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Log-Stoff: Tag 25 (7. Seetag)

Von | 02.05.2011, 8:00 | Kein Kommentar

Krise! Da freut sich der Mann seit gestern auf einen Landgang und was ist? Noch ein Seetag. Wieder eine Stunde weniger. Das halbe Schiff steht kurz vor dem Lagerkoller. Da kommt unerwartet Rettung.

Die Kasperlpost hat seine Hoffnungen zunichte gemacht. Einfach so. Als der Mann freudvoll die Bordnachrichten von der Tür rupfen wollte, blieb seine Hand mitten in der Bewegung stecken. Denn die Überschrift lautete nicht Madeira, sondern „7. Seetag“. Wir hatten uns schlicht verzählt. Und das ging offenbar nicht nur uns so. Generelle Grundstimmung an Bord: Muffig. Das Wetter: schlecht. Kalt. Regnerisch. Fieser Wind. Heißt: Kein Außenbereich nutzbar. Und immer noch recht hoher Seegang. Was das Gehen durch die langen Kabinenkorridore zu einer Fallstudie für die Bewerbung beim „Ministry of Silly Walks“ werden lässt. Kommt bei anderen aber nicht so gut, wenn man auf Treppenstufen kauert und sie beim Gehen auslacht. Deshalb lassen wir es lieber.

Die Crew wirft nochmal alles ins Rennen, was geht. Und hat offenbar auch heimlich eine Jungfrau geopfert, denn der Himmel reißt plötzlich auf. Passend zu unserer Transatlantiktaufe. Nachmittags am Pooldeck. Da ist sogar der Mann besänftigt. Immerhin war das sein Ziel: Einmal über den Atlantik, ohne Jetlag. Deshalb machen wir das. Mir hätten auch ein paar Wochen Karibik gereicht. Aber wenn man schon mal die Chance hat, dem Liebsten einen Lebenstraum zu erfüllen, muss man dabei sein. Finde ich.

Also Transatlantiktaufe. Durch Neptun und sein Gefolge. Machen wir’s kurz: Es war gar nicht Neptun, sondern ein verkleideter Schauspieler. Wir müssen vier Stationen passieren, wo wir von Meerjungfrauen seine Knochen (grün gefärbte Rigatoni), sein Fleisch (Spinat mit Knoblauch) und sein Blut (rosa gefärbten Eischnee) gereicht bekommen und essen müssen. Und dann haben wir eines seiner Kinder zu küssen – in diesem Fall eine Lachsforelle. Gott sei Dank – für beide Seiten – ist die schon tot. Der Bordfotograf freut sich. Viele Motive, und keiner kann ihm entkommen.

Als Rache für frühere Nichtbeachtung lässt er viele den Fisch zwei Mal küssen. Was den Männern deutlich leichter fällt, als den Frauen. Wir waren immerhin clever und haben uns schon ganz früh angestellt. So werden wir bereits nach knapp zehn Minuten von Neptun mit seinem Dreizack gehaut und erhalten beide unseren neuen, maritimen Namen. Der *ähm* besser privat bleibt. Als wir zwei Stunden später nochmals übers Pooldeck traben – ich will eine Pizza-schnitte, der Mann will mir zuschauen – stehen immer noch verfrorene Leute und Darsteller (Neptun hat natürlich auch ein Gefolge) herum und küssen den Fisch. Der nun wirklich nicht mehr frisch ausschaut. Die Urkunden bekommen wir übermorgen, heißt es. Neptun kommt nur an Seetagen.

Auf dem Weg in die Kabine bleibt der Mann wie angewurzelt stehen: Auf den überall hängenden Bildschirmen läuft ausnahmsweise nicht eines der Reederei-Werbefilmchen, sondern irgendein deutscher Nachmittags-TV-Schrott. So schnell war er noch nie in der Kabine. Und – siehe da – die  heimliche Hoffnung bewahrheitet sich. Wir sind offenbar in Reichweite deutscher TV-Satelliten. Na gut, wir hinken zeitlich noch eine Stunde hinter dem Sendeablauf hinterher, aber das lässt sich regeln. Obwohl ich gerade zwei Pizza-Schnitten gegessen habe, treibt mich der Mann zum Abendessen. Und dann zurück vor den Fernseher. Wo er mit einem wohligen Grunzen in den Kissen versinkt. Er ist im Nirwana: Auf dem Sportkanal läuft Snooker. Bitter ist das allerdings für die Bordkünstler: Sie treten erstmals vor leeren Rängen auf. Ein harter Schlag fürs Künstler-Ego. Bisher waren sie viel Publikum gewöhnt. Das mit dem TV-Empfang hat sich offenbar herumgesprochen.

Aber es wird schön gewesen sein.

Foto: Ambernectar 13, Lizenz: CC BY-ND 2.0

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