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Log-Stoff: Tag 24 (6. Seetag)

Von | 01.05.2011, 8:49 | Kein Kommentar

Vollmond mitten am Atlantik. Den lässt die Crew nicht tatenlos verstreichen: Sie bittet abends aufs Pooldeck. Zur Fête blanche. Der Mann wäre perfekt dafür gerüstet, will aber nicht. Muskelkater!

Das fängt ja gut an: Schon wieder eine Stunde weniger. Mittlerweile weiß ich, wie ich damit umgehen soll: Ich drehe mich nochmal um und schicke den Mann allein zum Frühstück. Das ist ihm deutlich wichtiger als mir. Wobei – ihm geht es hauptsächlich um den Kaffee. In den Buffetrestaurants gibt es den traditionellen Filterkaffee in großen Kannen. In unserem Frühstücksraum kriegt er seinen geliebten Milchkaffee. Soviel er will. Soll er doch. Ich grabe mich derweil noch einmal quer durchs Bett. Ohne mich macht es ihm aber nur halb so viel Spaß – und er ist nach 20 Minuten schon wieder da. Jetzt hilft nix mehr und ich muss auch aufstehen. *grmpf*

Dann also Sport. Vielleicht sediert ihn das, denke ich. Wieder vergeblich. Um sich nicht zu langweilen trainiert er täglich mit mehr Gewicht. Und länger. Weil es bei Männern irgendwie immer um die Herausforderung geht. Der Lohn folgt auf den Fuß: ein riesiger Muskelkater. Da hilft auch kein Gang mehr in die Sauna, direkt nach dem Training. Ich habe da schon weniger Probleme. Erstens, weil ich immer das gleiche Programm abspule. Und zweitens, weil ich nur jeden zweiten Tag trainiere. „Fauler Sack“, nennt der Mann das. „Trainingsplan“, kontere ich.

In der Bordbibliothek hat sich der Bücherbestand derweil tatsächlich rasant verkleinert. Auch die einst stolze Spielesammlung ist deutlich geschrumpft. Kein Wunder, irgendwas muss man mit der Zeit ja anfangen und immer nur aufs Wasser zu starren, erfüllt auf Dauer auch nicht. Als Anhänger einer gewissen Vorratshaltung habe wir uns allerdings schon seit Grenada mit einem Spiel versorgt, das uns beiden gefällt.

Die Wahl fiel auf Kniffel, in Österreich besser bekannt als Würfelpoker. Schon zu Studentenzeiten habe ich damit ganze Nächte zugebracht. Der Mann trifft also auf keinen blutigen Anfänger. Wir haben also Brett und Becher, fehlen noch die Würfel. Und zwar nicht nur uns. Die Würfel sind aus allen Spielen verschwunden. Seit Anfang der Reise. Nur im allerobersten Regal, an das ich nicht mal mehr auf Zehenspitzen rankomme, versteckt sich noch eine Spielesammlung. Und dort wird der Mann fündig: Es gibt also doch noch Würfel für uns. Wir spielen allerdings ermüdend gleichmäßig: Einmal gewinne ich, einmal er. Selbst mit dem Seegang als Handicap ändert sich daran nichts.

„Dann probieren wir halt das Schiffsbingo“, verordne ich. Das findet an allen Seetagen ab 20.00 Uhr statt. „Vielleicht erstmal nur schauen“, meint der Mann. Die Veranstaltung ist gut besucht, als wir kommen, sind die beiden Moderatorinnen bereits bei der Erklärung der Regeln. Mist. Die wollte ich mir vorher unbedingt anhören, weil ich sowas noch nie gemacht habe. „Irgendwelche Zahlen auf deinem Schein durchstreichen“, versucht sich der Mann zu erinnern. Und bekommt plötzlich so einen ganz bestimmten stieren Blick. Die Moderatorin erklärt gerade etwas von Zahlen zwischen „Pfirsich und Neunundpfirsich“. Und dass jeder einen Strafschnaps trinken müsse, der womöglich so fad ist und „vierzig“ sagt. Den Blick kennen ich schon. So guckt er, kurz bevor er Amok läuft. Oder wahlweise vor Mißfallen auf den Teppich kotzt. Das wollen wir dem armen Housekeeping aber nicht antun und flüchten deshalb. Nach drei Minuten. Neuer Rekord im Versuch, etwas gemeinsam mit anderen Passagieren zu machen.

Es wird trotzdem schön gewesen sein.

Foto: Walter Rodriguez, Lizenz: CC BY 2.0

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