen Zermürbungen zwischen der islamischen und der westlichen Welt geführt. Der Fall Saddam Hussein hat über Monate die Gemüter erhitzt. Dass der Terrorist nun in einem Gefecht getötet worden ist, kommt daher allen gelegen. Seine Bestattung auf See soll zudem verunmöglichen, dass es an seinem Grab zu einer Art Heiligenverehrung kommt.

Schon kursiert in Foren in der islamischen Welt die Verschwörungstheorie, dass bin Laden gar nicht tot, sondern das Ganze vielmehr eine Finte der USA sei. Da bin Laden das Gesicht zerschossen worden sein soll, müssen die Vereinigten Staaten auf andere Weise in der Lage sein, seine Identität geklärt haben zu können. Und selbst wenn es ein Foto des Toten gäbe: Solche Verschwörungsgeschichten halten sich hartnäckig. Auch heute noch teilen viele Menschen in der islamischen Welt die Mär, dass am 11. September 2001 im World Trade Center keine Juden umgekommen seien.

Mit dem Tod bin Ladens ändert sich an der Terrorgefährdung durch islamistische Terroristen nichts. Das dezentral arbeitende Gesinnungsnetzwerk ist so ausgelegt, dass es ohne einen CEOauskommt. Osama bin Laden war seit den Anschlägen von New York und Washington der Spiritus Rector der von ihm gestifteten Bewegung, ein Elder Statesman sozusagen.

Dass wir den Tod bin Ladens begrüßen, zeigt einmal mehr, dass wir uns in einem Wettstreit der Systeme befinden. Die Ungleichzeitigkeit, mit der sich der hoch ausdifferenzierte Westen und die archaisch-religiöse Welt des islamischen Kulturkreises begegnen, ist seit dem 11. September 2001 noch größer geworden. Diese Diskrepanz ist es, die ursächlich für das Entstehen des islamistischen Fundamentalismus war. Wir sind also in einem Kreislauf von Überlegen- und Unterlegenheitsgefühlen gefangen, aus dem beide Seiten nicht heraus können: Der Westen fühlt sich von der Gewaltverherrlichung des islamistischen Terrorismus in seiner Diesseits-Fokussierung und seinem Fortschrittsglauben herausgefordert und existenziell bedroht. Die islamische Welt ist von der Liberalität des Westens angewidert und sieht sich als Opfer des wirtschaftlichen und technologischen Fortschritts des Okzidents.

Im Wettstreit der Systeme

Was den Islamisten gestohlen bleiben kann, ist einzig und allein die Moderne. Der Rückgriff auf die Rhetorik und die Bilder der islamischen Frühzeit, die Osama bin Laden in seinen Videobotschaften ebenso gern verwandt hat wie Mohammed Atta in seinem Abschiedsbrief, belegen das.

Unser Gerechtigkeitsempfinden mutet am heutigen Tage – leider – auch archaisch an. Der Gerechtigkeit sei Genüge getan worden, sagte Präsident Obama, als er den Tod bin Ladens kommentierte. Ein diffuses Rachegefühl schwingt hier mit, eine Genugtuung, die aus der Zeit herzurühren scheint, in der es noch keine unabhängige Justiz und keinen Rechtsstaat gegeben hat.

Ein Prozess gegen bin Laden wäre in jedem Fall besser gewesen für eine Zivilisation, die sich viel auf ihre Freiheitlichkeit und die Rechtsstaatlichkeit einbildet. Der Eichmann-Prozess war dem „Spiegel“ nicht umsonst eine zweiteilige Geschichte wert. Den Architekten des blutrünstigen Islamismus ebenfalls vor Gericht und verurteilt zu sehen, hätte unserer westlichen Geisteshaltung entsprochen. Der Legendenbildung hätte es auch entgegengewirkt. Ein klarer Richterspruch hätte für alle Zeiten bleibend artikuliert, dass hier ein Mensch war, der gegen alle Prinzipien des Menschseins verstoßen hat und daher von der Menschheitsfamilie verbannt worden ist. Todesstrafe. Am Ende hätte auch dieser Böse nur noch banal gewirkt.

Foto: US Navy, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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3 Kommentare »

  • Mike sagt:

    Ich glaube nicht, dass ein möglicherweise über die Jahre in die länge gezogener Prozess (ich glaube entsprechende Anwälte hätten sich gefunden) mit einer entsprechenden Medienöffentlichkeit die Situation verbessert hätten. Das hätte imho nur dazu geführt den Hass auf westliche Einrichtungen noch mehr zu schühren und ob es in unser Aller Interesse sein kann, immer und überall in einem Islamischen Land aufpassen zu müssen nicht ersatzweise gesteinigt zu werden wie es nach den Mohamed Karrikaturen passiert ist bezweifle ich. Sogesehen ist meiner Meinung das schnelle klare Ende das kleinere Übel. Die Auswirkungen sind so sicher geringer.

  • mare sagt:

    Teile Deine Meinung und in Zukunft wird hoffentlich so verfahren, dass zum Schluss- wie Dein letzter Satz – das Böse nur noch banal wirkt!

  • saxo lady sagt:

    Sehr gut zusammen gefasst, Richterspruch ja.

    Aber Todesstrafe? Doch wieder Aug um Aug?

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