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Log-Stoff: Tag 22 (4. Seetag)

Von | 29.04.2011, 15:20 | Kein Kommentar

Um einem Lagerkoller vorzubeugen, nimmt die Passagierbespaßung ungeahnte Formen an. Heute: Kochshow auf dem Pooldeck. Dann Melonenbowle. Wir entwickeln trotzdem kein Stockholm-Syndrom.

Längst schon bin ich morgens nicht mehr alleine an Deck. Weil ich immer später aufstehe. Was wiederum damit zu tun hat, dass nun fast jeden Tag die Uhr eine Stunde vorgestellt wird. Irgendwie müssen wir ja von unser lässigen Karibikzeit wieder in heimatliche Zeitgefilde kommen. Konkret heißt das: Für mich ist nicht sechs Uhr morgens, sondern eigentlich erst vier. Auch wenn der Sonnenaufgang was anderes sagt. Besonders gearscht ist die Crew: Um 2:00 Uhr morgens wird die Uhr auf 3:00 Uhr vorgestellt. Wenn dann gerade der Bardienst vorbei ist, bleiben den Armen gerade mal vier Stunden bis zum Aufstehen. An Seetagen öffnen die meisten Bars schon um 9:00 Uhr morgens. Und tatsächlich sitzen gleich danach die ersten Leute am Tresen.

Dem Mann ist das wurscht. Er hat seinen Lieblingskellner wieder, dessen Rotation zu einer anderen Station aufgehoben wurde. Heißt: Er kriegt wieder unaufgefordert, was er will. Und wird auf die etwas ruppige Art, die Männer in solchen Fällen untereinander pflegen, bemuttert. Findet er prima. Ich nicht so. Denn mittlerweile bin ich vor dem Frühstück nicht mehr lange genug wach, um Hungergefühle zu entwickeln. Mein Magen wacht nämlich gut zwei Stunden nach mir auf. Vorher etwas essen zu wollen ist sinnlos. Beim Mann ist es umgekehrt. Er ist zwar nicht wach, aber zwei Eier und Croissants und Kaffee und Saft gehen bei ihm auch im Halbschlaf. Solange er nicht mit mir reden muss.

Danach trennen sich unsere Wege: Er stapft in den Wellness-Bereich und richtet sich im Dampfbad häuslich ein. Ich gehe spazieren  und schaue, was sich so tut. Heute gibt es auf den Pooldeck eine Kochshow. Drei der Restaurant-Chefs basteln ein Menü in Echtzeit, der Moderator redet so viel Unsinn, wie jemand, der außer Spiegeleiern noch nix zusammengebracht hat und der Kapitän muss alles probieren und loben. Klare Aufgabenverteilung. Den Ablauf kennt man eh‘ aus hunderten TV-Shows. Was die aber nicht haben ist unser Publikum.

Rüstige Rentner unterbrechen gerne ihren Bräunungsvorgang und entern das Pooldeck. Könnte ja was zum Probieren geben. Umsonst. Verzweifelt versucht der Moderator die Leute davon abzuhalten, die Bühne zu stürmen und sich neben die Köche zu stellen. „Komm, nur ein Foto“, wird um ihn herum kommandiert. Die Köche spielen mit. Je nach Charakter gequält lächelnd oder offen erfreut, aber auf jeden Fall „zum Anfassen“. Die Leute lieben es. Der Kameramann, der alles für die bordeigene TV-Show aufzeichnet, könnte kotzen. Weder kann er sich noch auf der Bühne bewegen, noch etwas filmen – immer steht ihm wer vor der Linse. Irgendwann spricht der Kapitän ein Machtwort: Alle, die nix mit der Show zu tun haben müssen von der Bühne. Und stehen nun in einer dichten Traube davor. Nur ja nichts versäumen. Kaum ist das erste Gericht fertig (geeistes Gurken-Süppchen mit Lachstartar) versagt jede Disziplin und die Bühne ist wieder voller Menschen. Der Kapitän schickt wieder alle runter. Einige Damen schwingen trotzdem triumphierend winzige Suppengläser. Die haben sie schon vom Tablett gemopst. Leider ohne Lachstartar drauf, weil noch nicht fertig angerichtet. Den Damen gefriert das Lächeln.

Ziel der Show – neben dem Zeitvertreib – ist, das bordeigene Kochbuch zu promoten. Weshalb jetzt auch jeder Hinweis auf die Zubereitung mit Hinweis auf das Buch („Das können Sie alles dort nachlesen, mit Mengenangaben“) unterbleibt. Der Moderator sucht mittlerweile sein Heil in der Weinbegleitung: Natürlich gibt es zu jedem Gang eine Empfehlung. Die er kosten muss. Das tut er dann auch den Rest der Show recht intensiv. Anders steht man sowas wahrscheinlich nicht durch. Der Kapitän faselt was von „wichtigem Termin“ und haut noch vor der Hauptspeise ab. Ich danach.

Dann doch lieber dem Mann beim Schwitzen zusehen. Ich schmeiße mich in den Bademantel und will in den Wellness-Bereich. Dort ist schon reger Andrang. Sprich: Die Hütte ist voll. Zumindest in den beiden Saunen. Die sind zwar groß, aber ab 25 Personen wird es auch dort drangvoll eng. Nur das Dampfbad bleibt angenehm leer. Vielleicht, weil es den meisten nicht hart genug ist. Eine Dame eröffnet uns eine weitere Deutungsmöglichkeit. Auf ihr Gejammer, die Sauna sei ja an Seetagen ach so voll, wird ihr das Dampfbad als Alternative empfohlen. „In sowas Lasterhaftes gehe ich nicht“, weist sie empört zurück. Hab‘ ich was verpasst?

Aber es wird schön gewesen sein.

Foto: Scott Anderson, Lizenz: CC BY 2.0

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