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Log-Stoff: Tag 23 (5. Seetag)

Von | 30.04.2011, 8:00 | Kein Kommentar

Ha! Endlich mal keine Zeitumstellung. Dafür hängen plötzlich überall Kotztüten. Denn das Schiff beliebt „lebhaft“ zu werden. Kein Wunder, die Wellen sind mittlerweile vier Meter hoch.

Wasser. Wasser rechts. Wasser links. Wasser vorn. Wasser hinten. Das einzige Land ist ca. 5 Kilometer weit weg – unter uns. Das mit der Sonne hat sich auch erledigt. Jetzt bläst der Wind. „Ein kleines Tief“, nennt der Kapitän das euphmistisch. Und empfiehlt, sich beim Gang über Deck doch bitte mit einer Hand festzuhalten. Denn das kleine Tief vor uns sorgt für ordentliche Wellen. So habe ich beim morgendlichen Aufwärmtraining auf dem Rad auch endlich wieder ein Kurvengefühl – wenn auch etwas unerwartet.

Jedenfalls sitzen wir mit unserer Suite quasi erste Reihe, fußfrei. Denn die Wellentäler kriegen wir deutlich mehr mit, als der Rest des Schiffes. Gott sei Dank haben wir robuste Mägen. Und deshalb auch regelmäßig Hunger. Das trennt uns nun schon von gut einem Drittel der Passagiere, erfahre ich vom Schiffsarzt, der gerade nicht mal mehr zu regelmäßigen Mahlzeiten kommt. Der Arme. Kaum hat er ein bisserl Pause von den Notausschiffungen und muss nicht mehr nach jedem Landgang wahlweise Arme oder Beine eines Hans-guck-in-die-Luft eingipsen, schon stehen sie bei ihm Schlange und wollen Tabletten gegen Seekrankheit. Oder Kreislauftropfen. Oder einfach nur jemanden, der die eigene Verzweiflung teilt.

Auch die Crew ist recht munter – ausnahmsweise gibt es keine Zeitumstellung. Nur das Housekeeping könnte kotzen. Tun sie aber nicht, sondern die Passagiere. Was bei Seegang gar nicht so leicht ist: Das Fassungsvermögen der Tüten ist begrenzt. Und erfordert präzises zielen. Etwas, das nicht jedem gegeben ist. Das eigentlich *ähm* Naheliegende, die Klos, habe ihren eigenen Schwierigkeitsgrad. Denn wir haben Unterdruck-Klos. Wenn man die Spültaste betätigt, saugen sie alles ab. Weshalb die leicht trichterförmige Konstruktion zu gut einem Drittel mit Wasser gefüllt ist. Und man außer Körperausscheidungen und einem sehr dünnen Toilettenpapier besser nix damit abtransportieren sollte. Und sie hängen tief. Darüber zu kauern ist unschön, das begreife sogar ich. Denn man wird sofort – und leicht schwappend – mit dem Ergebnis der oralen oder analen Tätigkeit konfrontiert. Und das wird man zwangsläufig, weil man die Spültaste NUR bei geschlossenem Deckel betätigen sollte. Tun einige aber doch nicht. Mit recht unwürdigem Ausgang. Oder kotzen ins Waschbecken. Oder gleich in die Dusche. Mit dem Housekeeping will jedenfalls grad niemand tauschen…

Mit den Köchen aber auch nicht. Bei dem Schwanken zu stehen und zu kochen ist ganz schön anstrengend. Und geht nach acht Stunden mächtig in die Knie. Bestätigen auch die Bar-Crews. Weshalb wir ihnen das Gefühl geben wollen, ihre Arbeit wirklich zu schätzen. Und erstmal essen gehen. An Bord haben wir dabei die Auswahl zwischen vier Buffetrestaurants und drei Bezahlrestaurants (nur abends). Jedes Restaurant steht für ein bestimmtes kulinarisches Thema. Das Marktrestaurant, Wirkungsstätte unseres Besteck-Nazi und auf unserem Deck gelegen, will „den Bummel über einen mediterranen Markt“ vermitteln. Viel Antipasti und Schinken, Aufschnitt, Käse. Die gleichen zwei Suppen, wie in den anderen Restaurants auch. Und diverse Aufläufe. Das erklärte Lieblingsrestaurant der älteren Mitreisenden, besonders abends. Dann werden begeistert Schnittchen geschmiert und Sandwiches belegt und dazu ordentlich gebechert. Daheim wahrscheinlich Tee. An Bord eher nicht. Egal.

Das Weite Welt Restaurant – unsere kulinarische Heimat an Bord – hat einige Schwerpunkte: Fisch, zum Beispiel. Deutsche Fleischküche. Österreichische Desserts. Mexikanisches. Asiatisches Nudelpfannen und Currys. Eine „World of Rice“-Strecke mit fünf verschiedenen Reisgerichte. Salatbar – die es aber überall gibt. Oder das Bella Vista Restaurant, das sich der Nudel an sich verschrieben hat und sie in unfassbaren Formen und Artenvielfalt anbietet. Weshalb hier die meisten Kinder zu finden sind. Ach ja. Zuletzt noch die Pizzeria Mare, die fast rund um die Uhr offen hat. Und deshalb Anlaufstelle für alle ist, die eine Mahlzeit verpasst haben. Oder für den Hunger zwischendurch. Oder weil man auf Pizza und Sandwiches steht. Hier kann man übrigens auch zu den unmöglichsten Zeiten den Bordarzt treffen und beim Versuch beobachten, ungestört ein Sandwich zu essen.

Es gibt sogar einige Unerschrockene, die sich auf dem Pooldeck um Flummis anstellen. Heute kann man sie gegen Mangobowle oder Mangoshakes eintauschen. Ein gutes Geschäft. Denn wegen des Seegangs wird die Hälfte verschüttet. Und man muss nachkaufen. Nicht weiter schlimm. Zwar wird unermüdlich jedes Deck geschrubbt, aber für den heute Abend angesetzten „Tanz mit den Offizieren“ wird mit eher geringem Andrang gerechnet. Zu  Recht. Der fällt nämlich mehr oder weniger ins Wasser. Zum Seegang kommt jetzt wieder leichter Regen, der aber durch den Wind fies dicht wird. So dass der Tanz vom Pooldeck in eine der Bars verlegt wird. Präziser: In die Bar direkt über uns. Was uns aber sowas von egal ist. Wir haben Besseres vor und uns zur „Indischen Saunanacht“ angemeldet.

Vielleicht wird es sogar lasterhaft. Aber auf jeden Fall wird es schön gewesen sein.

Foto: kimbospacenut, Lizenz: CC BY 2.0

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